… oder auch oft gehört: Das macht man einfach nicht.
… da muss man eben durch.
… das wird jetzt so gemacht, weil ich es sage.
… Blablabla.
Diese und viele andere Floskeln. Füllfloskeln. Jeder kennt sie, hat sie bereits selbst hören müssen oder sogar selbst gesagt. Und ich frage mich: Wer ist eigentlich dieser man? Und warum genau muss man das so machen?
Bereits in meiner akuten Trauerphase, ach was sag ich.. eigentlich schon davor. Als mein erster Sohn so schwer an Krebs erkrankt war. Bereits da hat sich mein Fokus sehr auf Kommunikation gelegt. Und was mir da alles aufgefallen ist. Was dort alles aus völliger Überforderung und Hilflosigkeit im Umgang mit schweren Themen gesagt und nicht gesagt wurde.
Die Zeit heilt alle Wunden. (Tut sie nicht. Die Wunde verheilt nie ganz.)
Irgendwann muss es ja auch weitergehen. (Es muss erstmal gar nix. Nicht nach einem halben Jahr. Nicht nach zwei Jahren. Jeder braucht die Zeit zum Trauern, die für ihn/sie richtig ist.)
Jetzt ist aber auch mal gut mit traurig sein. (Nö, warum? Mein Kind ist tot. Ich werde wohl immer traurig deswegen sein.)
Ich habe vollstes Verständnis für all diese nett und gut gemeinten Sätze. Ich verstehe, dass viele Menschen den Umgang mit solch schweren Themen nicht gelernt haben und oft nicht über sowas wie Tod und Krebs gesprochen wurde. Oft wurde sowas einfach totgeschwiegen (irgendwie paradox und lustig zugleich, dass der Tod totgeschwiegen wird). Genauso hatte und habe ich auch Verständnis dafür, wenn Menschen gar nichts dazu sagen können und wollen. Es macht hilflos, sprachlos. Natürlich. Drum war und bin ich oft die erste, die es dann eben einfach anspricht. Um zu zeigen: Hey, es ist gar nicht so schwer.
Oft besteht die Sorge, dass die Menschen den Trauernden zum Weinen bringen könnten. Dabei liegt oft eben auch die Hilflosigkeit zugrunde, dass mit schweren Emotionen kein Umgang gelernt wurde.
Stell dich nicht so an.
Gibt keinen Grund zu Weinen.
Weine doch nicht wie ein Mädchen.
Alles gut.
Natürlich ist es eine Herausforderung die Emotionen des Gegenüber auszuhalten. Dennoch besteht immer eine Chance, daran zu wachsen. Gemeinsam. Oftmals vertieft sich eine Beziehung sogar noch mehr, wenn ein Mensch in Not bei einem anderen Halt finden konnte. Einfach nur da sein. Vielleicht in den Arm nehmen. Zuhören. Aushalten. Ob bei Trauer. Bei Angst. Bei Wut. Bei Verzweiflung. Bei Freude. Und ehrlich sein. Wo ist das Problem einfach zu sagen: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich möchte dir gerne helfen. Ich möchte dass es dir besser geht. Nur weiß ich nicht wie. Authentisch sein. Damit können die meisten Menschen viel besser umgehen. Ein Mensch in Not weiß doch instinktiv, was er braucht, was ihm gut täte. Bauchgefühl und so. Für die Außenwelt ist es dann wichtig, dies zu respektieren.
Kommunikation. So ein großes und wichtiges Thema für mich. Für mich zählen dabei vor allem Respekt und Einfühlungsvermögen mit hinein. Ich höre anderen genau zu, respektiere das, was sie sagen und wünschen. Auch wenn ich vielleicht eine andere Meinung und Vorstellung habe. Doch jeder Mensch darf für sich entscheiden, was er gut und richtig findet. Jeder Mensch weiß selbst, was ihn glücklich macht und was er nicht in seinem Leben braucht. Wenn er denn in der Lage ist, auf sich zu hören und sich nicht von außen verunsichern zu lassen. Das ist eine große Herausforderung, merke ich bei mir auch immer wieder.
Doch ob ein Mensch in Trauer. Kinder. Ältere Menschen. Erwachsene. Tiere. Pflanzen. Alle haben es verdient, dass respektvoll mit ihnen umgegangen wird.
Im Grunde wissen auch alle, dass gemeinsame Zeit das kostbarste ist. Für Kinder. Für Erwachsene. Für die ältere Generation. Natürlich ist es auch eine Herausforderung. Dabei spielen so viele Stimmungen eine Rolle, die es auszuhalten gilt. So viele Energien, die herumschwirren und einen bewegen. Seine Bedürfnisse und die der anderen sinnvoll aufeinander abzustimmen. Eine große Herausforderung. Aber machbar. Wenn man denn will.
Mich hat in den letzten Tagen vor allem der Geburtstag unseres Mini-Menschleins wieder einmal sehr zum Nachdenken gebracht. Schon bevor er auf der Welt war habe ich meinen Wunsch klar geäußert, es solle nicht einfach draus los gekauft werden. Egal zu welchem Anlass. Absprachen im Vorfeld können ungewünschte und unnötige Käufe verhindern, finde ich. Und schon zu seiner Geburt habe ich gemerkt: Es wird einfach übergangen. Ich verstehe, dass sich alle mit freuen und diesem kleinen Menschen eine kleine Ehre erweisen wollen in Form von Präsenten. Auch ich schenke gerne! Doch dieser zunehmende Materialismus in der Gesellschaft kotzt mich an. Da wird sich so viel Gedöns zugelegt. Die Wohnungen werden voller, doch die Köpfe leerer. Miteinander sprechen. Anständig kommunizieren. Aufeinander eingehen. Bloße Zeit miteinander zu verbringen, ohne viel Tamtam drumherum. Dann wird da ein frischgeschlüpftes Menschenkind und seine Oxytocin-geschwängerten Eltern mit Geschenken überhäuft, die größtenteils in den Schränken verstauben und keinerlei Verwendung finden. Und da blutet mir das Herz. Für mich muss es auch nicht immer neu sein. Gebraucht tut es auch. So haben wir es bereits im ganzen ersten Lebensjahr gehandhabt und ein Großteil hat sich daran gehalten. Natürlich sitze ich dann selbstzweifelnd da und frage mich, ob ich undankbar bin, weil ich mich im Grunde über das zwanzigste Plüschtier und das zwölfte Puzzelspiel nicht richtig freuen kann. Einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul. Noch so ein doofes Ding. Natürlich bin ich dankbar, dass alle so an unser Kindchen denken. Doch viel mehr würde ich mich freuen, wenn unser Wunsch respektiert würde. Wenn die Menschen einfach mal richtig zuhören. Aus alten und gewohnten Kreisläufen ausbrechen und mal neue Wege versuchen.
Ja, neue Wege einschlagen. Aus Gewohnheiten ausbrechen. Das hätte ich mir auch beim Besuch der Kinderarztpraxis gewünscht. Ich hatte mir fest vorgenommen, für das Wohl meines Kindes einzustehen, wenn mir dort etwas missfällt. Wenn ich gespürt hätte, dass nicht auf die Wünsche meines Kindes eingegangen wird. Ich kenne mein Kind. Ich sehe und spüre, wenn es etwas nicht möchte – abgesehen davon, dass er dafür lautstark einsteht. Die junge Sprechstundenhilfe wollte meinen Sohn vermessen und wiegen. Routiniert, wie sie war, verließ sie noch einmal das Zimmer mit den Worten Ziehen Sie ihn schonmal bis auf die Windel aus. Ich musste wieder schmunzeln, wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass mein Kindchen mit einem Jahr eine Windel trägt. Klar, macht man halt so. Machen alle so. Nee, nicht alle. Wir nicht. Nun denn, ich schmunzelte in mich hinein. Sie wollte meinen Sohn im Liegen mit dem Maßband vermessen. Ich sagte ihr, dass er dies nicht mitmachen würde und wir ihn gerne unter die Schiebemesstafel an der Wand stellen können – das würde er ohne Probleme tolerieren (und wäre nebenbei auch noch genauer). Ach das geht schon so, hörte ich sie sagen. Na gut, schauen wir mal, dachte ich. Selbstverständlich und wie erwartet, fand mein Sohn das richtig doof, sich hinlegen zu müssen, trotz liebevoller Worte meinerseits. Ich wies sie darauf hin, dass wir es gerne auf die andere Weise versuchen können und dann ein genaues Ergebnis bekämen. Nee, da muss er jetzt mal durch. Er muss da nicht durch, entgegnete ich ihr. Gerne hätte ich ihr aus Spaß auf den Fuß getreten oder sie in die Ecke gedrängt, um ihr dann lapidar sagen zu können – Stellen Sie sich nicht so an an, da müssen Sie jetzt durch. Sie war sichtbar verhalten nach meiner Aussage. Letztlich hat die Kinderärztin alles wett gemacht. Selbst Mutter, das habe ich direkt gemerkt. Sie nahm sich Zeit, ging ganz wunderbar auf meinen Sohn ein, der dadurch die Untersuchungen ohne Protest mitmachte. Eine kleine Mitarbeiterschulung wäre wohl sinnvoll.. denn das macht man nicht mehr so, finde ich.

Ich sehe, dass es möglich und oftmals sogar gut ist, gewohnte Kreisläufe zu durchbrechen. Besonders dann, wenn dabei die Rechte, die Wünsche und die Bedürfnisse meiner Mitmenschen berücksichtigt und respektiert werden. Es ist schwer, immer alles sinnvoll und gut aufeinander abzustimmen – aber dennoch ist dies für mich keine Ausrede, es nicht zu versuchen. Denn wenn ich eine Floskel von damals immer noch absolut richtig finde, ist es diese:
Behandele andere so, wie du gerne von ihnen behandelt werden möchtest.
Und im Grunde wünscht sich doch jeder ein wenig Rücksichtnahme und Respekt für seine Person.
