Mein kleiner Lehrmeister

Ich weiß nicht mehr, wann genau es war. Es war irgendwann in den letzten drei Wochen Deines Lebens. Dass es Deine letzten Tage sein würden, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht – denn wann Deine Sonne untergehen würde, konnte niemand wissen. Gut so. Was ich jedoch wusste: Dein kleiner Körper wurde innerlich immer weiter von diesem bösartigen Tumor eingenommen. Ich konnte es sehen, an so vielen Stellen. Tag und Nacht war ich an Deiner Seite und versuchte Dir jeden Wunsch zu erfüllen, jedes Bedürfnis zu stillen. Unser Tagesablauf richtete sich komplett nach Deinem Befinden. Schlaf- und Mahlzeiten wurden immer wieder aufeinander abgestimmt. Zum Schluss schliefst Du besonders am Morgen deutlich länger, als wir es gewohnt waren. Bis in den späten Vormittag hinein. Dein Körper verlangte immer mehr Ruhe, den er für seinen letzten Weg benötigte.

So auch an diesem Morgen. Ein Morgen, der mir momentan so häufig durch den Kopf geht. Weil er so vieles in mir auslöst. Traurigkeit, Wut, Fassungslosigkeit, Respekt. Alles auf einmal. Du schliefst also auch an diesem Morgen wieder länger. Daheim richteten wir unsere Aktivitäten ruhig und rücksichtsvoll auf Dich aus, um Dich nicht zu wecken. Dann klingelte es. Unangekündigter Besuch. Etwas, das wir zu dieser Zeit nicht wollten und allen klar kommunizierten. Ein kurzer Anruf vorher, etwas Planung und Überlegung, ob ein Besuch an diesem Tag sinnvoll wäre für Dich – das mussten alle drumherum einfach akzeptieren. Doch leider nicht Deine Tante.

Nun stand sie da, erwartungsvoll. Erwartete, dass wir uns freuten. Vor allem, dass Du Dich über Ihren Besuch freuen solltest. Ich war wütend über mich, dass ich sie nicht wieder vor die Tür setzte – ich war einfach zu zurückhaltend, immer und immer wieder, wenn es um sie ging. Du wurdest also von der Klingel wach, warst darüber nicht sehr glücklich. Sie stand in der Tür, schaute Dich an und begrüßte Dich. Du wolltest das alles nicht. Nein, Du nicht, sagtest Du und hast mit Deiner Hand deutlich eine Abwehrhaltung signalisiert. Sie war verdutzt, verstand offenbar nicht so ganz. Ich sagte ihr, sie möge einen Moment im Wohnzimmer warten, damit Du wach werden kannst. Ich ging mit Dir in Dein Zimmer, kuschelte mit Dir auf dem Arm. Du wolltest herunter und mit etwas spielen. Sie kam hinzu, dachte offenbar, jetzt wärst Du wach und empfangsbereit. Nein. Dem war nicht so. Es war nur ein Bruchteil einer Sekunde, als sie in Dein Zimmer trat und Du sofort anfingst bitterlich zu weinen. Du fielst mir in die Arme, mit diesem flehenden Weinen. Du wolltest das alles nicht. Es war Dir zu viel. Ich bat sie erneut, im Wohnzimmer zu warten, bis wir soweit waren.

Dieses Weinen. Es ging mir durch Mark und Bein. Auch heute noch, wenn ich daran denke. Mir laufen direkt die Tränen, wenn ich an diese Situation denke. Wie hilflos Du Dich gefühlt hast, wie unwohl. Ich wollte für Dich einstehen und habe es nicht besser gekonnt, als ich es tat. Ich hätte sie vor Deinem Erwachen vor verschlossener Tür stehen lassen müssen. Doch stand ich zwischen den Stühlen. Hatte ich doch in der Vergangenheit so viele Situationen mit ihr, die wegen Kleinigkeiten so eskalierten. Ich hatte dafür keine Energie mehr. Und dann war da der Gewissensbiss, dass sie Dich ja auch gerne noch einmal sehen mochte. Ich war innerlich zerrissen. Doch leider war Deine Tante nie so ganz der Typ, der dem gesprochenen Wort viel Glauben schenkte. Sie musste es erfahren, am eigenen Leib. Und so war es an diesem Morgen. Denn Du hast deutlich Deine Grenzen signalisiert. Besser, als ich es tat.

Nachdem Du Dich wieder gefangen hattest, gingen wir langsam ins Wohnzimmer, wo Deine Tante mit deutlich zerknautschten Gesichtsausdruck saß. Sie fühlte sich zurückgewiesen. Ich erklärte ihr, dass Du eben zu diesem Zeitpunkt sehr viel Ruhe brauchtest und wir nicht wissen, wie der Tag sein würde, wenn Du morgens erwachst. Deswegen wäre eine Nachfrage, ob ein Besuch in Ordnung sei, im Vorfeld sehr wichtig. Ich erklärte ihr, dass sie Dein Verhalten nicht persönlich nehmen dürfe. Denn selbst Deinem Papa, Deiner Oma – also anderen vertrauten Personen gegenüber- hattest Du bereits auch diese Abwehrhaltung gezeigt. Es gab so viele Tage am Ende Deines viel zu kurzen Lebens, an denen Du nur mich um an Deiner Seite sehen haben wolltest.

Kindliche Ehrlichkeit – wir durften sie während Deiner gesamten Therapiezeit immer wieder miterleben. Und sie war so ein Geschenk! Du hast so eindrucksvoll ehrlich gezeigt, was Du wolltest und was nicht. Ich brauchte oft nicht mal das Wort für Dich zu erheben – Du hast es selbst getan. Eher musste ich sehr viel auf Dich eingehen, ganz nah bei Dir sein und Dir einen gewissen Schutz und Halt geben, damit viele der wichtigen Tätigkeiten durch Ärzte und Pflegepersonal an Dir verrichtet werden konnten. Schließlich sollten sie ja am Ende Dein kleines Leben schützen, den bösen Tumor bekämpfen. Wie gerne hätte ich Dir so vieles davon erspart, wie gerne hätte ich alles davon auf mich genommen. Diese Entscheidungen für Dein Leben zu treffen, obwohl sie so sehr in all Deine persönlichen Bereiche eindrangen – getrieben von der Hoffnung, dass Du es überleben würdest. Auch wenn ich weiß, wie wichtig und richtig das alles war – mit Deinem Tod blickte ich auf einiges demütig zurück.

Und genau an diesem Morgen hätte ich so gerne einfach viel resoluter für Dich entschieden. Ich versuchte wieder einmal den friedlichen Weg zu finden – für alle. Doch konnte ich nicht allen gerecht werden. Besonders nicht Deiner Tante. Die offenbar leider mit einer gewissen Erwartungshaltung an einen sterbenden Menschen zu uns kam. Die sich offenbar für zu wichtig nahm. Der einzige, der da wichtig warst, warst allein Du! Und das sagte ich ihr auch, mit etwas anderen Worten. Fassungslos bin ich heute noch darüber.. wie wenig Empathie dort kam. Wie oft wir uns, auch während Deiner Therapie solche Floskeln von anderen anhören durften: Schieb nicht immer das Kind vor… Na der brauchte jetzt aber lange zum Einschlafen...

Ich werde wütend. Auf all diese Menschen. Mit denen ich noch versuchte, einen gewissen Frieden zu finden, ihnen gerecht zu werden. Was hab ich mich oft verbogen, wie oft hab ich die Klappe gehalten. Und dann denke ich an Dich. Wie ehrlich Du einfach warst. Ich hätte so oft einfach Deinen Weg gehen müssen. Klar und deutlich. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das hätte mir so manche Nerven erspart.

Mein kleiner Lehrmeister. So klein und eigentlich so weise. Wie auch Dein kleiner Bruder heute. Auch er ist mit dieser kindlich unverbrauchten Ehrlichkeit ausgestattet. Ich nehme mir immer mehr von dieser Direktheit an. Versuche Situationen, in denen mir etwas behagt, direkt und schnell zu klären. Viel offener und direkter zu kommunizieren. Grenzen abzustecken. Rücksichtnahme ist wichtig – keine Frage. Aber nicht bis zum bitteren Ende. So lange habe ich danach gelebt, immer, stets und ständig auf alles und jeden Rücksicht zu nehmen. Habe mich so oft dabei hinten angestellt und sogar fast vergessen. Seitdem ich Dich begleiten durfte, seit nun auch Dein kleiner Bruder auf dieser Welt ist – ja, da schaffe ich es immer immer mehr, auf mich zu achten und mich nicht mehr grenzenlos für alles und jeden zu verdrehen. Ihr, als meine Kinder, habt dabei eine ganz andere Priorität, als die ganzen Erwachsenen um mich herum.

Ich bin froh, dass ich so intensiv an Deiner Seite sein durfte. Dass ich mich so verausgabt habe und über meine Grenzen gegangen bin. Denn die Zeit mit Dir war kostbar, unwiederbringlich. Sie war zu kurz, aber sie war lehrreich. Das Wissen, die Erkenntnisse und vor allem die endlose Liebe aus der Zeit mit Dir – die werde ich wohl für immer weitertragen.

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