
Krümel auf dem Boden. Staubflusen in den Ecken. Unter den Möbeln. Verschmierte Fensterscheiben. Fingerabdrücke auf den Spiegeln. Spielzeug in jedem Raum. Mitten im Weg. Wäscheberge. Volle Wäscheständer. Flecken auf der Kleidung, die gerade erst angezogen wurde. Zerknitterte T-Shirts. Augenringe. Unruhige Nächte. Unreine Haut. Zerzaustes Haar.
Alltag mit Kleinkind. Die meisten kennen das. Vielleicht ist es für die einen nicht schlimm, für die anderen schon. Für mich, mit meiner Hochsensibilität, ist dieser Alltag manchmal herausfordernd. Weil ich so viel wahrnehme. Weil ich mir so viel Verantwortung auflaste. Weil dieser Alltag gefüllt ist mit einem hochsensiblen Kind, das mich so sehr braucht, sodass manchmal kaum etwas von mir übrig zu bleiben scheint.
Schläft er noch nicht durch?
Nein.
Nein. Er schläft noch nicht durch. Diese vermeintlich interessierte Frage trifft mich. Jedes Mal. Jedes Mal verursacht sie in mir Wut. Augenrollen. Ja, sie trifft mich an einem wunden Punkt. Denn schließlich leide ich seit der Schwangerschaft mit dem Mini-Menschlein bereits an Schlafmangel. Leiden. Klingt dramatisch. An manchen Tagen ist es das für mich auch. Dann, wenn mein sensibles Kind viel in der Nacht verarbeiten musste. Die Übergänge zwischen den Schlafphasen nicht so locker und reibungslos, ja gar unbemerkt, wie bei uns Erwachsenen oder eben den anderen Kindern in seinem Alter, verlaufen. Mein Kind braucht noch viel Rückhalt und Sicherheit von außen – von seinem sicheren Hafen. Und das ist doch in Ordnung! Ja, er ist eben vielleicht noch nicht so ganz angekommen, wie andere Altersgenossen. Die, die einfach mal locker 10-12 Stunden durchschlafen. Ohne Murren. In ihrem eigenen Bett. Im eigenen Zimmer. Warum muss das bloß in unserer Gesellschaft immer noch so ein großes Ziel sein, die Kinder so schnell wie möglich selbständig zu bekommen? Warum ist es offenbar ein Garant für die Qualität der Erziehung und für die Entwicklung des Kindes, wenn es durchschläft? Immer und immer wieder erkläre ich in einfachen Worten, dass es normal ist. Dass kein Kind schon durchschlafen muss. Dass diese Eltern, deren Kinder das schon können, eben auch Glück haben. Und dass ich kein Schlaftraining anwenden werde, um mein Kind dort hin zu bewegen, mir doch bitte endlich mal ruhige Nächte zu bescheren. Irgendwann wird er das. Ich vertraue ihm da.
…
Ja.. es ist anstrengend. Ja, an manchen Tagen kann ich kaum klar denken. Dann liegt alles im Nebel. Dann weiß ich gerade noch, wie ich unsere kleine Welt daheim am Laufen halten kann. Dann bleibt eben auch vieles liegen, das nicht so wichtig ist, wie eben ein kleines Schläfchen am Tag mit dem Mini-Menschlein. Denn ich rechtfertige alles hinter unserer Haustür, in unseren vier Wänden, nur vor mir. Schön, wenn andere es bereits realisieren können, dass die Mütter wieder etwas arbeiten gehen können – etwas für sich tun können. Schön, wenn Altersgenossen bereits mehrere Stunden in Fremdbetreuung gehen und dies wohlwollend annehmen. Schön, wenn der Alltag in anderen Familien offenbar so gut zu laufen scheint. Schön. Wirklich. Freut mich für die anderen.
Doch nur, weil es eben in unserer kleinen Familie anders läuft (als offenbar die erstrebenswerte Norm), ist es nicht falsch. Oder verkehrt. Oder unnormal. Für uns ist es eben jetzt normal. Wir nehmen unser Kind mit ganzem Herzen so an, wie es ist. Es braucht viel von uns. Besonders von mir. Das zehrt an meinen Kräften – natürlich. Doch lerne ich, sie mir sinnvoller einzuteilen. Dann sehe ich die Stilleinheiten am Tag und in der Nacht nicht als Belastung oder dass er mich aussaugt. Nein. Ich sehe es als die wunderbare Möglichkeit, die Nähe zu meinem Kind zu genießen, das viiiiiieeeel zu schnell groß wird. Das immer eigenständiger, autonomer werden will. Das einen so eigenen Kopf hat, so ein gutes Gefühl für sich und seine Bedürfnisse. Der Mini-Mensch, der so roh und unverbraucht ist. Der alle Emotionen so ehrlich und unverblümt zeigen kann, während ich sie ihm erkläre und ihn dabei begleite. Von dem ich so viel lernen darf. Vor allem über mich selbst. Und über meine eigene Kindheit, die täglich in so vielen Momenten aufploppt und mich bewusster sein lässt. Im Umgang mit meinem sensiblen Kind.
Denn wenn ich eines bereits für mich erkennen durfte: Ich war schon immer sensibel. Wollte gesehen werden und angenommen werden – so, wie ich war und bin. Doch oft wurde mir (aus sehr veralteten Erziehungsmustern heraus) eben leider auch etwas von mir abgesprochen. Wie ich fühle. Wie ich denke. Wie ich handle. Tat ich dies nicht, war ich eben bockig. Das sitzt immer noch, wenn ich das über mich hören darf. Mit 31 Jahren.
…
Und was ich daraus machen will? Wofür ich mir diesen ganzen Aufwand mit meinem Kind aufbürde (bzw. „mich aufopfere“)? …
Weil ich hoffe, dass mein Kind sich später wohl fühlt, in seiner Gesamtheit. Weil er gut ist und nicht irgendwelche Erwartungen erfüllen muss. Weil ich möchte, dass er weiß, wo seine Grenzen und die von anderen sind. Dass er weiß, was er will. Und vor allem: Dass er nicht so unsicher und selbstzweifelnd mit Anfang 30 in den Spiegel schaut, weil er im Grunde manchmal gar nicht weiß, was für ihn richtig und wichtig ist.
Für ihn.
Und eben nicht für alle anderen.
…

Der Nebel hat auch etwas Gutes. Ich kann mich zurückziehen, verstecken. Ich werde nicht gesehen und kann ganz unbemerkt leben. Vielleicht treffe ich dann doch nochmal zufällig jemanden, der auch gerade in diesem Nebel festhängt. Der eben auch nicht weiter denken und blicken kann, als zu seinen eigenen Grenzen. Und dann fühlt man sich nicht mehr so allein. In diesem Nebel. Der irgendwann auch wieder davonzieht und so die Sicht über die eigenen Grenzen hinaus ermöglicht.
