
Sie hängt so sehr an ihrem zweiten Kind, weil ihr erstes Kind gestorben ist.
Sie kann ihr Baby nicht abgeben, weil ihr erstes Kind ja gestorben ist.
Sie ist so besorgt um ihr Kind, weil ja ihr erstes Kind gestorben ist.
Sie gibt ihr Kind nicht mit einem Jahr in die Kita, weil sie zu sehr an ihm hängt. Weil ja ihr erstes Kind gestorben ist.
Sie lässt ihr Kind nicht impfen, weil ihr erstes Kind an Krebs gestorben ist.
Sie stillt so lange, weil sie ihr Kind nicht loslassen kann. Weil ihr erstes Kind gestorben ist.
Sie ist eine richtige Glucke und verbringt nur noch Zeit mit ihrem Kind. Weil ihr erstes Kind gestorben ist.
Wenn sie sich jetzt nicht endlich mal von ihrem Kind löst, wird sie das nie lernen.
…
Ich bin die Frau, deren erstes Kind gestorben ist. Und genau genommen auch ihr zweites und ihr viertes Kind verloren hat – auch wenn sie nicht für alle Welt sichtbar waren. Ich bin die Frau, die nun ein gesundes Kind in den Armen halten darf, nachdem mein erster Sohn nach einem langen Kampf gegen den Krebs sein Leben verloren hat. Ich bin die Frau, die all das mit ihrem Kind nun macht, weil ich es richtig finde. Weil es nicht nur mein, sondern das Bedürfnis meines Kindes und meines Herzmenschen ist.
Es ist sowieso schon herausfordernd, wenn man zum ersten Mal Eltern wird. Das Umfeld beäugt alles kritisch. Schnell wird sich eine Meinung über den Erziehungsstil gebildet. Schnell wird ein Urteil gefällt. Helikopter-Eltern. Glucke. Rabenmutter. Antiautoritäre Erziehung. Verwöhnen.
Bedürfnisorientiert – unser Weg. Punkt.
Wenn man dann aber wieder Mutter wird, nachdem bereits ein Kind verstorben ist.. dann ist der Blick von außen ganz sicher noch einmal anders. Du klammerst bestimmt so, weil du wieder Angst hast, ein Kind zu verlieren. Du machst das bestimmt so und so, weil..
Wer mich kennt, weiß, wie selbstreflektiert ich bin. Der weiß, dass ich den Weg zu einer Therapeutin gegangen bin, um vor allem für mich einen gesunden Weg mit dem Verlust meines Kindes zu gehen – besonders in einer neuen Elternschaft. Und ich leugne nicht, dass mich diese Erfahrungen der Krebserkrankung und des Todes meines Kindes geprägt haben. Wäre ja auch ein Ding, wenn mich das völlig unbeeindruckt ließe und ich das Kapitel ganz unverfroren schließen könnte.
Ja, ich schaue auf mein gesundes Kind und hoffe sehr, dass ihm so etwas schlimmes nicht zustoßen möge – vielleicht mit noch mehr Demut, als Eltern ohne diese Erfahrung.
Doch wenn mich eines stört, dann ist es diese negativ behaftete Urteilung und Abwertung von anderen. Es ist so in den Köpfen drin. Sich selbst besser dastehen zu lassen, indem andere ins schlechte Licht gerückt werden. Ich würde mir einfach wünschen, dass die Menschen ihre Meinungen für sich behalten. Dass sie nicht ungefragt irgendetwas äußern. Leben und leben lassen. Und vielleicht einmal versuchen, etwas mehr die positiven Attribute an jemandem zu sehen.
Denn hey.. ich bin die Frau, die bereits einmal durch die Hölle gegangen ist und es geschafft hat, wieder Licht in mein Leben zu bringen. Die Heilung darin findet, diesem kleinen Leben beim Wachsen zuzusehen. Mit diesem kleinen Leben wachsen darf. Die es absolut genießt, Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Die einfach nur verblüfft über das Wunder des Lebens ist, das uns aus zwei kleinen Zellen diesen kompletten Menschen geschenkt hat. Da kann für mich kein dämlicher Flachbildfernseher und keine künstlichen Fingernägel mithalten – sorry!
Wer nicht in den Schuhen des anderen gelaufen ist, sollte seine Meinung über das Leben des anderen schlichtweg für sich behalten. Wert- und vorurteilsfrei aufeinander zugehen und miteinander leben.. das wär’s. Einfacher gesagt, als getan.
