Heute ist der 1. Advent und nun beginnt die besinnliche Zeit des Jahres ganz offiziell.
Viele Familien der christlich geprägten Kultur haben heute ganz bestimmte Traditionen. In meiner Familie wurden am Samstag vorher die ersten Kekse gebacken und dann, am ersten Advent zum Großteil auch gegessen, nachdem die erste Kerze auf dem Adventskranz angezündet wurde. Einige Familien stellen am Samstag den Weihnachtsbaum auf und schmücken diesen dann am Sonntag gemeinsam.
Da meine Frau aber vor fünf Jahren ihren Sohn verloren hat, kann die Weihnachtszeit an manchen Tagen auch eine belastende sein.
In dieser besinnlichen Zeit, in der der Fokus auf die Familie und ganz besonders auf die Kinder gelegt wird, wo Traditionen nicht einfach verschwinden, nur weil man einen geliebten Menschen verloren hat, wo man auch wegen dem schwindenden Jahr in Erinnerungen schwelgt, kann eine Situation auch mal schnell starke Emotionen freisetzen.
Bevor unser Sohn geboren wurde war es noch etwas schlimmer. Ich denke aber, dass es eher an der Zeit und der vielen intensiven, psychischen Arbeit liegt, weshalb ihr Weihnachten nun etwas leichter fällt. Jetzt, mit anderthalb Jahren, fängt unser Sohn langsam an seinem großen Bruder nicht bloß äußerlich zu ähneln, sondern teilweise wohl auch charakterlich, in der Mimik, Gestik und in der Art wie er sich bewegt. Ich kann dazu leider nichts sagen, denn auch ich habe seinen großen nie kennenlernen dürfen. Noch ist er zu klein, um das zu begreifen, oder gar Fragen zu stellen, aber eines Tages wird er es. Schließlich hängt ja auch ein Bild seines großen Bruders an der Wand, und am Kühlschrank – auf das der kleine Mann schon das ein und andere Mal freudestrahlend gedeutet hat. Wahrscheinlich nur, weil er auf dem Bild ein anderes Kind erkannt hat. Aber vielleicht auch, weil dieser Junge auf dem Bild am Kühlschrank uns seinen kleinen Bruder geschickt hat.
Auch wenn ich den verstorbenen Sohn meiner Frau nie kennenlernen konnte, habe ich durch ihre Erzählungen, Bilder und Videos manchmal das Gefühl ihn doch gekannt zu haben. Und wenn sie plötzlich, von einem Augenblick auf den anderen, niedergeschlagen ist und die Trauer sie übermannt, dann bin ich es oft auch. Nicht nur weil es mir unendlich Leid tut, dass ein so toller Mensch einen solchen Schicksalsschlag erleiden muss und es nichts gibt, was ich noch sagen könnte. Manchmal fühlt es sich auch für mich an, als hätte ich etwas verloren – was ich niemals hatte.
Ich nehme sie dann in den Arm, streichle ihr über den Kopf und Rücken, gebe ihr einen Kuss und reiche ihr ein Taschentuch. Dann frage ich sie was war. Meist waren es mehrere Situationen in den letzten Stunden und Tagen, die zu dem Tränenausbruch geführt haben. Wir sprechen dann darüber, d.h. sie erzählt und ich höre zu und stelle die ein oder andere Frage.
Oft spielen mehrere Ereignisse über einige Tage hinweg eine Rolle. Ein Entwicklungsschub unseres Sohnes sorgt bei ihm für schlechte Stimmung und noch schlechteren Schlaf. Das wiederum überträgt sich auf meine Frau und irgendwann auch auf mich. Die Stimmung zuhause ist also generell schon gereizt, stelle ich meine Kaffeetasse dann nicht in die Spülmaschine oder klingelt der Paketbote zu einem ungünstigen Zeitpunkt an der Tür… Dann kann sie nicht mehr rational denken und wird emotional in die Zeit versetzt, als sie schon einmal ein schreiendes Kind auf dem Arm hatte, das unserem sehr ähnlich sah, das sie eben so sehr liebte, und das den Kampf gegen den Krebs verloren hat. Und dann bekommt sie Angst davor, dass ihr das gleiche noch einmal passieren könnte.
Natürlich könnte ich ihr sagen, dass es statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich ist, dass unseren Sohn das gleiche Schicksal ereilt. Doch Angst ist nicht rational. Man kann die Angst mit Rationalität eine Zeit lang fern halten, aber nicht besiegen. Es gibt z.B. tausende Verkehrsunfälle, jeden Tag, und dennoch steigen die meisten von uns vollkommen angstfrei ins Auto. Bis man selbst oder ein naher Angehöriger einen Unfall hat. Erst dann wird man sich bewusst, wie gefährlich das Autofahren doch eigentlich ist und das es uns jeder Zeit treffen könnte. Wir haben Angst, obwohl sich durch unser Erlebnis rein gar nichts an der Unfallstatistik geändert hat. Erst nach einiger Zeit, wenn dann nicht noch einmal etwas passiert ist, verlieren wir die Angst allmählich wieder.
Ich kann ihr die Angst nicht nehmen, indem ich logisch argumentiere und Statistiken aufzähle. Aber ich kann ihr zeigen, dass ich ihre Ängste ernst nehme, sie unterstütze, beistehe und ihr immer wieder zeigen, dass ich sie über alles liebe.
