Hallo du kleine Seele,
dort oben. Oder neben mir. Du bist vermutlich immer noch irgendwie da. Mit deinen Geschwistern. Die, die auch mal auf dieser Welt waren und wieder fort gingen.

Die eine Seele von ihnen war mal eine ganze Weile an meiner Seite. Ich durfte sie begleiten durch eine schwere Aufgabe – für sie und für mich. Sie wählte mich aus, um an dieser Aufgabe wachsen zu dürfen. Das habe ich irgendwann verstanden. Und auch wenn mich die Erinnerungen daran an manchen Tagen – besonders jetzt, zur Weihnachtszeit – wieder sehr bewegen. Wenn ich mich dann doch noch zwischendurch frage, warum ausgerechnet ich diese schwere Aufgabe bewältigen musste. Wenn mir diese kleine Seele im Körper meines erstgeborenen Sohnes wieder besonders fehlt. Dann blicke ich hinauf, in den Himmel, in die Wolken und weiß tief in mir drin, dass diese Seele wusste, dass es richtig sein würde, dass unsere Zeit nur so kurz zusammen ist. Dass ich sie wieder gehen lassen musste, um all das zu lernen, was darauf folgte.
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Die andere kleine Seele war noch um einiges kürzer da, als du. Sie schenkte mir nach meinem schweren Verlust wieder ein Stück Hoffnung. Hoffnung darauf, wieder Leben schenken zu dürfen. Ich wusste es eigentlich schon. Plötzlich rüttelte mich dieser kurze Besuch noch einmal richtig auf. Diese kleine Seele, die vor über drei Jahren kurz den Weg zu uns fand, zeigte mir damals nochmal deutlich, was ich verloren hatte und welch ein großes Geschenk es ist, ein gesundes Kind in den Armen zu halten. Und ich wusste: Irgendwann wird es wieder soweit sein.
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Zwischenzeitlich wurde ich ungeduldig und ich fragte mich, ob nochmal eine kleine Seele ihren Platz in unsere Mitte finden würde. Ein knappes Jahr später war es dann soweit: Mein Herzenskind, mein Mini-Menschlein besetzte den Platz unter meinem Herzen und blieb. Auch seine kleine Seele hat mich weiter wachsen lassen. Seitdem ich von ihm wusste, habe ich dazu gelernt. Jeden Tag. Vor allem: Vertrauen zu haben.
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Und du, kleine Seele. Du wärst eigentlich nun auch in unserer Mitte. Im Frühjahr hatte ich gespürt, dass du zu mir gefunden hast. Doch war ich mir immer etwas unsicher – so bin ich eben, könnte ich nun sagen. Ja, ich war unsicher und ängstlich. So viele Beweise brauchte ich für mich, um zu verstehen, dass du wirklich da bist. Du hast meine kleine Welt aufgewühlt und meine Wünsche und Vorstellungen auf die Probe gestellt. Im Wechselbad der Gefühle saß ich hier und wusste nicht, ob ich schon bereit für dich war. Doch du wusstest es. Und hast entschieden, wieder zu gehen. Ich war traurig. Ich bin noch traurig. Aber es war gut so. Denn mein Herzenskind braucht(e) mich noch zu sehr. Und auch meine Seele braucht mich noch sehr. So vieles hat sich in der Zeit, seitdem du wieder gegangen bist, in mir geordnet. Oder auch nicht. Momentan stehe ich ab und zu noch vor einem inneren Chaos. Altes will aussortiert werden, neues muss her. Der frische Wind fühlt sich noch ungewohnt kühl an. Es braucht wohl noch eine gewisse Zeit, bis ich die angenehme Brise genießen kann .

Du kleine Seele, die nun unser Weihnachten gehörig auf den Kopf gestellt hätte – wie wärst du nur gewesen? Ich frage mich, ob du mit den anderen beiden zarten Seelen irgendwo auf einer Wolke sitzt. Und ihr blickt auf uns herab, lächelt vielleicht, oder rollt auch mal mit den Augen – weil wir es an so vielen Tagen für unseren Seelenfrieden schon ganz gut machen oder eben wieder völlig daneben hauen. Weil unsere Seelen noch nicht reif sind. Weil sie vielleicht noch nicht ganz verstanden haben, wo sie hinwollen. Doch unsere Seelen haben sich gefunden, um miteinander zu wachsen. Um das zu spüren und zu erleben, worauf es im Leben wirklich ankommt. Und im Grunde genommen geht es dabei doch um Liebe. Davon spüre ich hier so viel.

Kleine Seele – danke. Danke dir und den anderen Seelen, die irgendwie mal da waren. Euer Aufenthalt hat mich noch mehr Liebe spüren lassen. Für die Dinge, die in meinem Leben sind. Und für die, die nicht mehr sind oder eben nicht sein konnten.
