20-4-6

20 Monate. So lange bist Du bald bereits in unserer Mitte, mein Herzenskind. Mein Regenbogenkind. Jeden Tag erwische ich mich in diesen achtsamen Momenten mit Dir, in denen ich mich frage: Wo ist nur die Zeit geblieben? Vor rund zwei Jahren hast Du noch Purzelbäume unter meinem Herzen geschlagen. Ich musste mich mit dem Gedanken beschäftigen, dass vielleicht etwas nicht mit Dir stimmen könnte, da im Ultraschall etwas auffälliges gefunden wurde. Mein Bauchgefühl sagte mir aber immerzu Es ist alles in Ordnung mit diesem Kind. Und siehe da: Nun sitzt Du hier. Mit Deiner geballten Neugierde auf diese Welt. Deinem Wissensdurst. Deinem zuckersüßen Lachen, von dem wir nicht genug bekommen können. Mit Deinem ganzen Sein, das so unglaublich richtig und gut ist. Ich kann mir keine Sekunde mehr vorstellen, ohne Dich in meinem Leben zu sein. Jeden Augenblick möchte ich am liebsten konservieren, weil Du mir einfach zu schnell groß wirst. Dein zweiter Geburtstag liegt in nicht mehr all zu weiter Ferne und zeigt mir wieder deutlich: Die Zeit mit Dir ist so kostbar. Ich bin so dankbar, dass Du daheim sein kannst und wir all Deine Fortschritte und Errungenschaften miterleben dürfen. Morgen hast Du wieder etwas Neues dazugelernt. Vermutlich schon heute. Ich bin stolz auf Dich. So sehr.

4 Jahre. Und ein kleines Stückchen länger. Dort haben sich unsere Wege gekreuzt, mein Herzmensch. Noch virtuell. Aber nach langen, intensiven Gesprächen dann auch schnell real. Und es hat uns beide geflasht. Keine Sekunde habe ich bisher bereut, das Abenteuer einer so weiten Fernbeziehung begonnen zu haben. Meine Heimat für Dich verlassen zu haben. Du bist mein Fels in der Brandung. Mein Strohhalm, an den ich mich klammere, wenn mir alles mal wieder zu viel wird. Wenn ich Dir tief in die Augen blicke, weiß ich einfach, dass wir alles zusammen schaffen können. Vor allem die schweren und anstrengenden Zeiten. Diese bringen uns noch näher zusammen, binden uns noch fester aneinander. Doch auch die glücklichen und leichten Zeiten mit Dir sind so unfassbar erfüllend. Dein Lächeln, Dein Lachen ist das schönste Geschenk und lässt mich alles vergessen, was mir oft so schwer auf der Brust liegt. Du hast es wahrlich nicht einfach mit Deiner hochsensiblen Frau, die mit einem nicht zu verachtenden Rucksack an Erinnerungen Dein Leben ordentlich auf den Kopf stellt. Unser Herzenskind zeigt uns täglich, wo wir noch weiter gemeinsam wachsen dürfen. Und wo wir sicher sein dürfen, dass alles genau so richtig ist, wie es ist. Denn Du bist genau richtig. Genau richtig für mich.

6 Jahre. In diesem Jahr jährt sich Dein Todestag also zum sechsten Mal, mein Kind. Du wärst bereits neun Jahre alt geworden, hätte diese schreckliche Erkrankung nicht die Überhand genommen. Dein kleiner Bruder ist nun in dem Alter, als bei Dir allmählich die ersten Symptome auftraten. Unspezifisch und bei weitem nicht sofort mit Krebs in Verbindung zu bringen. Ich hatte mir alles noch versucht, ganz einfach und leicht zu erklären. Ein wenig Naivität beherrschte dort noch mein Denken – denn warum sollen Kinder nur etwas so Schlimmes haben? Der zweite Klinikaufenthalt nach der anfänglichen Fehldiagnose ließ dann eine Ahnung aufkommen: Es ist schlimm. Es ist sogar sehr schlimm, was da Deinen kleinen Körper so beansprucht.
Momentan sehe ich Dich immer mal wieder vor mir – im Alter Deines Bruders. Sehe, wie es Dir ging. Und versuche all das zu ordnen,
um auf dem Boden zu bleiben.
Die Angst ist da – keine Frage! Die Angst, vielleicht etwas zu übersehen, das Befinden Deines Bruders wieder zu blauäugig zu interpretieren. Doch ich sehe nichts. Denn auch wenn all die Erfahrungen mit Dir eine tiefe Prägung in meinem Denken und Handeln hinterlassen haben – so beherrscht mich dennoch keine übertriebene Angst. Keine panische Suche nach etwas, was vermutlich nicht da ist. Mir wird wieder einmal sehr bewusst, wie schmerzhaft, tiefgreifend und unvergesslich diese Erfahrungen während Deiner Therapie waren. Wie unvorstellbar schwer es war, Dich beim Sterben zu begleiten. Wie sehr ich Dich vermisse. Du bist wirklich tot. Du bist wirklich gestorben. Sogar nach fast sechs Jahren klingt das an manchen Tagen so unwirklich. Jetzt, wo Dein Bruder, dieses blühende Leben, neben mir ist, noch viel mehr.

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