Neid oder doch nicht?

Ich bin zufrieden und glücklich, mit dem, was ich in meinem Leben habe.

Ich bin ganz bei mir und in meinem Leben. Das Leben der anderen ist mir egal. Ich habe mein eigenes Tempo.

Genau. So oder so ähnlich könnte ich mich mantramäßig zu meiner eigenen Mitte hinbewegen. Und am besten auch ständig dort bleiben.

An dieser Stelle lache ich einmal ganz laut über meine eigene Dummheit.

Hab ich das hinbekommen? Vielleicht. Manchmal. Für Momente. Aber super-zenmäßig ausbalanciert laufe ich leider (noch) nicht durch mein Leben. Ob ich das jemals schaffe? Wer weiß. Vielleicht ein zu hoch gestecktes Ziel.

Fakt ist: Ich darf noch an mir arbeiten. Denn die letzten Wochen haben mir deutlich gemacht, dass ich auf meinem Weg zu mir selbst, zu meinem ganz persönlichen eigenen Glück, mal wieder ein Stück vom Weg abgekommen bin. Oder ich sag mal so: Ich bin eine Umleitung gefahren. Über eine sehr huckelige Piste. Ein Schotterweg, der meine gesamte Karosserie ordentlich durchgeschüttelt hat und vielleicht sogar den einen oder anderen Kratzer hinterlassen hat. Aber ein müdes Gehirn trifft offenbar nicht die besten Entscheidungen bei der Routenplanung.

Das Leben der anderen. Etwas, auf das wir Menschen wohl immer schauen. Wir vergleichen, stellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten fest – manchmal zum Vor- oder Nachteil für uns. In mir machte sich in den letzten Wochen eine romantische Vorstellung breit, wie unser Familienleben noch so aussehen könnte. Sehe ich doch bei den anderen, wie schön das sein kann. Ja, alles ist irgendwie schön. Aber eben auch ein Stück anstrengend. Und mein derzeitiger Alltag erfordert schon enorm viel von mir – der hochsensiblen Mutter. Der wenige Schlaf, die intensiven Zeiten mit dem Herzenskind, die nie endende Trauerarbeit, meine Weiterbildung… so vieles bleibt nebenher auf der Strecke. Das frustriert mich manchmal und ich wünschte mir ab und an ein bisschen Veränderung. Dass es leichter wird. Wird es auch. Nur eben in sehr kleinen Schritten. Geduld ist gefragt – noch mehr, als ich bisher dachte, schon zu haben.

Ich habe in den letzten Wochen so für diese Vorstellung gebrannt, dass ich mich am Ende daran verbrannt habe. Ein Gespräch mit meiner Therapeutin und ein darauffolgender dicker Migräneanfall hat mich letztlich wachgerüttelt. Ich habe dieses Knäuel so krass verwoben in meinem Kopf, dass ich es allein nicht mehr gelöst bekommen habe. Meine Müdigkeit und Erschöpfung völlig außen vorgelassen, habe ich tatsächlich geglaubt, dass diese Vorstellung doch realisierbar sein muss. Aber es ist eben so, mit diesen Herzenswünschen: Der Verstand setzt dann ganz gerne mal aus.

Es brauchte also diesen großen Knall – die Migräne – in meinem Kopf, damit ich wieder zu mir finde. So stark hatte ich sie schon lange nicht mehr und ich war froh, dass mein Herzmensch an diesem Abend zuhause war, um unser Herzenskind so liebevoll zu begleiten. Die tiefe Erkenntnis folgte am nächsten Tag. Und am Tag darauf. Langsam breitete sich Klarheit in mir aus:

Wir werden nicht das Leben der anderen haben. Wir haben unser Leben. Mit unseren eigenen Vorstellungen, Grenzen und Herausforderungen. Mein emphatisches Gehirn schien sich so sehr in das Leben von anderen Menschen hineingefühlt zu haben, dass ich mich etwas darin verloren hatte. Es ist wahnsinnig schwer, diese Grenzen für Kopf und Gefühle aufrecht zu erhalten, wenn sie auf so wackeligen und müden Pfeilern stehen. Ja, wie so oft – der Schlafmangel fordert seinen Tribut.

Und während ich also damit beschäftigt war, die Klarheit mit Suppenkellen zu schöpfen, war ich zeitgleich wieder erschrocken über mich selbst: Wie sehr ich mich in Dinge verrennen kann, wenn ich dafür brenne. Wie schwer es ist, seine Energie einfach mal so umzulenken. Ist ja nicht so, als hätte ich in meinem Alltag genügend Sachen, die ich machen möchte. Doch dafür fehlte sie nun, die Energie. Ich schob sie in eine Sache, die für mich jetzt eigentlich absolut nicht realisierbar und zu weit weg ist. Vielleicht irgendwann mal – da sind mein Herzmensch und ich uns einig. Und wenn nicht, dann ist es auch gut so. Gut für uns.

Tja. Nun stehe ich da, mit dieser Klarheit auf der Brust. Vor den Augen. Kann tief durchatmen. Ich habe erkannt, was mich zu dieser Vorstellung hingerissen hat, welche inneren Prozesse da bei mir mit hineinspielen. Diese zu erkennen und für mich aufzulösen, war wohl der Umweg, den ich nochmal gehen musste. Denn es zeigt mir deutlich, was da noch so alles in mir verborgen liegt. Was mich oft noch antreibt, obwohl es gar nicht mein eigener Antrieb ist. Fremdgemacht, von außen – so fühlt es sich an. Gerade empfinde ich diese Erkenntnis, als hätte ich wieder eine schwere Last von mir abgeschüttelt. Ich spüre mich mehr. Mich, mit meinen Möglichkeiten und Grenzen. Und aktuell ist da eben nur ein kleinerer Spielraum, als ich es bisher gewohnt war. Vieles hat sich für mich verändert mit diesem Herzenskind. Er rüttelt mich ganz gehörig auf. Wenn ich in seine Augen blicke, habe ich das Gefühl, in meine eigenen zu schauen. Er ist mein Spiegel, jeden einzelnen Tag. Er hat seine absolute Daseinsberechtigung in meinem Leben, seinen absoluten Sinn. Denn irgendwie scheine ich durch mein Kind immer mehr die zu werden, die ich eigentlich bin.

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