Wenn Du morgens erwachst, mein Kind, sind meine feinen Antennen bereits auf Empfang.
Wie wirst Du wach? Weinst Du, weil für Dich der Übergang zum Tag schwierig ist? Ich nehme es wahr und helfe Dir, begleite Dich. Meistens benötigst Du nochmal eine Stilleinheit, ganz viel Wärme und Nähe – damit Du weißt: Es ist alles gut. Ich bin nicht allein. Gerne gebe ich Dir diese Sicherheit und diesen Rückhalt am Morgen. Manchmal, nach sehr unruhigen und anstrengenden Nächten -für Dich und für mich- fällt es mir auch etwas schwer. Meistens dann, wenn ich kaum das Bett verlassen habe und Du darauf reagierst. Wenn mir manchmal kaum Verschnaufpausen bleiben. Doch ich weiß, dass der Start entscheidend für den restlichen Tag sein kann. Darum verändere ich mein Denken. Versuche nicht das zu sehen, was gerade nicht ist, sondern das zu erkennen, was ist. Und dann genieße ich diesen Moment, wenn ich mich an Dich kuscheln darf, im warmen Bett von der Nacht, noch einmal an Deinem Haar schnuppern kann und wir diesen innigen und friedlichen Moment miteinander teilen. Denn dann sehe ich es wieder: Du bist noch so klein, obwohl Du schon so viel gelernt hast und so gewachsen bist. Ich vertraue Dir, dass Du genau weißt, was Du brauchst.

In Zeiten, in denen Deine Entwicklung wieder sprunghaft voranschreitet, ist es für mich deutlich sicht- und spürbar: Du brauchst viel Zuwendung. Oft fällt mir dies bereits am Vormittag auf, denn nur wenige Momente weichst Du von meiner Seite und möchtest noch einmal mehr die geliebte Stilleinheit zwischen uns beiden genießen. All meine Vorhaben, Pläne und Aufgaben für diese Tage werden dann regelmäßig unterbrochen oder ganz verschoben. Während wir stillen und ich sehe, wie sehr Du das brauchst, denke ich darüber nach – ist es wirklich wichtig, dass ich das jetzt oder heute erledige? Und mir wird schnell klar, dass ich vieles davon aufschieben kann. Natürlich halte ich eine gewisse Routine aufrecht – aber auch von dieser weichen wir regelmäßig ab. Denn ich spüre in Dich hinein, vor jeder noch so kleinen Handlung, in der ich Deine Kooperation brauche. Bist Du gerade aufgebracht, hast Kummer oder eine für Dich ganz wichtige Aufgabe zu erledigen, kann und will ich Dich nicht unterbrechen. Ich lasse Dich zu Ende fühlen, zu Ende spielen und zu Ende erzählen. Denn vorher ist Dein kleines Gehirn einfach nicht aufnahmebereit, für das, was ich mir gerade von Dir wünsche. So ersparen wir uns eine Menge Stress und Kummer. Zu erkennen und zu verstehen, dass Du noch eine ganz andere Wahrnehmung und Auffassung von vielen Dingen hast, dass Dein Gehirn noch anders funktioniert – es ist so enorm wichtig. Denn es erfordert von mir, von uns als Eltern, viel Umsicht und Geduld.
Doch in so vielen Momenten frage ich mich dann: Ist es das jetzt wert, einen Konflikt herbeizuführen? Denn ich weiß: Es gibt Dinge, die Du am liebsten nicht machen möchtest. Zu denen ich Dich irgendwie bewegen muss, weil sie wichtig sind – aus unserer erwachsenen und erfahreneren Sicht. Du zeigst uns deutlich, dass Du einiges nicht möchtest und wir respektieren das. Doch sind Dinge unumgänglich, halten wir Deinen Frust aus und versuchen es Dir so angenehm wie möglich zu gestalten. Kreativität und wieder einmal: Geduld, Geduld, Geduld. An manchen Tagen, zu ausgepowerten Zeiten, ist das nicht immer durchweg drin. Dann haben auch wir unsere Grenzen, die Du sehen und spüren darfst. Dann sind wir energischer mit unserem Wunsch und haben nicht mehr viel Verhandlungsspielraum übrig. Doch unsere feste Bindung – das spüre ich – hält solche Tage aus. Denn tief in uns drin wissen wir: Die Liebe verbindet uns, hält uns zusammen – egal, wie doof der Tag war.
Meine feinen Antennen sind immer mehr ein wichtiges Werkzeug in unserem Alltag. Meistens spüre ich schon vor einem Konflikt, dass etwas in der Luft liegt. Ich betrachte Dich und Deinen Vater und sehe, wenn etwas nicht stimmt. Und da ich nicht möchte, dass Situationen unnötig eskalieren, versuche ich mit Euch herauszufinden, was da so bei euch los ist. Die Kommunikation ist mir so enorm wichtig – denn ich bin der Meinung, dass sich vieles mit Gesprächen und Zuwendung klären kann. Das möchte ich Dir so gerne mit auf den Weg geben. Damit Du im besten Fall in späteren Freundschaften und Beziehungen keine Scheu davor hast, auch Unangenehmes zu besprechen. Ich versuche Dir ein Vorbild zu sein – so gut ich kann.
So viel durfte ich schon vor Deiner Ankunft über mich lernen. Über meine hohe Sensibilität. Und seitdem Du in unserer Mitte bist, wachse ich jeden Tag mehr hinein. In die Akzeptanz. Dass ich so bin. Dass es eben einfach so ist – viel wahrzunehmen, viel zu fühlen. Aber im Umgang mit Dir, meinem offenbar sensiblen Kind, lerne ich eben auch, wie wichtig Grenzen sind. Momentan muss ich nicht nur meine erkennen, sondern auch noch Deine. Damit unsere feinen Antennen nicht überreizen. Und es ist wahrlich jeden Tag eine Gratwanderung für uns alle. Doch irgendwann können wir auf diesem dünnen Drahtseil ganz selbstbewusst und sicher balancieren, daran glaube ich ganz fest.
