Viele Jahre warst Du ausschließlich für Dich verantwortlich. Für Deine Bedürfnisse, Dein Wohlergehen. Tagesabläufe konntest Du Dir selbst strukturieren. Nur Deine Arbeit hat den Rhythmus von außen vorgegeben. Dazwischen hast Du geschlafen, wann Du wolltest. Du konntest essen was und wann Du wolltest. Du warst in Deinem Privatleben unabhängig. Single.
Singlesein hing Dir aber ordentlich zum Hals raus. Du hast immer auf sie gehofft und gewartet – die Richtige. Viele Damen hast Du kennengelernt, einige waren für kurze Zeit mit Dir liiert. Irgendetwas fehlte immer. Und zu viele Kompromisse hättest Du eingehen müssen, damit die Beziehungen gepasst hätten. Du hattest Prinzipien, Vorstellungen, Wünsche. Mit den Jahren des Singledaseins hatte sich einiges relativiert, doch bestimmte Werte an Deiner künftigen Partnerin waren und sind Dir wichtig.
Du hattest schon die Hoffnung fast aufgegeben. Beim Kauf eines neuen Autos standest Du vor der Entscheidung – Kombi oder Sportwagen? Gut, dass Deine Schwester Dich noch zum Sportwagen motiviert hat – denn Dir wäre wohl sonst ein Fahrgefühl verborgen geblieben, das Du so gerne erleben wolltest. Dass Du sie dann kurze Zeit später triffst – die Richtige – das konnte niemand ahnen.
Die Frau, bei der die Werte stimmten. Und die Chemie. Irgendwie passte alles – was für Dich ungewohnt war. Die Frau, die zwar so weit entfernt von Dir wohnte, aber für die Du bereit warst, das Abenteuer Fernbeziehung einzugehen. Hierfür hatte sich der Sportwagen gelohnt – immerhin konntest Du die weiten Strecken auch mal zügiger zurücklegen, wenn die Sehnsucht ganz besonders groß war. :)
Deine anfänglichen Zweifel und Bedenken, dass einer von euch sein gewohntes Umfeld für den anderen aufgeben müsste, bewahrheitete sich schließlich. Diese Frau hatte keinen Zweifel, ihre Heimat hinter sich zu lassen, nur um bei Dir sein zu können. Um ein Leben mit ihrem Seelenverwandten aufzubauen. Die gemeinsame Wohnung wurde bereits so gewählt, dass ein Kind darin genügend Platz hätte. Oder auch zwei. Oder drei.
Und plötzlich sollte es auch schon soweit sein. Kurz nach eurem Zusammenzug wurde Deine Herzensfrau schwanger. Knall auf Fall sollte sich ein Wunsch nach dem nächsten für Dich erfüllen – in so kurzer Zeit. Ihr habt ein Tempo an den Tag gelegt, das euch selbst schon fast zu schnell vorkam. Aber ihr habt darauf vertraut, dass alles so richtig sein muss. Doch das Universum hatte offenbar doch andere Pläne für euch: Sie verlor diese kleine Seele, die einen kleinen Platz einnahm. Die Freude war nur von kurzer Dauer. Für Dich war das alles nicht greifbar – nur der Test mit den Worten ’schwanger‘ und das Ultraschallbild mit einem kleinen dunklen Punkt verriet, dass aus zwei Liebenden ein neues Leben entstehen sollte. Deine Herzensfrau hingegen fuhr eine hormonelle Achterbahnfahrt, die noch viele Wochen danach seelische Auswirkungen zeigte. Wie auch in ihren Trauerphasen warst Du für sie da, so gut Du konntest. Hast sie in den Armen gehalten, Tränen getrocknet und gute Worte gefunden. Du hast Dich sicher oft hilflos gefühlt, weil Du ihr den Kummer nicht nehmen konntest. Weil das für Dich alles nicht ganz so schlimm war, wie für sie. Und trotzdem hast Du versucht, sie zu verstehen. Ihren Gedanken zu folgen. Du hast sie nicht allein gelassen. Das nennt man wohl Liebe.
Du hast viel Verantwortung auf Dich geladen, als Du Deiner Herzensfrau nachfolgend ermöglicht hast, etwas Ordnung in ihre seelische Gesundheit zu bringen. Du hast für sie gesorgt, hast die Rolle des Alleinverdieners in eurer Beziehung eingenommen. Wie dankbar sie Dir dafür war, hat sie Dir hoffentlich oft genug gesagt. Eure gemeinsame Zeit zu zweit war nicht immer nur von Sonnenschein und Heiterkeit gekrönt. Nein. Denn Deine Herzensfrau hat ein beachtliches Päckchen mitgebracht. Aber Du hast es bereitwillig mit angenommen. Und hast versucht, ihr in irgendeiner Weise zu helfen, es nach und nach leichter zu machen. Du hast selten den Mut und die Perspektive für sie verloren, wenn sie es so dringend brauchte.
Doch in Dir drin sah es oft ganz anders aus. Du hattest Deine eigenen Kämpfe, die Dir nicht immer ganz bewusst waren. Es gab Dinge, die Dich ebenfalls bewegten, von denen Du nicht immer etwas bei Deiner Herzensfrau lassen konntest – denn Du wolltest ihre sensible Seele schützen. Sehr löblich. Wirklich. Rücksicht und Empathie in Person, würde Deine Herzensfrau nun sagen. Doch wie gerne hätte auch sie Dir viel öfter mit einem offenen Ohr und einer Schulter zu Seite gestanden, noch bevor Du fast am Boden lagst. Hast Du Deinen Kummer und Deinen Frust so lange mit Dir herumgetragen, bis das Fass überlief. Dinge mit Dir allein ausmachen – das warst Du so gewohnt. Wie oft Du dachtest, Deine Gedanken und Deine Meinung interessiert niemanden. Doch nun war da jemand, den es ganz besonders interessierte. Dem Du alles offenbaren durftest. Jemand, der Dich wirklich so nahm, wie Du bist. Sich aus tiefstem Herzen um Dein Wohl bemühte – das hattest Du nun an Deiner Seite.
Und das wolltest Du Dir sichern. Auf Lebzeit. Ein ganz persönlicher Antrag folgte, der so ganz anders lief, als Du es Dir geplant hattest. Aber wie Du siehst: Das Leben mit Deiner Herzensfrau scheint einen gewissen roten Faden mit sich zu ziehen. :) Denn auch der Plan, die Vermählung in das folgende Jahr zu verlegen, wurde spontan durchkreuzt – aus ganz bürokratischen Gründen. An Liebe fehlte es dennoch nicht bei der vorgezogenen Trauung – immerhin wurde sie bereits sichtbar an einem kleinen Bäuchlein Deiner Herzensfrau.
Deine Intuition, dass sich ganz bald wieder eine kleine Seele zu euch gesellen wurde, brauchte nicht mal einen Test zur Bestätigung. Du hast Deine künftige Frau ganz genau beobachtet und wusstest schon: Es hat geklappt. In den ersten Wochen hattest Du wieder eine besonders wichtige Rolle: Ruhe und Zuversicht vermitteln – denn Deine Frau war mit den Ängsten und Unsicherheiten, aber auch mit der starken Übelkeit, ein kleines Häufchen Elend.
Eine starke und stützende Rolle einzunehmen, wenn da jemand ist, der so häufig von Angst eingenommen wird, verlangt viel von Dir ab. So häufig stellst Du Dich ein Stück hinten an, obwohl da auch Bedürfnisse sind. Du nimmst immer wieder Rücksicht, versuchst immer wieder gute Worte zu finden und bringst fast grenzenloses Verständnis auf. Springst ein, hilfst aus. Nicht nur für Deine Frau. Auch Deine Arbeit nimmst Du sehr ernst und willst allen gerecht werden. Es gleicht einer Zerreißprobe, denn alle scheinen etwas von Dir zu brauchen. Und was brauchst Du? Fragt Dich das auch jemand?
Ruhe brauchst Du, das sagst Du Deiner Frau meistens dann, wenn doch all das Dasein und Funktionieren zu viel geworden ist. Seitdem Du Vater bist, kommen diese Momente häufiger vor. Besonders mit zwei so sensiblen Familienmitgliedern.
Vielleicht hattest Du eine etwas andere Vorstellung von einem Familienleben. Gewiss sogar. Dass es auch anstrengend sein würde und Dich eine Menge Kraft und Geduld kosten würde – das war Dir im Vorfeld bereits klar. Mit zwei Geschwistern, als mittleres Kind, ist Dir das turbulente Familienleben nicht unbekannt. Doch selbst in der Vaterrolle zu stecken, ist dann nochmal ein Unterschied.
Auch wenn Du nicht die schlaflosen Nächte durch Deinen Sohn ausgehalten hast – Du hältst anderes aus. Ganz besonders: Stimmungen. Der Schlafmangel Deiner Frau lässt auch Dich nicht kalt. Du siehst ihre Erschöpfung. Du siehst, wie sie sich so umfassend um euer Kind kümmert, mit nur wenigen Pausen – denn dieser kleine Mensch verlangt viel von euch. So viel hättest Du nicht erwartet. Denn mit zunehmenden Alter eures Kindes ist immer mehr Geduld und Nachsicht gefragt. Für die Unterbrechungen während eines Gesprächs oder bei den Mahlzeiten oder bei Aufgaben.. oder oder. Da ist manchmal so viel Wut, so viel Frust und so eine laute Stimme, die Dir sagt: Jetzt greif endlich mal durch!
Und dann sitzt da Deine Frau. Und will das so nicht. Ermahnt unter Tränen zu noch mehr Nachsicht mit diesem kleinen Menschen. Will sie es doch unbedingt anders machen. Anders, als sie es selbst erfuhr. Anders, als Du es vielleicht auch erfahren hast. Deine Grenzen werden bereits seit einem so langen Zeitraum übergangen. Immer wieder Kompromisse finden. Nachgeben. Still sein, obwohl Du manchmal am liebsten alles herausschreien möchtest. Es bringt ja nichts, sagst Du Dir immer wieder. Ja, vielleicht führt es nicht zu dem Ziel, das Du Dir wünschst. Nicht direkt. Eher über Umwege.
Irgendwann wird’s besser – hast Du oft und gerne auch zu Deiner Frau gesagt. Mittlerweile glaubst Du selbst nicht mehr daran. So eine lange Durststrecke. So viele Konflikte, so viel Stress an manchen Tagen. Die Momente, in denen alles rund läuft, harmonisch und alle im Einklang miteinander – sie sind für Dich selten. Sie machen sich kaum bemerkbar in diesem vollen Fass. Einfach das Fass leer laufen lassen, das wär’s. Glaub mir: Wenn Deine Frau den Stöpsel finden würde, wäre sie die erste, die Dein Fass leeren würde. Denn sie sieht, wieviel Du tust. Wieviel Du zurücksteckst und hinnimmst. Aushältst. Sie sieht Dein Verständnis und Deine Mühe, ihrem Wunsch nachzukommen, eurem Kind einen anderen Weg durch die Kindheit zu bereiten. Es ist wahrlich nicht einfach und oft weit weg von Harmonie und Sonnenschein.
Doch all die Mühe, all der Kummer, all die Dramen, all die Wut, die den Familienalltag manchmal ausfüllen, sind nicht allein da. Da ist auch ganz viel Freude, Wärme und Liebe. Alles darf sein. Alles gehört dazu. Das nennt man Leben. Das weißt Du. Und Du weißt auch: So sehr Dich das alles auch fordert und Du an manchen Tagen nicht weißt, wohin mit Deiner Wut oder Deinem Kummer. Da ist jemand. Jemand, der Dich von Herzen liebt. Dem Dein Wohlergehen genauso wichtig ist, wie Dir ihres. Diese eine, die Richtige. Die, die vielleicht zur Zeit nicht mehr so ganz die ist, wie Du sie kennengelernt hast. Aber sie ist noch da – unter den Augenringen und hinter der schrägen Stimmung, die der Schlafmangel so produziert.
Und irgendwann wird’s besser. Ganz sicher. Vielleicht schon heute. Oder jetzt. Schau nur hin. Es könnte eine Winzigkeit sein. Aber auch diese zählt.
