…und manchmal geht es nicht anders

Oder doch?

Auch so ein Satz, den ich so häufig in meinem Leben gehört und selbst gesagt habe. Jetzt, in meinem immer bewussteren Umgang mit Worten – vor allem gegenüber meines Minimenschleins – hinterfrage ich die Wirksamkeit und den Sinn dieser Worte.

Denn im Grunde genommen geht es immer anders. Ich habe doch oft eine Wahl, nur sehe ich sie vielleicht nicht, aus vielerlei Gründen. So vieles erscheint im Leben wichtig und unumgänglich – so denke ich auch. Und natürlich, einiges ist jetzt wichtig, damit ich später keine Probleme bekomme oder vor neuen Herausforderungen stehe.

Wenn ich jetzt nicht meine Zähne putze, werde ich wohl später Probleme mit diesen haben und einige Behandlungen beim Zahnarzt über mich ergehen lassen müssen.

Wenn ich jetzt nicht zur Arbeit gehe, werde ich später meine Rechnungen nicht bezahlen können und habe kein Geld, um mich zu versorgen.

Wenn ich mich jetzt immer nur von ungesunden Dingen ernähre, werde ich wohl später gewisse körperliche Beschwerden, vermutlich sogar Krankheiten entwickeln.

Wenn ich jetzt nicht die vollgeräumte Küche aufräume oder Wäsche wasche, werde ich wohl später kein Geschirr im Schrank haben oder Kleidung zum Anziehen.

So die Theorie, ganz einfach. Und sicher ist da auch ganz viel Wahres dran. Im Großen und im Kleinen – gewisse Dinge sind wichtig und sollten im besten Fall nicht aus den Augen verloren werden. Doch es gibt eben auch diese schönen Ausnahmen. Die, die ebenfalls die Regeln bestätigen. Denn ich bin keine Maschine, die reibungslos funktioniert. Und selbst Maschinen haben auch irgendwann ihre Grenzen, brauchen eine Reparatur oder geben mal endgültig den Geist auf. Um dies zu verhindern, werden Wartungen durchgeführt.

Warte ich mich eigentlich auch?

Wenn ich auf meine momentane Lage blicke, fällt die tägliche Wartung eher gering aus. Ich bin mir sicher, dass jeder Mensch täglich etwas Gutes für sich tun sollte – gerade eben um spätere Probleme, in welchen Bereichen auch immer, im besten Fall zu verhindern. Eine tägliche Wartungseinheit ist zum Beispiel der Schlaf. Oder eben die Nahrung. Viele Menschen haben besonders in diesen Bereichen große Probleme, denn oft wird eher viel zu wenig geschlafen und viel zu viel gegessen – dabei dürfte es oft eher genau andersherum sein.

Nach zwei Jahren schlechtem Schlaf funktioniere ich nicht mehr richtig. Wie oft sage ich mir momentan – manchmal geht es nicht anders. Ja, momentan geht es nicht anders. Vieles kann ich nicht mehr so leisten, wie ich gerne würde – obwohl ich genau weiß, wie wichtig diese Dinge wären. Ich gestatte mir immer mehr Ausnahmen, um es mir leichter zu machen. Um mir die wenige Energie, die noch da ist, gut einzuteilen. Es nagt an meinem Selbstwert, an meinem Gewissen – wenn ich mal wieder nur das Toast zum Frühstück auftische, wenn es mal nur Nudeln gibt, wenn wir einen halben Vormittag mal nur vor dem Fernseher verbringen. Obwohl ich es aus tiefster Überzeugung und Herzen gerne anders machen würde – ich habe schlichtweg keine Energie. Oder nur wenig. Sie haben keine Ressourcen mehr, höre ich meine Therapeutin sagen. Dann, wenn ich ihr davon berichte, wie schlaflos die Nächte, aber wie gut gefüllt die Tage mit meinem sensiblen Kind sind. Zur Zeit fließen immer häufiger Tränen vor Erschöpfung. Denn manchmal weiß ich bereits in der Früh schon nicht, wie ich den Tag schaffen soll – mit all den täglichen Aufgaben, die doch irgendwie wichtig wären. Aber meine Therapeutin hat mir schon vor einiger Zeit den wichtigen Input gegeben, meine Überzeugungen und Werte zu hinterfragen. Was ist mir gerade wichtig? Und da steht an oberster Stelle die Beziehungsarbeit zu meinem Kind und zu meinem Herzmenschen. Dann ist es einfach wichtiger, die Verbindung zu pflegen, gemeinsam zu spielen oder zu reden, körperliche Wärme auszutauschen – als eine aufgeräumte Küche oder die ordentlich gelegte Wäsche im Schrank. All die häuslichen Aufgaben waren vorher kein Problem für mich und ich habe sie gerne gemacht. Doch jetzt, mit so wenig Schlaf und Ruhepausen am Tag und in der Nacht, geht es mir immer schwerer von der Hand. Und dann wäge ich täglich mehrmals ab. Besonders dann, wenn mein Herzenskind wieder eine große Entwicklung durchmacht, in der er noch mehr meine Zuwendung benötigt. Dann führt alles zu Frust und Tränen bei ihm, wenn es nicht seiner Vorstellung entspricht und es seine Vorhaben durchkreuzt. Dann bin ich gefordert, noch mehr Kummer auszuhalten und zu begleiten, wenn eben doch mal etwas unumgänglich ist – wie ein Gang zur Toilette oder die Zubereitung des Essens. Zu solchen Zeiten sind die Kompromisse ganz besonders groß und nach außen sähe es für viele Menschen wohl wie Nachgeben aus. Oh, wie schlimm! Wirklich. Mein Kind darf sich ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Vor wirklichen Gefahren bewahre ich ihn. Aber in so vielen alltäglichen Situationen, in denen er etwas ausprobieren möchte, frage ich mich immer wieder: Warum nicht? Ich wäge ab, schaue, wieviel zusätzliche Arbeit mir etwas machen würde und versuche auch einiges zu beschränken. Ich versuche stets Kompromisse zu finden, damit mein Kind Erfahrungen sammeln darf und ich mich nicht ganz verausgabe. Die meiste Zeit bin ich allein mit unserem sensiblen Kindchen und nur wenige Pausen sind mir dann möglich, wenn ich nicht konsequent etwas liegen lasse. Wenn ich nicht ganz bewusst sage: Wir legen uns gemeinsam für eine Pause hin, wir schauen gemeinsam fern, ich setze mich mit zu meinem Kind und schaue ihm beim Spielen zu. Ob ich nun eine oder zwei Waschmaschinen wasche, ob ich heute oder morgen staubsauge.. habe ich nur wenig Kraft, schiebe ich auf.

Es fällt mir wahrlich nicht immer leicht. Es macht mich auch unzufrieden, all das nicht mehr nach meinen Wünschen und Vorstellungen zu schaffen. Aber ich weiß, es kommen irgendwann andere Zeiten. Zeiten, in denen es dann wieder anders geht und ich plötzlich so viel Freiraum habe, dass ich vermutlich nicht weiß, wie ich diesen füllen soll. Doch jetzt ist da dieser kleine Mensch. Der so viel braucht und ich versuche es ihm weitestgehend zu ermöglichen.

Und bevor ich diese Zeilen begann zu schreiben, habe ich abgewogen: Gebe ich meinen Mittagsschlaf auf, um diese Gedanken aus meinem Kopf zu schreiben? Oder kuschele ich mich lieber vorher mit meinem Herzenskind aus Sofa, schaue mit ihm fern und befreie nebenbei meinen Kopf von all diesen Gedanken, damit ich später schlafen kann? Kompromiss. Manchmal geht es nicht anders. Aber so sind wir beide zufrieden, in Verbindung miteinander. Und das ist mir wichtig.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.