Kollision

Zwei Tage zuvor.

Mein Drang, allen Ansprüchen zu genügen kollidiert mit Deinem müden Nachtdienstkopf. Erst kann ich Deine Gedankengänge nicht nachvollziehen – doch nachdem der Ärger in mir langsam abflaut, sehe ich, was mich so bewegt hat. Es waren meine eigenen verworrenen Gedanken, die mich unter Anspannung versetzen. Das Gefühl, anderen Ansprüchen genügen zu müssen. Ich höre Sätze in meinem Kopf, die nicht von mir stammen – sondern die ich immer wieder gehört habe. Früher. Von anderen. Sie sind abgespeichert. Und zu meiner Wahrheit geworden. Wie sehr mich das bisher unter Druck gesetzt hat, verstehe ich nun. Nach unserer Kollision.

Gestern.

Der Morgen beginnt mit einem wundervollen Regenbogen.

Ich habe erkannt und verstanden, dass ich mir eine neue Wahrheit, eine neue Herangehensweise erlauben und erarbeiten darf. Damit wir nicht kollidieren. Und vor allem: Damit ich die innere Anspannung endlich los werde. Sie tut mir nicht gut.

Der Frühling zeigt sich in seinem schönsten Licht. Ich möchte raus. Und irgendwie auch nicht. Meine bleiernde Müdigkeit prallt mit meinem Bewegungsdrang aufeinander. Wie gerne würde ich nach dieser unschönen Nacht einfach nur schlafen. Aber mein Herzenskind ist voller Energie.

Ich überwinde mich. Wir nehmen unser neues Gefährt und drehen eine große Runde in der Natur. Die Vögel zwitschern, ein angenehmer Frühlingswind weht den Duft von Erwachen um uns herum. Mein Herzenskind erzählt mir freudig, was er so alles sehen kann. Beide sind wir glückselig und zufrieden. Ich hätte nicht erwartet, dass dieser fahrbare Untersatz auf so viel Anklang und Akzeptanz bei ihm stößt. Erleichterung macht sich in mir breit. Und plötzlich wird es immer ruhiger in der fahrbaren Kabine – mein Kindchen ist eingeschlafen. Ich steuere die nächstgelegene Bank an und lege mich in die Sonne. Schließe die Augen und ruhe mich aus. Ohne mein Kind an meinem Körper – sehr ungewohnt. Kleben wir doch förmlich zusammen. Ungewohnt, aber auch mal schön.

Meine morgendliche, depressiv angehauchte Stimmung ist verflogen. Und ich bin froh, mich überwunden zu haben. Die Kollision beider Bedürfnisse konnte ich für mich gut auflösen.

Später, auf unserem Heimweg, sehe ich auf der Straße Spuren eines Unfalls. Markierungen, Blut. Dahin waren also die Einsatzkräfte unterwegs, als wir sie noch schnell am Fenster vorbeifahren sahen. Ein LKW und ein Radfahrer kollidierten miteinander. Und ich frage mich für einen Moment, welche Vorstellung der Radfahrer wohl von diesem Tag hatte – und ob daheim seine Frau auf ihn wartete.

Heute.

Nach einer abermals sehr unruhigen und stillintensiven Nacht, die mich auch noch zusätzlich mit Bauchschmerzen und Übelkeit kaum in den Schlaf finden ließ, öffnen wir die Jalousien vom Fenster.

Ich sehe eine gelbe Markierung auf dem Fußweg gegenüber, Blutspuren auf der Straße. Ein Reh liegt leblos im Graben. Das zweite Mal in diesem Jahr und das direkt vor unserem Haus. Dieses Mal passierte es wohl in der Nacht. Wie schon beim letzten Mal lässt mich der Anblick des regungslosen Tieres nicht kalt. Die Menschen fahren unwissend in ihren Autos vorbei, sehen die Spuren des Unfalls nicht. Ich fühle schon wieder zu viel, denke ich so bei mir. Seit dem Tod meines Sohnes bewegt mich dieses Thema eben auf eine andere Weise. Und nun offenbar auch bei Tieren, die ich jeden Tag auf dem Feld gegenüber sehe. Die Rehe, die endlich wieder in ihrer Gruppe unterwegs sind – mit Nachwuchs. Ich frage mich, ob die Gruppe es spürt oder sie es irgendwie wissen, dass eines ihrer Rehe nicht wiederkehren wird.

Mein Herzenskind holt mich in meinem Gedanken ab und wieder in den Alltag zurück. So, wie eben auch die anderen Menschen, die unwissend oder ausblendend vorbeifahren. Der Tod so allgegenwärtig und wir blenden ihn zum Schutz einfach aus.

Und schon kollidieren wir. Innerhalb von drei Stunden gleich zwei Mal. Seine Grenzen und meine Grenzen. Mein Herzenskind hat eine andere Vorstellung und andere Wünsche, die er auch absolut haben soll und darf. Seine Autonomie soll er leben dürfen – bis zu bestimmten und sinnvollen Grenzen. Und meine körperlichen Grenzen, besonders meine Belastungsgrenze, werden täglich strapaziert. Der schlechte Schlaf drückt meine Leistungsfähigkeit – mal mehr, mal weniger. An manchen Tagen bin ich selbst erstaunt, zu wieviel ich noch in der Lage bin trotz der vielen nächtlichen Unterbrechungen. Aber ich habe mich wohl daran gewöhnt.

Doch manche persönliche Grenzen versuche ich ihm nun immer mehr verständlich zu machen. Und natürlich führt das zu Frust bei diesem kleinen Menschen. Aber ich halte es mit ihm aus. So gut ich kann. Denn ich spüre in diesen Situationen immer wieder mein eigenes inneres Kind und all die Worte und Gesten, die ich selbst als Kind erfuhr, wenn ich wütend oder frustriert war. Und nicht selten hörte ich die Worte Alles gut. Weil es für meine Eltern schwer war, das auszuhalten. Ich kann sie verstehen. Doch möchte ich es eben nun anders machen.

Und ich sehe, wie gestärkt wir beide aus so einer Situation gehen, wenn ich seine Emotionen einfach begleitet und ihm versucht habe zu zeigen, dass ich ihn verstehen kann.

Schwierig, wenn manchmal Welten aufeinander prallen. Zumindest fühlt es sich in einigen Situationen so an.

Nun sitze ich hier. In der warmen Frühlingssonne. Mein Kindchen schläft wieder in seinem Gefährt, nachdem wir daheim nicht zur Ruhe kamen. Das Wetter zieht uns beide nach draußen, weckt uns auf.

Ich sehe, wie die Natur erwacht, wie alles langsam beginnt zu blühen. Lausche den Klängen der Vögel und begrüße Menschen auf Fahrrädern oder bei Spaziergängen. So viel Leben, so viel Energie – während dort immer noch ein Virus sein Unwesen treibt und das Leben der Menschen einschränkt.

Kollision – auf so vielen Ebenen.

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