Vieles kommt mir so bekannt vor mit Dir, mein Herzenskind. Vieles von dem, was wir so erleben, wie wir es erleben, habe ich schon einmal so erlebt. Mit Deinem großen Bruder.

Vor genau sieben Jahren saß ich zu dieser Zeit mit Deinem Bruder in einer großen Klinik. Einige Kilometer von zuhause entfernt. Bis dahin hatte er bereits zwei Chemoblöcke hinter sich gebracht. Zwei von insgesamt sieben. So viele waren es am Ende. Wir mussten zu dieser Zeit in eine andere Klinik, da die Ärzte dort Stammzellen bei Deinem Bruder sammeln wollten. Viele Tage zuvor begann ich daheim bereits, ihm zwei Mal am Tag Spritzen in den Oberschenkel zu pieksen. Glaub mir, mein Kind, Dein Bruder fand das genau genauso doof, wie Du heute das Zähneputzen. Er weinte jedes Mal bitterlich, wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen. Und ich? Ich musste ihn irgendwie überzeugen und mit seinem Vater festhalten. Denn es war so wichtig. Und er verstand das alles nicht. Ich eigentlich auch nicht. Allem voran: Warum ausgerechnet er diese schlimme Erkrankung haben musste. Warum ausgerechnet ich meinem Kind all diese unschönen Sachen antun musste, weil sie so wichtig und erforderlich waren. Um sein kleines Leben zu retten.
Ich ging täglich über meine Grenzen. Über die Grenzen meiner Wertvorstellung in der Beziehung zu meinem Kind. Ich wollte ihm so viele Rechte und Freiheiten geben und konnte es nicht. Denn sein Leben war in Gefahr. Es gab Dinge, die waren unumgänglich, um sein Leben zu erhalten. Und diese Spritzen waren ein Teil davon. Ich musste sie ihm regelmäßig nach den Chemoblöcken geben. Eine am Abend, eine ganze Woche lang nach der Chemo. Um zu verhindern, dass seine Blutzellen zu sehr in den Keller rauschten. Es war wirklich nicht schön für uns, denn immer wieder weinte Dein Bruder bitterlich dabei. Ich war froh, als diese Zeit vorbei war, in der ich ihn zwei Mal pieksen musste.
Wir waren drei Tage in dieser Klinik. Teilten uns das Zimmer mit einem kleinen Mädchen, das seine Mutter nur für eine halbe Stunde am Tag sah. Sie war ungewaschen und aufgedreht. Die Schwestern der Station hatten keine Zeit, sich ausreichend um sie zu kümmern. Sie tat mir sehr Leid. Nur konnte ich sie nicht auch noch intensiv mitbetreuen. Dein großer Bruder brauchte mich so sehr. So, wie Du mich heute.

Ja, dieses Gefühl mit einem kleinen Menschen so eng, so nah zu sein. Körperlich kaum voneinander getrennt – das kenne ich noch zu gut. Dein Bruder hat ebenfalls auf mir gelebt. In dieser sehr schweren Zeit seiner Therapie war ich erschöpft. Körperlich und seelisch. So vieles prasselte auch mich ein, so viele Entscheidungen mussten getroffen werden, so viele Tage ohne richtige Privatsphäre in Kliniken. So viel Dasein für einen kleinen Menschen, der das alles noch gar nicht richtig verstand. Der seine -bis dato- leichte Kindheit aufgeben musste für Infusionen, Operationen und Eingriffe in seine körperliche Privatsphäre. Ich versuchte ihm all das dennoch so schön, wie nur möglich, zu gestalten. Ließ ihn Kind sein, wo es ging.
An manchen Tagen vor sieben Jahren habe ich mich auch gefragt, wie ich diesen Tag nur schaffen soll. Erschöpft, geplagt von Schmerzen, müde. Kaffee und Schmerzmittel halfen mir über den Tag. Damit ich für Deinen Bruder da sein konnte. Wenn ich mir nicht gerade mit ihm ein Klinikzimmer teilte, konnte ich daheim wenigstens nachts schlafen. Ich wusste, er war gut aufgehoben und konnte dank seiner Medikamente ruhig schlafen. Die Schwestern unserer Station taten richtig daran, mich nach dem ersten Chemoblock heimzuschicken. Sie wussten, wie kräftezehrend dieser Alltag auf der Krebsstation für die Eltern sein würde. Gut, dass wir nur um die Ecke wohnten. Ich wartete am Abend, bis er einschlief und war am nächsten Morgen wieder da, bevor er erwachte. Der Schlaf daheim hat mich gerettet. Denn so konnte ich besser für Deinen Bruder da sein. Er brauchte viel Zuwendung und Rückhalt und das war für mich, in Anbetracht seiner Lage, völlig nachvollziehbar. Er hatte Schmerzen, fühlte sich unwohl mit all den Medikamenten und hatte oft keine Kraft, viel und weit zu laufen. Oder zu spielen. Ich wusste in etwa, was ihm wohl gerade so Unbehagen bereitete.
Und heute. Sieben Jahre später. In ähnlicher Aufstellung. Körperlich so nah, immer verfügbar für Dich, damit es Dir gut geht. Es gibt Phasen, da sind Deine Nächte ganz besonders unruhig. Du weinst mehr, Tag und Nacht. Du bist schneller wütend und ungeduldig. Du stillst und stillst. Und ich sitze da. Bin ratlos, weiß nicht was dir fehlen könnte. Ein Entwicklungssprung? Ein Wachstumssprung? Ein Zahn? Schon wieder all das? War das gerade eben nicht erst? Oder ist es doch etwas richtig Schlimmes oder Lebensbedrohliches, was Dich da so bewegt?
Ich bin müde und erschöpft. Kann das alles nicht mehr so gut einschätzen, was dir fehlen könnte. Kann nur für Dich da sein, so gut es geht. Wünsche mir so für Dich, dass es Dir mal eine ganze Weile richtig gut geht. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht sage Ich kann langsam nicht mehr. Aber genau das habe ich vor sieben Jahren auch gesagt. Weil es so viel war. Weil es so herausfordernd war. Auch dort ging ich an meine Grenzen und darüber hinaus. Doch diese zwei Jahre, in denen ich nun so wenig geschlafen habe, hinterlassen immer mehr Spuren. Ich versuche für Dich da zu sein und auch für mich. Mich nicht zu vergessen. Und vor allem versuche ich jeden Tag zu sehen und zu verstehen, was Dich kleinen Menschen da gerade so bewegt. Versuche es Dir und auch mir so angenehm wie möglich zu machen. Um diese Zeit zu überstehen. So lange, wie sie auch andauert.
Leicht ist das alles nicht. Aber das wäre wohl auch zu einfach für mich.
In sieben Jahren, hoffentlich mit mehr nächtlichem Schlaf, werde ich wohl auf diese Zeit zurückblicken und schmunzeln, wie intensiv das alles war. Dann, wenn Du vermutlich unabhängiger und selbständiger geworden bist. Und dann werde ich dankbar sein für diese Zeit. Denn sie ist der Grundstein für Dein restliches Leben.
