Kurz vor zwei

Vier Wochen vor Deinem zweiten Geburtstag. Das Wetter zeigt sich wechselhaft, stürmisch, unvorhersehbar. Ich denke so bei mir: Es ist unserem Alltag sehr ähnlich.

So kurz vor Deinem zweiten Geburtstag werde ich wieder ein wenig nostalgisch. Denke daran, wie Du das Licht der Welt erblickt hast. Wie ich an diesem Tag über mich hinaus gewachsen bin und welch wahnsinnige Erfahrung das war, Dich natürlich auf die Welt zu bringen. Mit Deiner Geburt, mein Herzenskind, ist auch etwas in mir geboren. Der Beginn für einen wohl nimmer endenden Reifeprozess. Und ich möchte behaupten, dass es Deinem Vater ziemlich ähnlich geht. Auf eine etwas andere Weise und nicht ganz so bewusst und feinsinnig, wie bei mir. Aber auch er merkt, wie sehr Deine kleine Persönlichkeit unser Leben verändert hat.

Zwei Jahre ist es bald also her, als Du Dir langsam, in Deinem Tempo, über viele Stunden den Weg auf diese Welt gebahnt hast. Und schon dort durfte ich lernen: In der Ruhe liegt die Kraft. Ich darf loslassen. Vertrauen. Das fiel mir dort noch nicht so leicht. Immerhin schwirrte die Geburtserfahrung Deines großen Bruders noch in meiner Erinnerung herum und ließ mich nicht ganz in diesem Vertrauen ankommen, dass mein Körper im Einklang mit Dir diesen Weg schaffen wird. Und wenn ich so auf diese letzten zwei Jahre zurückblicke, schließt sich dieser Kreis immer wieder: Ich darf vertrauen. Deinen Bedürfnissen. Deinem Tempo. Du weißt genau, was Du brauchst. Du weißt tief in Dir drin, welchen Schritt in Deiner Entwicklung Du gerade gehen kannst und willst. Ich darf dabei lernen loszulassen. Loslassen von allen möglichen gesellschaftlichen Konventionen, die den vermeintlich richtigen Weg für Deine Entwicklung und unser Familienleben vorgeben wollen.

Ich erinnere mich an die ersten Stunde und Tage mit Dir in der Klinik, nachdem Du auf die Welt gekommen bist. Du hast herzzerreißend geweint, wenn etwas an Dir gemacht wurde, das Dir nicht lieb war. Auch später, bei den Hausbesuchen unserer Hebamme, fielen Worte wie ‚Na der hat ja einen starken Willen, ganz schön Temperament‘. Ich empfand das als normal, denn ich hätte wohl all diese Handlungen an mir ebenfalls doof gefunden und abgelehnt, wäre ich gerade auf einem anderen Planeten angekommen.

Doch Du hast uns mit Deinem Temperament den Weg gezeigt, den wir mit Dir gehen würden. Ziemlich schnell waren Dir die Stoffwindeln zuwider und wir beschäftigten uns mit dem Thema Windelfrei. Nach anfänglicher Skepsis, ob wir das wirklich hinbekämen, spielte sich unsere Ausscheidungskommunikation sehr schnell ein und ebnete damit diesen tollen Weg. Es schenkte mir unheimliches Vertrauen und stärkte mich darin, Dich in Deinen Bedürfnissen gut einschätzen zu können. Ich durfte lernen, dass die Tage, an denen es mal nicht so rund lief, einfach dazugehören und kein Weltuntergang sind. Ja, Deine Mama mit ihrem hohen Selbstanspruch hat lernen dürfen, mal fünfe gerade sein zu lassen. In so vielen Bereichen des alltäglichen Lebens.

Und nun. Knapp zwei Jahre später. Das Wetter wechselt momentan fast stündlich zwischen stürmischem Regen und Sonnenschein. Der Wind fegt um unser Haus und wirbelt alles ordentlich auf. Im Haus wirbelst Du kleiner Mensch alles auf. Während ich mich mit passender Kleidung für dieses Wetter draußen ausrüsten kann, damit mir der Sturm nichts anhaben kann – habe ich gegen die Stürme in unserem Haus keine Schutzkleidung. Ich kann mich innerlich versuchen zu rüsten, mit guten Gedanken und mir die bedingungslose Liebe zu Dir vor Augen halten. Nach fast zwei Jahren, in denen ich Dich Tag und Nacht begleite – durch Deinen Schlafrhythmus, durch Deine Emotionen, durch Deine Entwicklungs-und Wachstumssprünge – da fällt es mir an manchen Tagen nicht mehr leicht, meine innere Schutzrüstung aufrecht zu halten. Dann fehlen die positiven Gedanken in manchen Momenten. Deine hochsensible Mama war wohl lange nicht mehr so erschöpft, auf so vielen Ebenen. Der Schlafmangel kratzt an meiner seelischen Verfassung und manchmal bin ich nicht die Mama, die ich gerne wäre. Ich weiß, unser Band ist fest und Dein Vertrauen in Deine Eltern ist da. Da werden es die ein oder anderen Tage nicht herumreißen.

Dieses wechselhafte Wetter erinnert mich auch an unsere Bedürfnisse, die sich doch so ähneln. Einerseits möchtest Du Deinem natürlichen Impuls folgen und selbständig werden. Mitten in der Autonomiephase bist Du gerade und wirst täglich damit konfrontiert, dass viele Dinge noch nicht so ganz klappen, wie Du es Dir vorgestellt hast. Manchmal sind da doch noch Grenzen aufgrund Deines Alters, Deiner Größe, Deiner Entwicklung. All das ist dann schon sehr frustrierend für Dich – verständlich. Gerade in diesen Momenten, wenn Du das Nest verlassen hast, um die Welt zu entdecken, möchtest Du Deinen Akku wieder aufladen und brauchst unsere Nähe. Auftanken, Mut fassen. Wurzeln und Flügel. Genauso geht es mir an manchen Tagen eben auch: Der Wunsch, bloß keinen Moment mit Dir zu verpassen, so viel wie nur möglich von Deiner Entwicklung mitzubekommen – und dem gegenüber der Wunsch, auch ein Stück weit mal für mich zu sein, etwas alleine und nach meinen Interessen zu machen. Doch ich weiß, die Zeit geht so rasend schnell vorbei und irgendwann werde ich wieder mehr Raum für meine Dinge haben – darum nutze ich die Momente so bewusst, wie nur möglich.

Wenn wir Dir dabei einfach nur mal zusehen – ist es erstaunlich, wie so ein kleiner Mensch das Leben begreifen lernt. Jetzt, so kurz vor Deinem zweiten Geburtstag, bist Du schon eine richtige Persönlichkeit und kannst Dich immer deutlicher verständigen. Jeden Tag verstehst Du ein bisschen mehr, wie die Dinge so funktionieren. Ich bin so dankbar und glücklich, dass Du in Deinem Tempo in diesem Leben ankommen darfst. Dass unser Alltag noch nicht zu sehr von außen bestimmt ist. Vielleicht sind manche Tage ein wenig chaotisch und die einzige Struktur sind unsere Mahlzeiten. Aber hey – durchgetaktet wird Dein Alltag von außen noch früh genug. Wir geben unser Bestes, jeden Tag. Und wenn wir das mal nicht schaffen, reicht gut genug auch.

Mein Kind, ich feiere Dich jetzt schon. Und danke Dir, dass Du da bist. Dass Du so viel bewegt hast – mit Deiner bloßen Anwesenheit. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass wir auf das Leben zusteuern, das für uns vorbestimmt ist. Schön, dass Deine kleinen Füße diesen Weg mit uns gehen.

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