
Du hörst ein lautes Geräusch, dass Du noch nicht kennst. Ich sehe die Unsicherheit und die Angst in Deinem Gesicht. Du kommst in meine Arme und ich erkläre Dir, was Du da gerade hörst. Halte Dich. Streichele Dich. Manchmal brauchst Du etwas länger, bis Du Dich sicherer fühlst. Kommt das Geräusch immer mal wieder und es bereitet Dir weiterhin Angst und Unbehagen, sage ich Dir: Es ist okay, wenn Du das Geräusch nicht magst. Ich verstehe, dass es Dir Angst macht. Ich bin für Dich da. Du bist sicher bei mir. Deine kleinen Arme legen sich fest um meinen Hals und wir halten das zusammen aus. Irgendwann wirst Du ruhiger und es ist okay für Dich. Die Zeit bestimmst Du. Denn Deine Angst lässt sich nicht wegrationalisieren.
Gleiche Situation, andere Person dabei. Ich höre sie sagen: Ach komm, jetzt kennst du das doch schon. Du brauchst keine Angst davor haben. Dich erreichen diese Worte nicht. Du bist in Deiner Emotion und möchtest nur Rückhalt. Klammerst Dich an mich. Deine Angst ist für Dich gerade ganz nah. Das Abwinken der anderen Person lässt Deine Angst nicht verfliegen.
Für mich so klar und nachvollziehbar.
Wir wollen einen Ausflug machen. Diesen Ausflug haben wir schon einmal gemacht. Und doch spüre ich diese Unruhe in mir. Die Nervosität im Bauch. Die Anspannung im Nacken. Weil ich befürchte, dass ich etwas vergessen könnte. Weil ich befürchte, dass etwas eintreten könnte, womit ich nicht gut umgehen kann und was mich sehr herausfordern wird. Es ist so diffus. Ich kann es nicht vorhersehen und es ist nicht rational mit dem Verstand erklärbar. Aber es bereitet mir Unbehagen. Ich versuche mir zu sagen, dass ich all das bewältigen kann, was auf mich zukommt. Und wenn Dein Vater nicht gerade dabei ist, um mich kurz in den Arm zu nehmen, damit ich wieder etwas beruhigt bin – dann muss ich etwas mehr Energie aufwenden, um mich wieder innerlich zu ordnen. Für so viele ist das nicht nachvollziehbar. Doch wenn es einen Menschen um Dich herum gibt, der es verstehen kann und für Dich da ist – dann genügt das schon.
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Wir spielen gemeinsam. Ich bereite Dich darauf vor, dass ich gleich in einen anderen Raum gehen möchte und wiederkommen werde. Nur einen klitzekleinen Moment meiner Abwesenheit schaffst Du es ohne mich – dann kommst Du weinend hinter mir her. Ich sehe die Angst in Deinen Augen. Dein Mama klingt so anders, als sonst. Ich nehme Dich in den Arm und sage Dir mit ruhiger Stimme, dass ich da bin. Nachdem Du Dich wieder beruhigt hast, sage ich Dir, dass ich nur in einen anderen Raum gegangen, aber immer noch für Dich erreichbar bin. Du hattest große Angst, allein zu sein. Das verstehe ich.
Ich öffne das Fenster zum Lüften. Wir schauen gemeinsam hinaus. Ich halte Dich gut fest. Immer mal wieder erscheint vor meinem inneren Auge das Szenario, wie Du aus dem Fenster fallen könntest und ich Dich leblos auf dem Boden vorfinde. Ich werde innerlich angespannt und ängstlich. Und halte Dich noch mehr fest. Die Angst, Dich zu verlieren, ist in diesem Moment wieder so groß. Ich muss mich selbst regulieren, weil ich schon erwachsen bin. Weil ich das doch irgendwie mal gelernt habe. Und während ich ganz aktiv meine Angst beruhige, höre ich Stimmen in meinem Kopf: Du brauchst keine Angst haben. Was soll denn schon passieren? Doch meine Angst ist nicht rational. Sie ist ein ureigenes Gefühl und darf Beachtung erhalten.
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Wir bereiten das Mittagessen zu. Wie jeden Tag. Und plötzlich ist Dein Hunger doch ganz groß. Du möchtest unbedingt ganz sofort etwas essen, doch ich muss es erst auf Esstemperatur für Dich bringen. Es bereitet Dir großes Unbehagen, warten zu müssen. Die Unsicherheit, dass Dein Bedürfnis nach Nahrung nicht gestillt werden könnte, ist Dir deutlich anzusehen. Du bist ganz im Jetzt. Du weißt noch nicht, dass Du jeden Moment etwas essen kannst und die Zeit schnell vergeht – auch wenn wir diese Situation häufiger erleben. Für Dich fühlt es sich ewig lang an. Ich spreche mit Dir, während ich Dein Essen puste. Ich sage Dir, dass Du jeden Moment essen darfst – wie jeden Tag. Ich bin für Dich da, so gut ich kann – um Dir dieses unschöne Gefühl erträglicher zu machen. Denn ganz nehmen, kann ich es Dir nicht.
Ich denke daran, dass bald Dein zweiter Geburtstag bevorsteht. Ich freue mich sehr darauf. Und gleichzeitig habe ich Angst. Nur noch ein weiteres Jahr – dann folgt bereits Dein dritter Geburtstag. Nach diesem Geburtstag habe ich in der Zeit mit Deinem Bruder erfahren, dass er bald nicht mehr leben wird. Ein paar Wochen später ist er gestorben. Auch wenn ich weiß, dass es unwahrscheinlich ist, dass auch Dir so etwas Schlimmes widerfahren wird – ich habe dennoch diese Angst, dass auch Dein Leben nach Deinem dritten Geburtstag vorbei sein könnte. Dass unsere gemeinsame Zeit auch nur auf drei Jahre begrenzt sein könnte. Ich kann mir ganz oft jetzt noch nicht vorstellen, wie alles nach Deinem dritten Geburtstag sein wird, wenn ich andere ältere Kinder sehe. Es ist wohl eine unbewusste Schutzfunktion, um mich nicht in Erwartungen und Vorstellungen zu verlieren – damit sie vielleicht am Ende enttäuscht werden. Ich sag ja: Angst ist nicht rational.
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Den Großteil unseres Alltag erleben wir beide gemeinsam. Dein Papa ist immer mal wieder aufgrund der wechselnden Schichten nicht zu Hause. Dennoch habt ihr ein festes Band aufgebaut, das immer sichtbarer wird. Und ich freue mich so darüber! Denn genau so habe ich mir das gewünscht. Doch auch wenn Du Deinen Papa kennst und lieb hast – es gibt Phasen, in denen Du morgens ängstlich bist, sobald er aufsteht. In denen Du Dich ganz doll an mich klammerst oder lautstark mitteilst, dass Dir seine Anwesenheit im Raum gerade Unbehagen bereitet. Das Bekannte macht Dir also auch mal Angst. Manchmal ist es schwer für mich, das so zu verstehen und mit zu tragen. Denn es tut mir vor allem für Deinen Papa Leid. Doch wir wissen, diese Phase geht vorbei und oft ist Dein Gefühl bereits nach kurzer Zeit wieder verflogen.
Ich weiß noch, wie ängstlich ich so manches Mal als Kind war, wenn mein Vater nach Hause kam. Aber vor allem deswegen, weil er immer mal wieder sehr gestresst von der Arbeit war und ihn wohl all die vielen Verpflichtungen innerlich fast zerfressen haben. Ich hatte Angst davor, seine Stimmung abzubekommen oder angeschrien zu werden. Oft habe ich mich dann schon aus Selbstschutz zurückgezogen. Ich kannte ihn, ich hatte ihn lieb und er konnte auch so unwahrscheinlich lustig sein – und dennoch bereitete mir das Bekannte manchmal Angst. Manchmal sehen wir die uns bekannten Dinge doch aus einem anderen Winkel. Manchmal erscheinen sie uns plötzlich und für einen kurzen Moment fremd. Von außen betrachtet ergibt es im ersten Moment keinen Sinn. Doch für Dich, mein Kind, haben all Deine Reaktionen und Gefühle absoluten Sinn und sind richtig. Es ist unsere Aufgabe, es, so gut wir können, zu verstehen.
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Es gibt immer öfter Tage, an denen Du uns deutlich zeigst, dass doch so etwas wie Eifersucht in der aufkommt. Dann möchtest Du mich nicht mit Deinem Papa teilen. Wir dürfen kaum ein Wort miteinander wechseln, geschweige denn eine kleine körperliche Geste austauschen. Wir erkennen das. Wir akzeptieren das. Denn Du bist eben noch ein Kind und bist Dir Deiner selbst so bewusst. Du weißt, Du bist wichtig. Und das sollen auch alle anderen so sehen. Die Perspektive dazu wird sich irgendwann verändern. Und auch wenn wir Deinen Wunsch nach ungeteilter Aufmerksamkeit sehen und akzeptieren, wollen wir einen Weg finden, damit locker umzugehen. Wir geben Dir zu verstehen, dass Du wichtig bist, aber wir als eigenständige Personen und als Paar eben auch Bedürfnisse haben. Es ist eine große Herausforderung. Jeden Tag.
Deine kindliche Eifersucht hat momentan noch etwas andere Gründe als meine erwachsene Form heute. Während Du damit eben ganz deutlich Deine Sicherheit verteidigen möchtest, die bei mir wohl auch mit hineinspielt, stehen in meinem Kern vor allem die Selbstzweifel. Doch es ist eben eine Art Furcht. Angst, etwas teilen zu müssen, das einem ein gutes Gefühl sowie Sicherheit gibt. Meine Vergangenheit spielt da ganz arg mit hinein – das weiß ich mittlerweile gut. Ich kenne also meine Ursachen und Gründe – und arbeite daran. Ich kann wohl behaupten, dass sich meine Eifersucht schon stark verändert hat. Aber mein Kind, ich kann Dich gut verstehen. Du möchtest eben all das verteidigen und für Dich behalten, was Dir lieb und heilig ist. Gut so! Je größer Du wirst, desto besser wirst Du das verstehen lernen.

Die Angst ist so ein mächtiges Gefühl. Sie ist nicht nur negativ. Sie kann auch ein Antrieb sein. Ich bin mir meiner Ängste immer mehr bewusst und versuche für Dich einen gesunden Weg damit zu finden. Damit es in erster Linie mich nicht mehr zu sehr ausbremst und in Schach hält. Aber auch um Dir keine Erfahrungen zu verwehren, die für Deine Entwicklung so wichtig sind.
Eines sollst Du aber wissen: Du darfst Angst haben. Ich werde sie immer ernst nehmen.
