Ich sehe Dich noch vor mir liegen. Dein kleiner Körper, in diesem großen Klinikbett. Überall an Dir hingen Kabel und Schläuche. Blutdruck, Infusionen, Katheter. Du konntest Dich kaum rühren. Vor allem weil da dieser riesige Tumor in Deinem Bauch war. Mittlerweile unübersehbar. In den letzten paar Tagen ist Dein Bauch unaufhörlich gewachsen. Wie konnte ich das nur erst so spät sehen? Immerhin fiel es mir auf und ich sagte es der Kinderärztin. Die Ärztin, die uns ruhig und besonnen nach dem vorherigen Klinikaufenthalt wieder in die Klinik überwies. Mit dem Wissen: Das wird ein Tumor sein. Sie sagte es mir nicht – erst später, nachdem Du mitten in der Therapie stecktest. Gut so. Ich hätte den weiten Autoweg wohl nicht geschafft.
Und dann, eine Woche später, nachdem sie uns dorthin überwies. Lagst Du da so vor mir. Deine erste Operation hinter Dir. Der zentrale Zugang zu Deinem Herzen war gelegt – so wichtig für die Unmengen an Infusionen und Chemotherapie. Dein kleiner Körper, mit diesem riesigen Bauch. Eines Morgens dann völlig aufgeschwemmt. Ich habe Dich kaum wiedererkannt. Letztlich fiel mir auf: Du konntest kein Wasser mehr lassen. Es sammelte sich alles an. Der Tumor drückte auf Deinen Beckenboden und Du hattest wahnsinnige Schmerzen. Ein Blasenkatheter verschaffte endlich Erleichterung. Und mir die Erschütterung, wieviel Dein kleiner Körper da so ausgehalten hat – denn es war so viel, was nun Deinen Körper wieder verließ.
Der erste Chemoblock. Diese Ungewissheit. Dieses Hoffen und Bangen. Hält Dein kleiner Körper das aus? Wird der Tumor darauf anspringen und sich verkleinern? Der Kopf hatte niemals Pause. Und mittendrin Du. Nicht mal zwei Jahre alt. Du hast gelacht. Du hast geweint. Du hast Pommes gegessen und Apfelsaft getrunken. Als Deine Haare begannen auszufallen, machten wir Dir lustige Frisuren. Dieses Foto hat sich in meine Erinnerung gebrannt. Dein Lächeln darauf – nicht im Ansatz würde man meinen, dass Du gerade gegen eine tödliche Erkrankung gekämpft hast. Letztlich mussten Deine schönen, feinen blonden Haare abrasiert werden – sie waren einfach überall. Was zu Beginn noch ungewohnt war, wurde später zur Normalität: Kurze Stoppeln auf dem Kopf. Ganz später dann Glatze. Ich habe sie immer fleißig eincremt und alle bewunderten Deinen glänzenden Kopf.
Von Chemoblock zu Chemoblock: Hoffen und Bangen. Immer wieder die Angst, ob Dein kleines Herz dieser Belastung standhalten würde. Alles entwickelte sich gut. Die Nebenwirkungen waren normal. Wir arrangierten uns mit allem. Was für andere kaum vorstellbar war, war für uns Normalität. Wöchentliche Blutkontrollen. Die Klinik als zweites Zuhause. Verbandwechsel. Erbrechen. Magensonde. Isolation. Wir wuchsen an diesen Sachen und irgendwann konnte ich all die Blicke von Menschen unterwegs ausblenden. Die mitleidigen und die schockierten, aber auch die angewiderten. Ich sah nur Dich. Meinen kleinen Kämpfer. Meinen Held ohne Umhang. Wie stark Du warst. Wie anpassungsfähig. Und doch so ganz Du selbst. Hast für Deine Grenzen versucht einzustehen, wo es ging – obwohl sie ständig übergangen wurden. Es tat mir so Leid. Denn ich konnte Dir nicht erklären, wie wichtig das alles war – hättest Du es doch noch nicht verstanden.
Diese Bilder. Diese vielen Bilder aus der Therapiezeit. Auf so vielen davon lächelst Du, bist Du einfach nur ein Kind – mit ein paar Schläuchen unterm Shirt, verbunden mit Infusionen. Einfach nur ein Kind – ohne Haare, mit einem Beutelchen unterm Shirt, worin Deine Zugänge verpackt waren. Neben all diesen Bildern aus dem kindlichen Alltag, gibt es auch Bilder, die zeigen, was Du dort alles mitgemacht hast. Wir hielten es für Dich fest – damit Du es später sehen solltest. Nicht das ganze Leid. Nicht die schlimmsten Momente. Aber genügend Aufnahmen, die auch immer mal wieder in meinem Kopf präsent werden. Die mich erstarren lassen und die Tränen in die Augen treiben – denn so gerne hätte ich uns das alles erspart. Aufgeben war zu dieser Zeit keine Option. Immerhin hing Dein Leben an all diesen Maßnahmen. Doch gelitten hast Du genug. Und ich wohl auch.
…
In diesem Jahr jährt es sich zum neunten Mal, als Du mich das erste Mal zur Mutter gemacht hast. Ja, Dein Geburtstag ist nicht nur der Tag Deiner Geburt, sondern auch meiner als Mutter. Als ich Dich zum ersten Mal sah, wusste ich sofort: Ich würde alles für Dich tun. Mein Leben für Dich geben. Drei Jahre später, als klar war, dass Dein Leben bald zuende gehen würde, hätte ich es getan. Mein Leben dafür gegeben, damit Du bleiben darfst. Doch nichts konnte ich mehr tun, außer die letzten Momente an Deiner Seite sein. Dich zu tragen, zu lieben und Dir alles geben, was Du Dir gewünscht hast. Heute, noch einmal sechs Jahre später, kann ich es wieder einmal nicht glauben, dass Du wirklich tot bist. Dass Dein neunter Geburtstag nur in meiner Vorstellung gefeiert wird. Ich kann keine Freunde für Dich einladen, keinen Kuchen für Dich backen, keine Geschenke verpacken. Ich kann Dich nicht morgens mit einem Geburtstagsständchen wecken und Du kannst keine Kerzen auspusten. Neun Stück. Du wärst so stolz gewesen. Und ich erst.
Mein Kind, da oben auf Deiner Wolke. Du fehlst mir unendlich. Wie gerne wüsste ich, wie Du jetzt wärst. Wie Du jetzt aussehen würdest. Welche Interessen Du hättest. Wie sich Deine Stimme anhören würde. Du wärst ein so toller großer Bruder! Da bin ich mir jeden Tag sicher, an dem ich Deinen kleinen Bruder begleite. Du hast ihm doch ganz sicher etwas mit auf den Weg gegeben, als Du ihn zu uns geschickt hast. Kümmere Dich gut um unsere Mama. Sie braucht ordentlich was zu tun, damit sie nicht so traurig wegen mir ist. … Hast Du gut gemacht. Klappt ganz gut. Meistens. Denn auch wenn ich rund um die Uhr mit Deinem kleinen Bruder beschäftigt bin – Du bist in meinem Herzen. In meiner Erinnerung. So ähnlich ist er Dir an manchen Stellen – es ist kaum möglich, nicht an Dich zu denken.
Ich werde immer traurig sein, dass Du nicht mehr da bist. Die Tiefe der Trauer um Dich schwankt im Alltag sehr. Doch heute. An Deinem Geburtstag. Da fehlst Du eben wieder noch mehr. Und wenn ich ehrlich bin: Diese Zeilen schreibe ich rund vier Wochen vorher. Weil Du so präsent bist. Weil Der Geburtstag Deines Bruders so präsent ist. Weil es mich wehmütig stimmt, wie schnell die Zeit vergeht. Weil ich es so irre finde, dass ich nun die Mutter eines neunjährigen Jungen wäre. Doch so bin ich eben die Mutter mit dem dreijährigen Jungen im Himmel und dem zweijährigen Jungen an der Hand.
