Wie hält man das bloß aus?

Ich wüsste nicht, ob ich das schaffen würde.

Wäre mein Kind gestorben, wäre ich wohl auch nicht mehr da.

Wie schaffst Du das nur?

So oft habe ich solche oder ähnliche Aussagen und Fragen gehört, seitdem mein Sohn vor sechs Jahren starb. Besonders Menschen, die auch noch kleine Kinder haben, versuchen sich irgendwie direkt mal hineinzufühlen. In diese Vorstellung, zum einen ein todkrankes Kind zu begleiten und es dann noch zu verlieren. Und niemand kann es sich im Ansatz vorstellen. Niemand, der sowas oder Ähnliches erlebt habt, kann sich vorstellen, wie das ist. Wie es ist, das zu verlieren, das einen selbst eigentlich überleben soll. Dass dieses natürliche Gesetz einfach gebrochen wird.

Wenn mich jemand fragt, wie man das schafft? Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Eine Anleitung dafür gibt es nicht.

In der ersten Zeit nach seinem Tod habe ich wohl einfach nur versucht zu überleben. Der Schmerz war so unfassbar groß, kaum auszuhalten. Jede Träne, die ich vergoss, brannte heiß auf meiner Haut. Es war manchmal kaum auszuhalten, dass mein Kind vor mir von dieser Welt gehen musste. Ich konnte es nicht verstehen, wie ungerecht das Leben sein kann. Wut mischte sich einige Mal darunter. Unverständnis. Darüber, dass andere noch ihre Kinder haben, obwohl sie ihnen wissentlich Schaden zufügen und es vielleicht gar nicht zu schätzen wissen, welch ein großes Geschenk ihnen das Leben da bereitet hat. Und auch wenn ich mich wegen dieser Gedanken manchmal schlecht fühlte – ich wusste, sie dürfen sein. Ich wusste, das in den Phasen der Trauer auch sowas sein darf. Es war nur in meinem Kopf. Es waren Gedanken. Ich schadete damit niemandem. Außer vielleicht mir selbst. Ich wusste, dass diese schweren Gedanken auch wieder vorbeigehen. Doch all das auszuhalten, diesen Schmerz, diese Wut, diese unendliche Sehnsucht nach meinem geliebten Kind – es lähmte mich in der ersten Zeit nach seinen Tod. Machte mich handlungsunfähig. Ich wollte nicht aufstehen, sah keinen Sinn darin, etwas zu essen oder irgendwie an diesem Leben teilzunehmen. Denn es fühlte sich nicht mehr wie mein Leben an.

Meine Therapeuten und auch meine Trauerhilfe sagten mir über die Jahre alle unabhängig voneinander, dass es in unserer Kultur das Schlimmste ist, das einem passieren kann, wenn wir ein Kind verlieren. So vieles bewegen Kinder in uns. So vieles verändern sie in unserem Leben. Wir entscheiden uns für Kinder, weil wir mit ihnen eine Vorstellung von einer Zukunft haben. Und plötzlich ist das einfach weg. Plötzlich starb meine Zukunft. Ich hatte zwar Zeit, mich Stück für Stück darauf vorzubereiten – denn sein Tod zog über Wochen bei uns daheim ein. Doch wie soll man sich auf sowas vorbereiten? Kann man das überhaupt? Es gibt keine Anleitung, keinen Ratgeber dafür, wie du dich am besten darauf einstellen kannst, dass ein geliebter Mensch bald nicht mehr da ist. Denn die Gefühle, die in so einem Prozess entstehen, sind nicht voraussehbar. Jemanden beim Sterben zu begleiten bedeutet im Grunde vor allem eines: Sich komplett darauf einzulassen und die Kontrolle abzugeben. Denn der Sterbende durchläuft einen natürlichen Prozess, der zwar schon wissenschaftlich erforscht wurde, aber dennoch so individuell ist.

Mit der Gewissheit, dass mein Kind sterben würde und uns niemand sagen konnte, wie lang er noch bei uns sein würde – gab ich die Kontrolle komplett auf. Alle Regeln und Routinen, die bis dahin irgendwie unseren Alltag bestimmten, warfen wir über Bord. Um so viel kostbare Zeit, wie nur möglich miteinander zu verbringen. Mit meinem heutigen Blick auf das Leben, dem Bewusstsein, hätte ich damals vermutlich noch mehr Kontrolle aufgeben können. Doch ich tat es so, wie ich es zu diesem Zeitpunkt am besten konnte. Und eines weiß ich dabei: Ich habe mich noch mehr auf mein sterbendes Kind eingelassen, als eh schon in seiner schweren Therapiezeit. Es war eine so intensive Zeit. So prägend für mein weiteres Leben.

Einige Menschen bezeichneten mich in den letzten Jahren als mutig und stark. Dass ich weitermache. Dass ich meinen Weg gegangen bin. Und dass ich mich wieder auf das Abenteuer mit einem Kind eingelassen habe. Mit diesem wunderbaren Herzmenschen an meiner Seite war ich mir so sicher, wie noch nie, dass ein Kind in unsere Mitte gehört. Und dass unser Herzenskind so ist, wie es ist – es sollte alles genau so sein. Intensiv. Wieder einmal. Ich hab ja Übung, wenn auch ein bisschen anders. Dennoch spielt die Erfahrung meiner ersten Mutterschaft nun mit hinein. Und während viele in meinem Umfeld staunen, dass ich noch geradeaus gehen kann bei all dem Schlafmangel der letzten rund 2,5Jahre – sehe ich, wie belastbar ich bin. Oder bin ich eher leidensfähig? Ich habe eine Zeit lang unter dem Schlafmangel gelitten, keine Frage. Aber belastbar scheint mein sensibles System dennoch zu sein.

Doch in der letzten Zeit veränderte sich wieder so viel. Ich spüre, dass mein Herzenskind Stück für Stück mehr in die Welt hinaus will. Ich sehe, wie er immer selbständiger werden möchte. Und es geht mir fast zu schnell. Eine weitere Bezugsperson kommt nun in unseren Kreis und soll uns als Familie unterstützen. Und vor allem: Unserem Herzenskind neue Blickwinkel und Erfahrungen bescheren. Es wird ein kleiner Abschied von dieser intensiven Zeit. Es fällt mir schwer, auch wenn ich weiß, dass es gut und wichtig ist. Für uns als Familie. Für unseren Sohn, der eben auch neue Erfahrungen braucht. Für mich, die wohl eine Trennung nach dem dritten Geburtstag schlimmer verdauen würde. Ja, ich bin wohl gerade wieder ein bisschen mutig. Aber auch ängstlich und unsicher. Denn alles darf sein.

Nur all das auszuhalten, ist manchmal sehr schwer. Die ganzen verschiedenen Gefühle und Gedanken. Wie ich das schaffe? Keine Ahnung. Ich habe gute Unterstützung, Liebe um mich herum. Das macht wohl eine Menge aus.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.