Das Maß

Mit den Jahrzehnten verändert sich unmerklich der Maßstab, mit dem die Menschen die Dinge messen; mit den Jahrhunderten wird er ein gänzlich anderer, dass wir uns kaum noch in die Messkunst unserer Vorfahren zu finden wissen.

-Gerhard von Amyntor

Bis vor einigen Jahren habe ich noch nach ganz anderen Maßstäben gelebt. Bis dahin dachte ich, es sei unwahrscheinlich wichtig, gut und richtig, überall Leistung zu bringen. In der Schule ordentliche Noten zu fabrizieren, einen entsprechenden Schulabschluss hinzulegen. Vielleicht zu studieren. Eine gut bezahlte Arbeitsstelle zu haben, durch deren Lohn ich mir alles ermöglichen kann. Urlaub, anständiges Auto, Eigenheim. Im besten Fall noch etwas auf die hohe Kante legen. Bloß nicht vergessen: die Rente. So wichtig.

Tja.

Und dann kam die Erkrankung meines ersten Sohnes. In meinen Grundmauern erschüttert, begann ich einiges in meinem Leben zu hinterfragen. Zu dieser Zeit bemerkte ich vor allem, dass sich mein jahrelanger Berufswunsch, auf den ich seit dem Abitur hinarbeitete, plötzlich gar nicht mehr so erstrebenswertest für mich anfühlte. Denn ich sah, wieviel ein Mensch als Arzt in unserem Land mitbringen muss. Wieviel er gibt. Wieviel dabei auch auf der Strecke bleibt. Mit einem schwerkranken Kind ein solches Studium zu absolvieren, wäre eh nicht möglich gewesen. Damals dachte ich auch: Ich habe mein Abitur gemacht. Ich muss studieren. In meinem Umfeld waren zu dieser Zeit viele Studierte. Ich hatte das Gefühl, irgendwie mithalten zu müssen, damit ich dazugehörte.

Doch mein Kind brauchte mich. Damals versuchte ich noch nebenher, alle Kontakte im Umfeld zu pflegen. Und wenn ich eines immer schon gut konnte: Mich richtig reinknien. Wenn ich für etwas brenne, bin ich kaum zu stoppen. Man könnte es auch begeisterungsfähig nennen. Oder vielseitig interessiert. Ja, bei all der Begeisterung und Hingabe habe ich ständig meine Kräfte außer Acht gelassen. Immer wieder ging ich über meine körperlichen und geistigen Grenzen hinweg. Mein Körper sendete mir eindeutige Signale, die ich aber nicht richtig zu deuten wusste. Migräne, Verspannungen, Magenschmerzen, Durchfall – sie waren meine ständigen Begleiter. Und was tat ich? Medikamente rein, um schnell wieder leistungsfähig zu sein. Meine Hingabe für viele Dinge wurde manchmal schon fast zur Selbstaufgabe.

Damals wusste ich noch nichts von meiner Hochsensibilität. Etikettierungen wie Bist du vielleicht empfindlich trafen auf so nett gemeinte Floskeln wie Stell dich nicht so an. Bei all dem hörte mein Unterbewusstsein eigentlich nur, dass ich scheinbar nicht richtig bin. Ich hatte mit aller Macht versucht leistungsfähig und belastbar zu sein, denn immerhin hatte ich solche starken Vorbilder. Jedes Mal, wenn ich krank war, wenn ich eben nicht das Pensum halten konnte, das so viele um mich herum locker erfüllten – fühlte ich mich schlecht.

Warum war das für alle anderen kein Problem, so viel zu arbeiten und nebenbei noch Sport zu treiben und alle Kontakte zu pflegen und das am besten noch an einem Tag? Oder dachte ich nur, es wäre so?

Bei all den Fragen, die ich mir stellte. Bei all den Gedanken, die mich an mir zweifeln und andere in einem besseren Licht stehen ließen. Da war ich nur damit beschäftigt, den Maßstab für mein Leben bei anderen zu suchen. Der Vergleich mit anderen Menschen hat mich zu sehr von mir entfernt, denn am Ende war ich in meinen Augen immer der Verlierer. Nie genug. Und das so viele Jahre meines Lebens.

Und dann kam das Wissen um meine Hochsensibilität. Die Erkenntnis brach über mich hinein und ich lernte mich endlich besser verstehen. Ich sah meine Vergangenheit in einem anderen Licht. Schmerzhaft, aber lehrreich. Es war an der Zeit mir neue Maßstäbe für mein Leben zu erarbeiten.

Das ist nun über vier Jahre her. In dieser Zeit hat sich so einiges für mich geändert. Das Schwierigste an diesem Prozess war für mich wohl die Akzeptanz, dass ich so bin. Dass ich eben nicht so viel leisten kann, wie ich es bisher getan habe und dachte tun zu müssen. Ich habe immer wieder Tage, an denen mich die hochsensible Veranlagung nervt. Tage, an denen mich die ganzen feinen Sinne in den Wahnsinn treiben und ich stets nach Lösungen schauen muss, um mir das Leben in dieser lauten und schnellen Welt angenehmer zu machen. Dann höre ich diese Stimmen von außen, die zu meinen eigenen wurden: Stell dich nicht so an. Reiß dich zusammen. Doch mittlerweile kann ich diesen Stimmen mit viel mehr Mitgefühl begegnen und sie mit liebevoll entkräften.

Der Weg zu meinem Herzenskind war bereits ein anderer. Der Wunsch war groß und die Zeit reif, mich ganz auf mich zu besinnen und zu stärken. Meinem Körper einen guten Weg zu ebnen, auf natürliche Weise. Aus allmählicher Ungeduld wurde Vertrauen, dass unser Kind schon zu uns kommen würde, wenn wir soweit sind. Als er den Weg zu mir fand, hatte ich es bereits intuitiv gespürt. Ein Wechselbad aus Unsicherheit und Vertrauen kennzeichnete die ersten Wochen. Das ist wohl generell mein Ding, wenn ich auf mein Leben schaue. Doch je älter ich werde und je mehr ich an mir arbeite, um mich zu verstehen, umso mehr Vertrauen entwickele ich. Die Schwangerschaft mit dem Herzenskind hat mich in jedem Fall geprüft: Wie stark ist mein Vertrauen in meinen Körper und dieses neue Leben? Ich verzichtete auf zu viel Diagnostik und Gerätschaften, wo es eben ging. Vertrauen. Die letzten Wochen vor seiner Geburt bin ich dann gänzlich darin angekommen. Nämlich dann, als alle immer wieder fragten, wann er denn kommen möchte, als sie meinen riesigen Bauch bestaunten. Er wird schon ganz genau wissen, wann er bereit ist, auf die Welt zu kommen, entgegnete ich oft. Und so war es auch. Entgegen aller Meinungen, welche denn die beste Geburtsklinik in der Umgebung sei, fanden wir unsere eigene. Ohne sämtliche Kliniken zuvor begutachten zu müssen. Für eine Hausgeburt war ich nicht bereit – heute wäre ich es. Denn die Geburt meines Herzenskindes hat mich bestärkt und ebenfalls ein Stück neu geboren.

Diese erste Zeit mit unserem kleinen Menschen daheim war so verletzlich, so emotional. Der Begriff Wochenbett war bei uns gelebter Alltag. Entgegen aller Maßstäbe, was man doch mit einem frisch geborenen Kind alles so machen könnte oder müsste, genossen wird daheim die Babyblase. Und spürten schnell, wie sensibel jeder einzelne unserer kleinen Familie so ist. Allem voran unser Herzenskind. Reizoffen ohne Ende. Er lebte auf mir. Hielt es nur kurze Zeit ohne mich aus. Stillen war das Allheilmittel, Tragen und Körperkontakt das Nonplusultra. Viele Erklärungen gingen von uns aus, wenn uns Fragen oder Aussagen begegneten, die nicht unserem Maßstab entsprachen. Denn unser Maßstab wurde von nun an neu ausgerichtet mit diesem kleinen, sensiblen und reizempfänglichen Kind. Rückbildungskurs? Fehlanzeige. Krabbelgruppe, Babyschwimmen, Kaffeetrinken im Café? Brauchte ich nicht mal im Ansatz zu erwägen. Baby schläft während der Autofahrt sofort ein und ich kann gemütlich Einkaufen gehen? Keine Chance. Jede Autofahrt quittierte unser kleiner Mensch mit Weinen. Einkäufe wurden in den ersten Monaten ohne Kind erledigt. Erst die Trage brachte mehr Mobilität und Teilhabe am Leben außerhalb der eigenen vier Wände. Denn darin fühlte sich mein Herzenskind sicher. Und auch ich war damit spürbar besser aufgestellt – denn so konnte ich schneller auf dieses kleine Wunder und seine Bedürfnisse eingehen.

Das Maß aller Dinge liegt in der Akzeptanz des eigenen Maßes.

– Andrea W.

Die gemeinsame Zeit mit unserem Herzenskind hat uns vieles über uns selbst erkennen lassen. Wir sehen deutlicher unsere eigenen Grenzen, die wir viel zu häufig überschritten haben und manchmal noch übertreten. Es ist ein Drahtseilakt, den Alltag für drei sensible Menschen zu gestalten. Da wir uns von alten Maßstäben in der Erziehung frei machen und von Beginn an einen sehr eigenen Weg für unsere kleine Familie gehen, finden wir immer mehr unser eigenes Maß. Jeden Tag volles Programm und viel Aktivität? Immer hinaus, die Welt entdecken? Fehlanzeige. Nach einem aktiven Tag draußen in der Welt folgt ein Schlafanzug-Sofa-Tag daheim. Unsere sensiblen Gehirne brauchen immer wieder Pausen, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Eine Woche strikt durchzuplanen brächte nur Kummer und Stress.

Je niedriger der Maßstab, desto besser sind wir.

– Matthias Scharlach

Und während ein großer Teil in unserer Gesellschaft immer höher, immer weiter, immer besser und immer mehr will – schalten wir seit der Geburt unseres Herzenskindes immer mehr Gänge zurück. Wir dürfen sehen, wie wenig ein kleiner Mensch benötigt, um glücklich zu sein – Hauptsache wir sind da. Wir dürfen Zeugen davon werden, wie sich unser Kind ohne jegliche Vergleiche oder Druck entwickeln darf, in seinem eigenen Tempo – Hauptsache wir sind da. Wir erleben immer wieder, dass wir scheinbar eine Ausnahme im Umgang mit unserem kleinen Menschen sind – obwohl das für uns so normal und richtig ist.

Wenn wir eines erkennen durften durch unser Kind, dann ist es wohl die Tatsache, dass sich jede Familie ein eigenes Maß definiert für ein glückliches und zufriedenes Leben. Dass nicht so schnell alles miteinander verglichen und über einen Kamm geschoren werden kann.

Es muss nicht alles mit demselben, sondern verschiedenes mit verschiedenen Maß gemessen werden.

-Rudolf Steiner

Schmerzhaft und befreiend für mich war nun also zu erkennen, dass ich viele Jahre nach Maßstäben gelebt habe, die in keiner oder nur geringer Weise mit mir kompatibel waren. Dass ich nun an einigen Stellen weniger von mir verlangen muss und an anderen Stellen meinem Maßstab aber unbedingt treu bleiben darf, auch wenn er vielleicht mit anderen nicht kompatibel erscheint. Dabei sind Verluste auf einigen Ebenen zu verzeichnen, die aber auf der anderen Seite wieder Platz für enormen Reichtum ermöglichen.

Und wie reich kann ich nur sein, mit solch wunderbaren Kindern und Herzmenschen, die mir die Augen geöffnet haben?

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