Der Winter hält nun Einkehr und die dunkle Jahreszeit macht sich breit. Überall erhellen die Weihnachtslichter das trübe, nasskalte Wetter. Ich spüre, dass sich in mir die besinnliche und ruhige Zeit ausbreiten möchte. Rückzug, einigeln, Gemütlichkeit und Wärme gegen die Kälte da draußen.
Nicht nur die Kälte in den Temperaturen ist für mich spürbar. Nein, auch die Kälte unter den Menschen ist nicht mehr zu leugnen. Dieses Jahr hat noch einmal mehr Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Meinungen gehen weit auseinander und sind zu Extremen geworden, die eine dicke Kluft zwischen den Menschen hervorruft. Wie ist dazu gekommen ist? Auch dazu hat jeder eine eigene Ansicht. Doch mich schockiert, dass es mit den Menschen passiert.

Ein intensives Jahr neigt sich dem Ende entgegen und ich rekapituliere ein bisschen, wie es für mich war. Diese besinnliche Zeit des Winters ruft auch immer ein wenig Melancholie in mir hervor. Gerade jetzt spüre ich wieder ein Stückchen mehr, was fehlt. Immer wieder habe ich in diesem Jahr bemerkt, wie sehr mein erster Sohn fehlt und welch eine Rolle er in unserem Familienleben gespielt hätte. Sein kleiner Bruder hätte wohl sehr zu ihm aufgeblickt und vieles wäre im Alltag anders verlaufen. Dass unser Herzenskind so ist, hat seinen Sinn. Ich sehe den Sinn immer wieder und bin, trotz enormer Erschöpfung und Verzweiflung an manchen Tagen, einfach nur dankbar. Dankbar für dieses gesunde, willensstarke und sensible Kind, das so für sich einsteht und genau weiß, was es braucht. Das mich all die auferlegten Regeln und Strukturen meiner Kindheit gnadenlos überdenken und hinterfragen lässt. Wahnsinn, was dieser kleiner Mensch in mir freigesetzt hat. Ich sehe die Welt und ihre Menschen aus einem anderen Blickwinkel. Ich sehe das, was in dieser Gesellschaft als richtig und wichtig eingestuft wird, zunehmend mit einem kritischen Auge. Ich hinterfrage immer mehr und komme an so vielen Punkten zu neuen Erkenntnissen, die meinen weiteren Lebensweg beeinflussen.
In diesem Jahr hat sich unser Alltag nochmal deutlich verändert. Es zeichnen sich mehr Freiräume ab, die allerdings auch in sehr intensiven Phasen von Entwicklungssprüngen wieder völlig hinten anstehen. Doch mit unserem sensiblen Vielfühler-Kind, das viel von uns braucht, werden kleine Auszeiten zu großen Entspannungseinheiten. Wenn an manchen Abenden das warme Wasser der Dusche auf mich rieselt und ich das Gefühl habe, ich muss viele Eindrücke des Tages von mir abspülen.. dann fällt mir auf, dass ich vor einem Jahr nicht mal im Traum daran denken konnte, so entspannt unter der Dusche stehen zu können. Kurz nachdem ich mein Herzenskind in den Schlaf begleitet habe. Vor einem Jahr konnte ich mit Ach und Krach schnell morgens duschen und lief dann in der Gefahr, bei meinem Kindchen ein großes Tränenmeer zu verursachen. Und nun? Nun weiß ich, dass er erstmal ein bisschen schlafen wird und ich mich in aller Ruhe entspannen kann. Dieses Gefühl wird gerade schon selbstverständlich und das erstaunt mich. Wie sehr wir uns an gewisse Phasen mit Kindern gewöhnen.
Diese Gewöhnung hatte ich auch vor sieben Jahren zur Weihnachtszeit. Als bei meinem Sohn die Bestrahlung begann, änderte sich der Tagesablauf in der Klinik für uns nochmal sehr. Kurz nach dem Aufstehen wurde er bereits wieder in eine Kurznarkose gelegt. Jeden Tag, von Montag bis Freitag. Seinen bis dato üblichen Mittagsschlaf ließ er in dieser Zeit aus und es folgten sehr lange Tage auf Station mit einem abendlich unausgeglichenen kleinen Menschen. Was dieser kleine Kerl alles ausgehalten hat. Er bekam von mir seine noch so kleinsten Wünsche erfüllt, ohne mit der Wimper zu zucken. Jeden Morgen, ganz früh, auf dem Weg zur Klinik besorgte ich ihm seine geliebten Milchbrötchen vom Bäcker, die er direkt nach dem Erwachen aus der Narkose futtern konnte (obwohl er eigentlich noch eine halbe Stunde danach warten sollte). Weihnachten auf der Krebsstation. Es war schon eine ganz eigene Zeit. Aber die Menschen dort haben es uns so erträglich, wie möglich, gemacht.
Und dann denke ich an das Weihnachten danach. Ein Jahr später. Ohne meinen Sohn. Es war fürchterlich. Diese Leere in mir war kaum zu beschreiben. Und alle drumherum versuchten uns irgendwie eine Freude zu machen. Aber kein Geschenk der Welt konnte diese Lücke füllen. Nichts und niemand kann ihn ersetzen. Das haben die ein oder anderen Menschen in meinem damaligen Umfeld nur leider nicht ganz verstanden. Und ich war zu gelähmt von der Trauer, um mich zu erklären.
Weihnachten fühlt sich für mich seit einigen Jahren zunehmend anders an. Noch als mein erster Sohn lebte, war ich Feuer und Flamme für diese Zeit. Ich habe unwahrscheinlich gerne anderen Menschen eine Freude gemacht, indem ich mir genau überlegte, was zu ihnen passen könnte. Voller Inbrunst habe ich Päckchen gepackt, Karten geschrieben und Kekse gebacken. Doch eines übersah ich dabei immer gekonnt: Wie gestresst ich eigentlich war. Wie gering meine Ressourcen waren, um mir diese Aufgaben auch noch aufzubürden. Selbstauferlegt. Freiwillig. Es ging mir damals noch viel mehr um Dinge. Beim Einkaufsbummel sah ich etwas, dachte dabei an jemanden und nahm es mit. Auch mit krebskrankem Kind im Schlepptau – kein Problem. Und dann kam mein Herzenskind auf diese Welt und zeigte mir, dass er diesem ganzen Kram scheinbar nicht so positiv gesonnen war. Der Schlafmangel machte mein Gehirn zu Brei, meine Kräfte reichten gerade noch so für meinen Alltag. Alles was extra hinzukam – keine Chance, weil keine Energie. Ein Einkaufsbummel mit Herzenskind? Nicht möglich. Somit erlebten wir das erste Weihnachtsfest mit diesem kleinen Wunder ausgesprochen spartanisch. Und mit jedem weiteren Jahr seit der Geburt unseres Sohnes hat sich die Bedeutung von Weihnachten für mich sehr verändert. Die Krise auf dieser Welt hat letztlich noch das Sahnehäubchen oben drauf gesetzt, denn alle möglichen Regelungen erschwerten zusätzlich ein ausgiebiges Stöbern in Geschäften. Und stört es mich? Keinesfalls. Im Gegenteil. Ich bin dankbar für diese Erkenntnis und dem persönlichen Schritt nach vorne, dass dieser ganze Konsum und dieses ewige Hin-und Herschenken von Dingen einfach nicht mehr zu mir passt. Es erscheint mir so vieles plötzlich so sinnlos, was vor einigen Jahren noch selbstverständlich für mich war.
Diese letzten zwei Jahre haben sicht-und spürbar Spuren hinterlassen. Für meinen Herzmenschen und mich hat sich ein Blick auf diese Welt gefestigt, von dem wir so schnell wohl nicht abrücken werden. Es hat uns erwachen lassen – in vielerlei Hinsicht. Dieses Weihnachtsfest fühlte sich noch einmal deutlich anders an – auch weil es für uns momentan nicht einfach ist. Unser Jahresende hat noch einmal eine deutlich Veränderung unseres Familienlebens hervorgebracht – die sich gut anfühlt, aber noch mit ungewissem Ausgang ist. Doch ich bleibe positiv und optimistisch, dass wir unseren Weg gehen werden, den wir uns vorstellen. Locker-leichte Heiterkeit konnten wir an den Feiertagen hauptsächlich durch unser Herzenskind spüren, auf das wir uns ausgiebig einließen. Alle Angehörigen wurden von diesem kleinen Menschen ins Spiel eingebunden und ich konnte zusehen, wie die müden Seelen erwachten und für Momente einmal alles vergessen konnten. Denn eines ist nicht mehr übersehbar: Die Menschen sind müde von diesen vielen Nachrichten, Regelungen und Einschränkungen. Sie wurden systematisch mit Angst und Unsicherheit infiziert und ich sehe, wie gelähmt und gehemmt viele von ihnen sind. So sehr wir uns auch wünschen, dass die unterschiedlichen Meinungen über diese ganze Weltthematik nicht unsere Beziehungen beeinflussen – sie tun es. Ich spüre, wie viele von meinen Gegenüber immer mehr zumachen und keinen Platz mehr für andere Informationen haben. Tolerant zu sein, andere Meinungen und Wege zu akzeptieren – es ist so leicht gesagt, doch im Grunde fällt es den meisten Menschen wohl doch sehr schwer. Warum das so sein könnte, auch da habe ich meine Ansicht zu. Doch während ich bisher immer damit beschäftigt war, bei meinem Gegenüber Verständnis für mich hervorzurufen und mich dabei um Kopf und Kragen erklärt habe – so ist es mir im letzten Jahr immer mehr egal geworden. Denn ich kann nicht von jedem Menschen das Verständnis erwarten, das ich für andere aufbringen kann. Jeder hat individuelle Grenzen der Vorstellungskraft und wurde von seinem Leben geformt. Einen offenen Geist zu haben wäre wünschenswert, ist aber dennoch nicht bei jedem Menschen einfach so möglich. Also bleibe ich bei mir. Übernehme nur Verantwortung für meine Gedanken, meine Worte, meine Gefühle, mein Leben. Selbstverantwortung.
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Nun sitze ich da. Allein. In der Dunkelheit, die nur von den zarten Weihnachtslichtern im Nebenraum erhellt wird. Nach einem Gespräch ist es wieder da. Dieses Gefühl. Das Gefühl anders zu sein. Mein Alien-Gefühl. Ich spürte den Widerstand, das Unverständnis meines Gegenüber im Gespräch. Ich spürte, wie das Gespräch doch endlich ein Ende finden soll und das fand es auch. Für mich abrupt. Aber ich akzeptiere es. Ich bin dort an die Grenze der Vorstellungskraft und des Verständnisses gelangt. Ich fühle mich also für einen Moment schlecht, unverstanden, nicht gesehen. Es fühlt sich mies an. Doch ich gehe in den Monolog mit mir und kann mir dabei viele wohlgesonnene Worte zukommen lassen. Ich bin nicht falsch oder verkehrt. Niemand ist das. Denn für jeden fühlt sich etwas anderes richtig und stimmig an. Jeder definiert sich Glück anders.
Ich bin so weit gekommen in der Arbeit an mir selbst. Und ich habe noch einiges vor mir. Vieles darf noch aufgelöst werden, denn es steht mir immer mal wieder im Weg. Im neuen Jahr habe ich dabei wieder tolle Unterstützung und wertvolle Menschen an meiner Seite, mit denen ich wachsen darf. Um immer weiter, Stück für Stück, zu mir selbst zu finden. Meinen Sinn zu erkennen, meine wahre Aufgabe auf dieser Welt. Was für eine spannende Reise. So schön, so schmerzhaft, so lehrreich, so intensiv.
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Vier Wochen brauchte es nun also, bis ich diese Zeilen vollendet habe. Mein Kopf ist voller Gedanken, mein Körper voller Gefühle und über alles legt sich die Müdigkeit. So oft konnte ich keinen klaren Gedanken fassen und all das, was mich beschäftigte, in Worte fassen. Es sprudelt zur Zeit nicht so aus mir heraus. Obwohl ich so viel zu sagen hätte, kann ich nichts sagen. Aber ich weiß, die Zeit dafür kommt wieder. Mein Geist wird wieder wacher sein und die vielen Gedanken noch besser sortieren können.
