
Die Nacht ist vorüber gegangen. Durch den schmalen Spalt der offenen Zimmertür sehe ich das Licht im Flur scheinen. Die Weihnachtsbeleuchtung schaltet sich am frühen Morgen noch einmal für zwei Stunden an und ich habe eine ungefähre Ahnung, wie spät es sein könnte. Denn eine Uhr oder einen Wecker habe ich nicht im Kinderzimmer. Wir brauchen das nicht.
Das weiße Rauschen im Zimmer ist seit zweieinhalb Jahren unser Begleiter für den Schlaf. Unser Herzenskind ist bereits als Baby besser damit zur Ruhe gekommen und wurde so nicht ständig durch plötzliche Geräusche geweckt. Jeden Morgen höre ich durch dieses Rauschen hindurch noch etwas die vielen Autos auf der Straße vorbeifahren. Die Menschen, die eilig zur Arbeit unterwegs sind. Die gerade schnell ihre Kinder in die Kita bringen, um bloß pünktlich bei der Arbeit zu sein. Nur wenige von ihnen halten sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit und übersehen dabei wohl die Schul- und Kitakinder, die auf den Fußwegen unterwegs sind.
Wenn die Welt um uns herum erwacht, wird sie laut. Mein feines Gehör und meine empfindlichen Sinne sind bereits morgens nach dem Durchlüften der Wohnung schon genug gefordert.
Unser Herzenskind hat uns bisher gut gezeigt, was er braucht und was nicht. Morgens früh aufstehen, schnell umziehen, Termindruck – passt ihm gar nicht. Überhaupt nicht. Der Versuch im letzten Jahr, vormittags ein paar Stunden bei einer Tagesmutter zu verbringen, scheiterte – aber bestätigte mich in der Einschätzung meines Kindes. Es war zu viel Stress, alles in kürzester Zeit am frühen Morgen zu erledigen und endete immer in Tränen unseres kleinen Menschen, weil er einfach nur in Ruhe in den Tag starten wollte. Mit dem Ende dieses Betreuungsversuchs zog bei uns eine neue Ansicht und Einstellung ein. Wir waren bereits davor gegen eine zu frühe Betreuung in einer Kita und wollten den Start im Kindergarten so lange, wie möglich, aufschieben. Und jetzt sind wir für uns klar: Unser Kind bleibt daheim. Solange, bis er deutliche Anzeichen gibt, dass er für so etwas bereit wäre. Das ist er nämlich jetzt noch nicht. Bei weitem nicht. Wir sehen, wie glücklich er mit uns ist und wie selten er große Menschenmengen um sich braucht. Selbst die Auswahl zwischen uns als Spielgefährten fordert ihn manchmal schon heraus. Und da er, wie viele andere Kinder auch, sehr feinsinnig für Stimmungen ist – erhält er schon mit den verschiedenen Stimmungslagen seiner Eltern genügend Reize. Besonders bei mir steigt und fällt die Stimmung mit der Schlafqualität – und die ist ja nun seit drei Jahren nicht mehr die Beste. Ich habe mich gut daran gewöhnt, doch es gibt noch viele Nächte, die besonders unruhig sind in Zeiten von Entwicklungssprüngen und Wachstumsschüben oder auch nach sehr aufwühlenden Tagen – dann spüre ich am nächsten Tag deutlich, wie meine Stimmung eher im Kellerbereich zu finden ist. Wir machen aus diesen Tagen das Beste und ich versuche das Pensum so niedrig, wie möglich zu halten. Alles, was aufgeschoben werden kann, wird aufgeschoben. Denn unser Herzenskind ist nach solchen Nächten auch schräg drauf und ich spüre dann deutlich, dass bei ihm Konzentration und Durchhaltevermögen eher geringer ist am Folgetag. Da springen wir von einem Spiel ins nächste, innerhalb weniger Minuten. Das fordert uns alle sehr heraus. Doch wir schaffen es ziemlich gut, diese schrägen Tage irgendwie gut über die Bühne zu bekommen, sodass sogar mindestens einmal richtig gelacht wird.
In dieser Zeit mit unserem Herzenskind daheim darf ich diesen kleinen Menschen ganz intensiv kennenlernen. Jeden Fortschritt haben wir hautnah miterlebt und ich fühle mich geehrt, eine der beiden wichtigsten Vertrauenspersonen für ihn sein zu dürfen. Unser Band ist stark und mit jedem Tag mehr wächst daraus sein Selbstvertrauen hervor. Besonders in diesem dritten Lebensjahr können wir täglich beobachten, wie dieser kleine Mensch immer mehr Persönlichkeit entwickelt. Der Wortschatz wird rasant größer und so oft halte ich inne, weil ich kaum glauben kann, dass wir schon richtig mit Worten kommunizieren können. Dass er mir schon kleine Geschichten erzählen möchte – ganz aufgeregt und mit Schnappatmung. Was bin ich dankbar dafür, dass er daheim bei uns sein kann, dass wir all das mit ihm gemeinsam erleben können. Dass wir uns morgens, wenn draußen das stürmischste Wetter wütet und alle Menschen hektisch in den Tag starten, einfach nochmal eng aneinander kuscheln können und stillen. Wenn diese zarten Worte aus diesem kleinen, warmen und verschlafenen Menschlein in mein Ohr dringen, dann spüre ich pures Glück. Dass unser Kind so innig und geborgen aufwachsen darf, dass wir seine Bedürfnisse so gut erfüllen können und uns ganz nebenbei von allen möglichen gesellschaftlichen Konventionen lösen – so fühlt sich wohl ein Stückchen Freiheit an.
Diese kleine Seele lässt mich immer wieder demütig werden, denn so vieles darf ich durch ihn noch einmal bewusster wahrnehmen und erleben. So vieles, dass mir in meinem Leben auferlegt wurde, was mich geformt hat, hinterfrage ich kritisch. So vieles kam mir bereits in der Schwangerschaft mit diesem Kindchen nicht mehr richtig vor und neue Wege haben sich eröffnet. Dass wir nun an diesem Punkt mit ihm stehen, hat er ganz besonders stark beeinflusst. Immer weiter weg vom Verstand, hin zum Fühlen, dem Herzen folgen, Intuition und Bauchgefühl. Alte Muster schüttele ich nach und nach von mir ab und es fühlt sich zunehmend freier und unbeschwerter an. Ein sehr bewusster Weg mit diesem kleinen Menschen. Auch wenn es mir viel abverlangt, körperlich und seelisch – besonders jetzt nochmal mehr, da es meinen Herzmenschen nicht gut geht – ich möchte es nicht mehr missen. Dieses Leben. Mit den vielen Erkenntnissen und Veränderungen im Denken und Fühlen. Denn ohne diese Herausforderungen wäre ich wohl nicht so sehr in die Tiefe gelangt. Und an der Oberfläche war (und ist) es mir eindeutig zu langweilig.
