Sinnfindung

Den Sinn im eigenen Leben finden.

Gib Deinem Leben einen Sinn.

Das ist total sinnlos.

Was für ein Unsinn.

Vermutlich fragt sich jeder Mensch einmal in seinem Leben, wo denn der Sinn seines Daseins liegt. Oft versucht man das im Gespräch mit anderen Menschen herauszufinden. Doch so richtig sagen kann einem niemand, wo man den jetzt finden kann.

In der heutigen Welt finden wohl viele Menschen den Sinn in ihrer Arbeit oder materiellen Dingen. Darauf scheint es anzukommen: Einen gut bezahlten Job zu haben, mit dem man sich allerlei Gegenstände und Habseligkeiten finanzieren kann. Haben ist besser als Brauchen. All diese schönen Dinge, die einen selbst und das Umfeld schmücken, sollen den Anschein erwecken, dass so ein erfülltes Leben auszusehen hat. Und oft habe ich den Eindruck, dass diesen Dingen mehr Wert geschenkt wird, als beispielsweise zwischenmenschlichen Verbindungen oder aber dem Schutz der Natur.

Seitdem mein erster Sohn gestorben ist, beschäftigt mich die Sinnfindung in meinem Leben sehr stark. Denn der Tod des eigenen Kindes ist und bleibt so sinnlos – das lässt sich mit keinem guten Wort oder Glitzerfeenstaub schön reden. Natürlich, seit seinem Tod habe ich für mich einen Aufwachprozess begonnen, der der ganzen Sinnlosigkeit seines Verlustes ein wenig Wegweisung verschafft. Denn viele Erkenntnisse über mich selbst kamen erst durch die Tiefe des dunklen Trauertals zum Vorschein. Ob ich auch ohne seinen Tod diese Fortschritte in meiner persönlichen Entwicklung gemacht hätte, ist reine Spekulation und ändert nichts an der schmerzhaften Tatsache, dass er nicht mehr am Leben ist. Ich hätte gerne all diese Fortschritte auch ohne seinen Tod gemacht.

Doch jedes Leben scheint ein gewisses Maß ein Leid mit sich zu bringen, das jeder Betroffene aushalten kann. Und wodurch er wachsen darf. Beschäftigt man sich mit der Seelenkunde, liest man häufig, dass unsere Seele bereits einen Weg gewählt hat und er somit für uns vorherbestimmt ist. Daraus könnte man schon eine Art Sinn lesen, der vor allem dazu einlädt, ein Stück die Kontrolle abzugeben und sein Leben nicht komplett zu planen oder abzusichern – denn letztlich kommt es ja meistens eh nochmal ganz anders.

Immer wieder, ja nahezu stets und ständig, bin ich also damit beschäftigt, den Sinn hinter vielen Dingen und für mein Leben zu ergründen. Genau genommen war das wohl schon immer so, denn wie oft habe ich als Kind und Heranwachsende sehr viele Gegebenheiten einfach nicht verstanden. Seit jeher erscheint es mir sinnlos, warum sich Menschen gegenseitig Leid zufügen – in welcher Form auch immer. Warum Menschen die Natur mutwillig zerstören. Warum man Regeln befolgen muss, obwohl sie keinen Sinn ergeben. Warum Kinder nicht einfach Kinder sein dürfen und alles was dazugehört in Betreuungseinrichtungen und Schulen verlernen. Ich fand es in meiner Kindheit häufig sinnlos, warum meine Eltern immer wieder viel Zeit auf einer Arbeit verbringen mussten, statt mit mir zu spielen. Natürlich erklärten sie mir, wofür das alles wichtig war – und dennoch fand ich es als Kind einfach doof. Ich erfuhr im Laufe meines jungen Lebens, dass es viele Dinge gibt, die wichtig und sinnvoll sein sollen, doch auf die die meistgestellteste Fragen von Kindern – dem „warum?“- bekam ich oft nur dürftige Antworten. Zumindest stellten sie meinen großen Wissensdurst nicht ganz zufrieden. Das macht man eben so. Das ist halt so. Es fehlte oft an Zeit und Kraft, sich den ganzen Fragen voll und ganz zu stellen, damit die wissenshungrige Kinderseele zufrieden war. So war es eben und ich habe meinen Frieden damit gefunden. Jeder gibt das Beste, was er kann. Oder zumindest was er glaubt zu können. Denn ob das volle Potential immer ausgeschöpft war – ich wage es zu bezweifeln. Doch alle hingen in diesem gesellschaftlichen System drin. Alle sind darin groß geworden. Alle lebten die Philosophie, dass Arbeit das höchste Gut ist und eben ein glückliches Leben ermöglicht.

Heute stehe ich hier. Mit meiner kleinen Familie. Mit der scheinbar sinnlosen Erfahrung im Gepäck, dass mein Sohn gestorben ist. Mit all den Erfahrungen, Werten und Normen im Rucksack, die mein bisheriges Leben bestimmt haben. Und ich stehe immer wieder vor der gleichen Frage, wie früher: Was macht das eigentlich alles für einen Sinn? Mit der Schwangerschaft meines zweiten Sohnes begann ein rasanter Wandlungsprozess. Als er geboren wurde, nahm diese Wandlung nochmal richtig Fahrt auf. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit meiner Mutter, als mein zweiter Sohn ein halbes Jahr alt war. Wie ich ihr versuchte zu erklären, wie ich mich verändert habe. Und sie dies bejahte, denn sie hatte es auch bemerkt. Veränderung ist nicht immer einfach, fühlt sich am Anfang ziemlich unschön an und wird erst mit der Zeit angenehmer. Zu dieser Zeit war ich teilweise selbst erschrocken, was diese neue Mutterschaft aus mir machte. Aber ich habe mich eingefunden in diese neue Rolle, die anders ist, als bei meinem ersten Sohn. Wenn man Menschen nach dem Sinn ihres Lebens fragt, antworten einige davon, dass ihr Sinn des Leben sie „Mama“ nennt. Und ich kann dem, nach der bisherigen Erfahrung mit meinen Söhnen, wohl zustimmen. Rein biologisch betrachtet ist der Sinn unseres Dasein, dass wir uns reproduzieren – denn die Natur hat es uns gegeben. Betrachtet man dies auf einer anderen Ebene, liest man häufig, dass sich die Kinder ihre Eltern bereits vorher aussuchen, erst zu ihnen kommen, wenn sie bereit dazu sind und uns zeigen wollen, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Ich finde diese Sicht so schön und friedvoll, denn sie beinhaltet für mich, dass Kinder von Grund auf gut sind und uns in die Liebe zurückführen wollen – die leider in unserer Gesellschaft für mein Empfinden verloren gegangen ist. Die wahrhaftige, bedingungslose Liebe – die haben nur die wenigsten erfahren und die meisten müssen sie im Laufe ihres Lebens wiederfinden. Doch sie ist die Verbindung zu allem. Denn alles ist miteinander verbunden.

Wie oft erwische ich Erwachsene dabei, wie sie Kindern sagen, dass etwas keinen Sinn macht, was sie da tun. Es ist Unsinn in ihren Augen. Doch aus kindlicher Sicht ergibt immer alles einen Sinn, was sie tun. Nur ist den Erwachsenen das Gefühl dafür abhanden gekommen. Oft wird vorschnell mit dem Erfahrungsschatz nach vorne geprescht und den Kindern bleibt dabei eine eigene Erfahrung verwehrt. Sich zurückzunehmen, abzuwarten, zu beobachten und da zu sein, wenn das Kind einen braucht – es gehört schon eine Menge Selbstdisziplin dazu. Dabei lässt sich ein Stück weit erahnen, wie groß das Geltungsbedürfnis des Erwachsenen doch ist, was er selbst in der Kindheit nicht ausleben durfte.

Und jetzt? Ich blicke in eine Welt, die zwei Jahre in besonders großer Aufruhr und Anspannung gehalten wurde. Von Beginn an habe ich in mich hineingespürt und gemerkt, dass etwas daran nicht stimmt. Dass das alles für mich keinen Sinn ergibt, was den Menschen so als sinnvoll suggeriert wird. Natürlich, all das, was in unserer Welt passiert, folgt irgendeinem Sinn. Da gibt es viele Meinungen und Ansichten zu. Doch bei all den Fakten, Beweisen, Statistiken und Zahlen – ich stehe wieder vor der Frage, die mich bereits als Kind beschäftigt hat: Warum müssen Menschen sich gegenseitig Leid zufügen? Warum müssen Menschen Kriege führen? Warum ist Macht und Geld so viel wichtiger, als ein friedvolles Miteinander? Warum muss all das auf Kosten unseres wunderbaren Planeten abgehalten werden? Warum lässt man sich nicht einfach gegenseitig Seins und gesteht dem anderen Ruhe und Frieden zu? Es erscheint mir alles so sinnlos.

Nun habe ich einen kleinen Menschen an meiner Seite, der diese Welt kennenlernen und verstehen möchte – und ich stehe gerade oft selbst wie ein kleines Kind da, ahnungslos, hilflos. Will den Sinn hinter Dingen sehen, die so auf dieser Welt passieren. Und komme immer nur wieder zu dem Ergebnis: Es fehlt an Liebe. Überall. Der Materialismus füllt die leeren Herzen. Ich rufe mir in Erinnerung, dass ich die Veränderung sein möchte, die ich in der Welt sehen will. Und darum stille ich mein Kleinkind. Darum bin ich daheim und schenke ihm die allermeiste Zeit meines Tages, während vieles auf der Strecke bleibt (was für die meisten so wichtig ist). Deswegen sammele ich Müll und vermeide ihn daheim. Darum führen wir derzeit ein ruhiges und zurückgezogenes Leben, sind die meiste Zeit nur zu dritt. Weil diese Welt laut und voll ist. Weil sie schmutzig ist und lieblos. Ich baue hier daheim in unserer kleinen Blase ein Fundament für die Zukunft auf. Manchmal hilft nur Rückzug und Abstand, etwas Ruhe, um all die Dinge, die einen so belasten, besser betrachten zu können und wieder zu sich zu kommen. Für die allermeisten Menschen mag unser Leben, wie wir es leben, auch sinnlos erscheinen, unvorstellbar. Doch wir hören auf den Ruf unserer Seele. Wir hören unserem Kind zu und spüren seine Bedürfnisse – und die sind eben so ganz anders, als es von allen Seiten gesehen und gelebt wird.

Dann sind wir eben nicht ganz normal. Dann sind wir eben irgendwie ver-rückt. Dann macht das eben für viele keinen Sinn. Wichtig ist doch nur, dass es für uns Sinn ergibt und uns glücklich macht. Sich sein eigenes Richtig zu gestalten, frei von anderen Vorstellungen und Erwartungen – es ist nicht ganz einfach. Vor allem, wenn man einige Zeit seines Lebens danach gelebt hat. Ich lasse anderen Menschen ihren Weg, ihr Richtig, ihre Wahrheit. Ich wünsche mir, dass sie es mir auch lassen. So kann ein friedvoller Weg entstehen.

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