Zehn

Mit 22 Jahren erfuhr ich von Dir. Gerade erst hatte ich das Examen meiner Ausbildung in der Tasche und war voller Tatendrang und Vorfreude darauf, endlich richtig in den Beruf einsteigen und erstmal gutes Geld verdienen zu können. Doch dann kamst Du. Ungeplant und ganz überraschend. Ich hatte nicht mal bemerkt, dass Du zu mir gekommen warst, denn so viel Umschwung fand zu der Zeit in meinem Leben statt. Ich weiß noch, dass ich ein paar Monate zuvor plötzlich die Erkenntnis hatte, dass ich nun in einem Alter war, in dem ich theoretisch jeder Zeit schwanger werden könnte – denn ich war bereits ein Jahr ohne Antibabypille, da ich sie nicht mehr vertrug.

Als ich von Dir erfuhr, war die Freude erstmal gar nicht groß. Auch der erst Arztbesuch überzeugte mich noch nicht davon, dass Du bleiben sollst. Ja, damals, da war der erste Gedanke, dass ich Dich nicht bekommen könnte – denn so ganz zufrieden war ich eigentlich nicht zu diesem Zeitpunkt und sehr durcheinander. Doch letztlich war klar: Ich hätte es nicht verkraftet, wäre Dein Leben aus fremder Hand beendet worden. Ich wuchs also buchstäblich in und mit dieser Schwangerschaft und am Ende überwog das Staunen über dieses Wunder, das der Körper da vollbringt und die Vorfreude auf Dich kleinen Menschen, den ich da so intensiv spüren konnte.

Schon Wochen vor Deinem erratenen Geburtstermin hatte ich regelmäßig intensive Übungswehen. Ich konnte all das noch nicht einschätzen und war das ein oder andere Mal mit falschem Alarm im Kreißsaal. Ich würde schon merken, wenn es irgendwann richtige Wehen seien – so wurde ich nach Haus geschickt.

Der Tag vor Deiner Geburt war dann anders. Ich war müde und schlief am Nachmittag nochmal sehr lang. Am Abend stellten sich mit einmal Rückenschmerzen ein, die ich nicht gelindert bekam. Meine Gebärmutter wehte fleißig vor sich hin. Noch einmal zur Rücksprache im Kreißsaal erhielt ich eine Spritze gegen die Schmerzen. Mit den Worten der Hebamme „Dann vielleicht bis später“ fuhren wir heim. Wir legten uns schlafen, doch während dein Vater bereits selig im Land der Träume angekommen war, tigerte ich durch die Wohnung. Fand kaum Ruhe und Entspannung in irgendeiner Position. Wehte und wehte vor mich hin. Ich war unsicher. Fühlte mich nicht mehr wohl daheim. Nach knapp drei Stunden Schlaf weckte ich Deinen Vater und wir fuhren wieder in den Kreißsaal. Und endlich: Es ging also los. Du hast Dich auf den Weg gemacht. Und ich hatte keine Ahnung, was mich da erwarten würde. Mein erstes Kind. Alles mögliche lernt man in der Schule, aber das nicht.

Ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, die Wehen zu veratmen und wurde von der Hebamme bestärkt und gelobt, wie toll ich das machte. Mein Körper machte das, was er soll. Ich war einfach nur überwältigt von den Schmerzen und wie selten ich Pausen hatte, um einmal durchzuatmen. Irgendwann verlor ich die Kraft und wusste nicht, wie ich die kommenden Wehen noch schaffen sollte. Kurzum: Es wurde interveniert. Wehenhemmer, PDA, Fruchtblase eröffnen. Das ganze Programm, das ich in meiner Vorstellung nicht wollte. Letztlich ging es nicht weiter. Du fandest den Weg nicht nach unten. Mit einmal wurde es ernst und hektisch. Die Vermutung lag nahe, dass Deine Nabelschnur im Weg war und nun ein Kaiserschnitt die bessere Lösung wäre – denn Deine Herztöne waren wohl nicht mehr gut. Klar, bei den ganzen Eingriffen von außen, der uns beide gestresst hat. Zitternd unterschrieb ich noch die Aufklärung für die OP und dann ging alles ganz schnell. Das Gefühl auf diesem Tisch zu liegen, wie sie Deinen Körper aus mir herauszogen – das werde ich wohl nicht vergessen. Es war nicht schön. Aber leider war es wohl notwendig, denn Du warst komplett eingewickelt in Deine Nabelschnur. Ob Du auf dem anderen Weg doch noch zur Welt gekommen wärst – das kann ich nur vermuten. Mein Blick darauf hat sich nach zehn Jahren etwas verändert.

Zehn Jahre. So lang ist es heute also her, als Du das Licht der Welt im grellen OP-Schein erblickt hast. Auch wenn Du mein erstes Kind warst und ich da noch naiv und halbwissend heranging – ich hatte mir eine andere Geburt und einen anderen Start für uns gewünscht. Damals fühlte ich mich bereit für das Abenteuer mit Dir. Ich war der Sache gewachsen, so dachte ich. Heute, zehn Jahre später, schaue ich anders darauf. Ich habe zwar schon dort einiges versucht anders zu machen – immerhin habe ich Dich ein komplettes Jahr gestillt und das mit anfänglichen Startschwierigkeiten und ohne Vorbilder. Du hast Dich prächtig entwickelt und warst ein wonniges und zufriedenes Kind. Als dann mit knapp zwei Jahren bei Dir der Tumor gefunden wurde, fühlte sich die Zeit davor unbeschwert und fast vergessen an. Deine Diagnose hat alles auf den Kopf gestellt, aber irgendwie haben wir es geschafft, sogar auf dem Kopf stehend ein lebenswertes Leben mit viel Spaß und Abenteuern für Dich und uns zu gestalten. Dein halbes Leben verbrachten wir in Kliniken. Dein halbes Leben hast Du, kleiner starker Kerl, eine wahnsinns Therapie ausgehalten. Ich verneige mich für den Rest meines Lebens vor Deiner Stärke – vor Dir!

Dein dritter Geburtstag war der letzte Ehrentag, den wir gemeinsam auf der Erde feiern konnten. Wir hatten damals viele gute Freunde und Familie eingeladen, die alle so mitfieberten und auf ihre Weise während Deiner Therapie für uns da waren. Wir wollten Dich mal so richtig feiern. Es waren rund 15 Leute oder mehr – ich weiß es nicht mehr genau. Viel Aufwand und Mühe machte ich mir für diesen Tag. Mein Selbstanspruch ließ mich vor lauter Aufregung kaum schlafen. Und als Du am Morgen erwacht bist, spürte ich sofort, wie warm du warst. Du hattest hohes Fieber. Nicht mal mehr zwei Stunden vor der Ankunft der Gäste. Was sollte ich tun? Ich gab Dir etwas gegen das Fieber und Du konntest Dich fangen. Die ganze Zeit hatte ich Dich im Blick. Es war für uns so aufregend. So viele Menschen. So viele Geschenke. Du warst gut abgelenkt. Am späten Nachmittag kletterte Deine Temperatur dann wieder rasch nach oben und es war klar: Du musst wieder in die Klinik. So fuhren wir also am Abend Deines Geburtstages in unser zweites Zuhause – nicht ahnend, dass wir zwei Wochen später die Diagnose über dein Rezidiv erhalten würden. Dein Geburtstagsfieber war bereits der Gruß des Tumors, der wieder zurückgekommen war.

Mein Kind. Da oben auf Deiner Wolke. Wie wärst Du wohl heute, mit 10 Jahren? Ich kann nur ein wenig träumen und vermuten, wie Du wohl aussehen würdest. Welche Interessen Du hättest. Da wäre ein kleiner Bruder, der ganz sicher stolz auf Dich geblickt hätte, weil DU sein großer Bruder bist. Und da wäre ich, die wahnsinnig stolz auf Dich wäre – weil Du diesen Geburtstag feiern kannst, nach diesem Start ins Leben. Doch nun feiern wir Dich hier unten, irgendwie mit und ohne Dich. Du bist immer da. Mal wieder präsenter und dann auch wieder mehr im Hintergrund.

Dein Name fällt stets und ständig in Gesprächen mit vertrauen Menschen. Mein erster Sohn, so bezeichne ich Dich, wenn ich von Dir spreche, sobald ich neue Menschen kennenlerne. Ich spreche gerne über Dich, denn Du bist ein wichtiger Teil meines Lebens. Du hast mich zum ersten Mal zur Mutter gemacht. Danke, dass ich Deine Mama sein darf und Deine kleine Seele damals mich dafür ersucht hat, den Weg mit Dir zu gehen.

Heute jährt sich Deine Geburt also zum zehnten Mal. Herzlichen Glückwunsch, mein Kind. Wie gerne würde ich Dich hier bei uns hochleben lassen. Du fehlst mir unendlich.

In Liebe, deine Mama

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.