Schon eine kleine Weile hatte ich dieses Gefühl. Als wäre ich nicht mehr allein in meinem Körper.
An einem Sonntag auf dem Spielplatz war es da, das bekannte Gefühl. Ein unangenehmes Stechen, es hielt nur für einen Moment an. Da nahm ich es noch nicht so sehr wahr. Erst im Laufe der Woche breitete sich in mir das Gefühl aus, nicht mehr so ganz allein in meinem Körper zu sein.
Mein Herzmensch erzählte mir von einem Traum – ein Storchennest vor unserem Haus. Ich hatte einen Traum, in dem es um die Zeugung eines Kindes ging. Immer wieder zeigten sich uns Störche. Ich spürte körperliche Veränderungen, die mir sehr bekannt vorkamen.

Ja, alles deutete darauf hin, dass wieder eine kleine Seele zu mir gefunden hatte. Und am Ende war der Test für mich nur die Bestätigung meines Bauchgefühls. Da sind sie also – die berühmten zwei Striche auf dem Test, die ein neues Leben bedeuten. Da mein Herzmensch an diesem Tag zu seiner stationären Behandlung aufgenommen wurde und somit erstmal nicht daheim war, behielt ich dieses kleine süße Geheimnis vorerst für mich. Ich ging in mich, spürte in mich hinein und verstand das erste Mal so richtig, guter Hoffnung zu sein. Ja, genau so fühlte es sich an. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich vorerst nicht zu einem Arzt gehen würde – denn es ging mir gut und die letzten Male, als ich schwanger beim Arzt saß, waren für mich immer zu aufregend und stressig. Ich wollte in meiner Ruhe bleiben und ins Vertrauen gehen. Vertrauen, dass mein Körper genau weiß, was er da tut. Vertrauen, dass diese kleine Seele schon weiß, wie lang ihre Reise bei mir sein wird. Ich hatte überwiegend meinen Frieden, bis auf wenige kleine Momente. Ich nahm die Haltung ein, dass ich gut für mich sorgen und auf mich achten werde – und das dies das einzige ist, was ich tun kann. So viel kann in den ersten Wochen passieren, das ich nicht beeinflussen kann. Ich sprach mit der kleinen Seele unter meinem Herzen, ging in Verbindung. Ich wollte diese Schwangerschaft anders gestalten. Friedvoller, ruhiger, vertrauensvoller und intuitiver.
Meinen Herzmenschen weihte ich eineinhalb Wochen später persönlich ein. Wir freuten uns. Sehr. So ungeplant es nun auch zu uns kommt, so sehr ist es geliebt und erwünscht. Dieses Kind. Das ja – rein biologisch – noch ein kleines Zellgebilde ist, das allmählich Gestalt annimmt. Doch wie schnell daraus ein Mensch wird, fasziniert mich jedes Mal wieder auf’s Neue.
Mein Körper zeigte mir immer mehr, dass er neues Leben erschafft. Mein Bauch war dank der fleißigen Hormone ab Nachmittag kaum zu übersehen. Jedes Zeichen meines Körpers war für mich in Ordnung und ließ mich nicht daran zweifeln, dass er genau das macht, was er soll. Ich ruhte (überwiegend) in mir.
Als wir für einige Tage Besuch bekamen, konnte ich es nicht verheimlichen, in welchen Umständen ich mich nun befand. Doch es gab Momente, in denen ich gestresst war und ich versuchte, die innere Anspannung schnell zu beheben – denn ich wollte diesem kleinen Leben nicht unnötig schaden. Schon irre – was ein reiskorngroßes Lebewesen bereits für Beschützerinstinkte erweckt. Doch immer wieder sagte ich mir, dass diese ersten Wochen so fragil sind und ich nicht alles potentiell Schädliche vermeiden kann. Und immerhin geht auch vieles von diesem kleinen Menschen selbst aus, worauf ich keinen Einfluss nehmen kann. In diesen Momenten von Stress und Anspannung spürte ich also nochmal deutlich, dass zwei kleine Geburten ohne ein lebendes Kind in den Armen zu halten, Spuren hinterlassen haben.
Gegen Ende des Besuchs schlich sich allmählich ein anderes Gefühl ein. Als darüber sinniert wurde, dass wir im nächsten Jahr zu dieser Zeit wieder mit einem Kinderwagen unterwegs wären, spürte ich Wehmut. Ich konnte es plötzlich nicht mehr sehen und wollte auch nicht so weit denken. Vermutlich aus Selbstschutz. Denn wie schnell malt man sich das Leben mit dem Nachwuchs aus, sobald der positive Test vor einem liegt. Das Traumschloss ist dann so groß und kann genauso schnell wieder zerplatzen, wie es errichtet wurde.
…
Zwischen Hoffen und Bangen
Einige Tage vor meinem Geburtstag kam genau das, wovor ich mich insgeheim immer wieder fürchtete: Schmierblutungen. In keiner meiner anderen Schwangerschaften hatte ich sie – außer, es ging zu Ende. Innerlich nahm ich bereits Abschied. Es machte sich die Gewissheit breit, dass ich mich zeitnah wieder verabschieden darf. Es flossen täglich Tränen. Alles durfte sein. Mein Geburtstag kam und ich war nicht ganz da. Mein Telefon lag ausgeschaltet herum – ich wollte einfach mit niemandem sprechen. Die Schmierblutungen blieben und ich konnte immer weniger einschätzen, was da wohl gerade in meinem Körper passiert. Ich dachte an Frauen um mich herum, denen es ähnlich ging und bei denen alles gut ging. Ich laß Berichte im Internet und war erstaunt, wieviele Schwangerschaften mit anhaltenden Schmierblutungen einhergingen und gut verliefen. Mir war klar: Ich muss einen Arzt aufsuchen, damit ich weiß, worauf ich mich einstellen kann. Zumindest in etwa.
Genau vier Wochen nach meinem positiven Test saß ich also am frühen Morgen spontan in der Arztpraxis, die ich eigentlich nicht mehr aufsuchen wollte. Mit meiner letzten Schwangerschaft vor zwei Jahren gingen sie nämlich sehr unempathisch um, prophezeiten schon über den Flur ‚ob es denn halten würde‘. Doch auf die Schnelle fand ich keinen Ersatz und ich brauchte ein Stück Gewissheit. Zudem plagten mich noch ungeheure Zahnschmerzen, die am selben Tag ebenfalls eine Notbehandlung bedurften. Ich konnte kaum klar denken.
Ich stellte mich innerlich darauf ein, dass alles in Ordnung sei, was dort nun zu sehen oder eben nicht zu sehen ist. Ich wollte loslassen und die Gedanken ablegen, dass ich es in irgendeiner Weise in der Hand hätte, was mit dieser Schwangerschaft passiert – außer eben, gut für mich zu sorgen. Doch dazu gehörte nun mal auch, mit meinen Gedanken und Gefühlen auf Reihe zu kommen.
Der Ultraschall zeigte nun also das, was ich gehofft, aber nicht so ganz erwartet hätte: Ein kleines Menschlein mit Herzschlag. Die Gynäkologin äußerte sich in ihrer mir bekannten Weise dazu und ich ließ all das nicht an mich heran. Für mich bestand nun also Hoffnung und darauf wollte ich mich einlassen.

Die Schmierblutungen blieben. Mal mehr, mal weniger. War ich körperlich zu sehr gefordert, wurde es mehr. Bei Ruhe und Schonung wurde es weniger. Ich musste irgendwie ein Mittelmaß finden, so allein daheim mit meinem Herzenskind. Ich versuchte nicht zu viel darüber nachzudenken und eher auf die Signale meines Körpers zu achten – und ich spürte, wenn ich Ruhe brauchte. Doch gedanklich kam ich nicht ganz davon weg, immerhin zeigte es sich mir bei jedem Toilettengang, dass mein Körper arbeitete. In welche Richtung? Das konnte ich nicht mehr genau spüren. Ich schwankte zwischen Hoffen und Loslassen – denn ich hatte eigentlich keine Bange vor einem frühen Ende. Ich konnte es einfach nur nicht einschätzen und wollte genau eines nicht: Mit meinem Kind unterwegs sein und plötzlich setzen starke Blutungen ein. Denn meine letzte kleine Geburt vor zwei Jahren kam in der Nacht mit Wehen und schwallartigen Blutungen. Ich spürte, dass ich mich mehr zurückzog und daheim wohler und sicherer fühlte. Nur die nötigsten Wege erledigten wir beide draußen. Und es war auch für mein Herzenskind total in Ordnung. Ich war froh, dass wir beide uns da einigen konnten.
Jeden Tag rechnete ich also damit, dass es losgehen könnte. Doch ich blutete einfach nur Stück für Stück vor mich hin und gewöhnte mich bereits daran. Ich erwischte mich hin und wieder dabei, dass ich meine innere Unsicherheit von außen beruhigt haben wollte – so laß ich immer wieder Berichte von schwangeren Frauen, denen das gleiche widerfuhr und am Ende ein gesundes Kind zur Welt kam. Gleichzeitig dachte ich an die beiden Träume zu Beginn der Schwangerschaft, in denen ich eine kleine Geburt erlebte.
Ich spürte mein Bauchgefühl, dass wieder etwas nicht stimmte und konnte es nicht ignorieren. Letztlich blieb nur eines: Abwarten.
Das Bauchgefühl bestätigt sich
Nach rund 10 Tagen wurden die Blutungen immer etwas stärker. Ich spürte hin und wieder periodenähnliche Schmerzen, ganz anders als die Dehnungsschmerzen zu Beginn der Schwangerschaft. Ich nahm innerlich mehr und mehr Abschied und ließ los. Das Rückzugsverhalten, Einkuscheln daheim und Ruhe genießen ähnelte den letzten Tagen vor der Geburt meines Herzenskindes. Ich spürte, es würde nicht mehr lange dauern.

Genau fünf Wochen, nachdem ich die zwei Striche auf dem Test bewunderte, durfte ich mich von diesem kleinen Wunder wieder verabschieden. Mein Herzenskind und ich waren wieder sehr früh auf. Es zog schon stärker im Unterleib und beim Frühstück durfte das Wärmekissen für Linderung sorgen. Als ich später in der Küche stand, spürte ich, dass da etwas raus wollte. Ich nahm mir eine Schüssel mit ins Bad und gebar völlig schmerzfrei eine kleine, intakte Fruchtblase. Mein Herzenskind stand vor mir und schaute zu. Als ich soweit war, säuberte ich die kleine Fruchtblase und sah darin das kleine Wunder. Es schwamm friedlich im Fruchtwasser und war zeitgerecht für die Schwangerschaft entwickelt.
Ich war überwältigt. Erleichtert. Dankbar. Tränen flossen – vor Freude und Traurigkeit. Während ich froh war, dass ich dieses kleine Kind zur Welt bringen durfte, strömte gleichzeitig natürlich auch Traurigkeit hinzu, dass es nicht weiter leben und wachsen durfte. Den Grund dafür werden wir nicht erfahren – wir können nur vermuten und damit unseren Frieden schließen.
Dieses kleine Kind, dass bereits so geliebt und erwünscht war, wurde von meinem Herzenskind und mir beerdigt. Es werden Blumen darauf wachsen. Und wie sagte mein Herzenskind so schön: Mama freut sich dann. Und ich auch.
