Er jährt sich wieder mal. Der Tag, an dem Dein viel zu kurzes Leben zu Ende ging. Sieben Jahre ist es nun also schon her, als Dein kleines Herzchen aufgehört hat zu schlagen. Als Dein schwerer Kampf gegen diesen bösartigen Tumor verloren war. Kaum zu glauben, wie schnell diese Zeit verging. So ohne Dich hier auf der Welt.

In letzter Zeit spreche ich wieder häufiger von Dir, mein Kind. Immer wenn ich neue Menschen kennenlerne, bist auch Du irgendwann ein Thema. Denn die Frage nach weiteren Kindern kommt schnell, sobald ich mit Deinem kleinen Bruder in Gesellschaft bin. Vor allem in Gesprächen mit anderen Müttern. Denn da wird sich über alles mögliche ausgetauscht. Ich erwähne dann beiläufig, wie es mir im Vergleich mit meinem ersten Sohn erging und es folgen neugierige Fragen. Ach Du hast noch ein Kind, wie schön. Ich entgegne dann meistens, dass ich ein Kind im Himmel und auf der Erde habe. Würde ich jedes Mal die drei kleinen Seelen hinzurechnen, die auch kommen wollten aber nicht geblieben sind, könnte ich mit Dir also von vier Kindern sprechen, die nicht bei mir bleiben durften. Die Reaktion der Menschen schwingt von neugieriger Freude in traurige Betroffenheit um. Manchmal fließen kleine Tränen, andere wirken in sich gekehrt und sprachlos. Alle bekunden mir ihr Mitgefühl. Mittlerweile geht es mir schon etwas leichter von den Lippen, wenn auch jedes Mal wieder ein Kloß im Hals sitzt. Ich kann sehr gut über Dich und unser Schicksal sprechen, doch fühlt es sich immer erstmal so an, als würde ich der aufregenden Achterbahnfahrt des Kennenlernens den Anschwung nehmen. Hier ist die Fahrt nun unterbrochen. Sie dürfen entscheiden, ob Sie noch weiter mitfahren möchten. Denn häufig hatte ich den Eindruck, dass manch ein Mensch damit nur schwer umgehen kann und sich vielleicht auch deswegen Kontakte verloren haben. So schade ich es auch oftmals fand, so gut kann ich auch verstehen, dass es eben ein schweres Thema ist. Und viele können damit nicht so gut umgehen. Aber das ist in Ordnung. Du gehörst zu meinem Leben dazu – und entweder die Menschen sind bereit, es ein Stück mit auszuhalten oder eben nicht. Ich kann und werde Dich nicht verschweigen. Es ist jedes Mal wie eine kleine Prüfung für mich: Wie geht dieser neue Mensch in meinem Leben damit um? Alle Reaktionen sind in Ordnung und dürfen sein. Doch wenn ich spüre, dass ich mit diesem Schicksal auf Mitgefühl und vielleicht sogar Fragen stoße, fühle ich mich angenommen und die Begegnung kann vermutlich auf einer anderen Ebene verlaufen. Ach ja, mein liebes Kind. Dein Schicksal ist eine Art Reifeprüfung für mich und andere Menschen geworden.
In den vergangenen Wochen dieses Sommers waren auch wieder einige heiße Tage dazwischen, an denen Aktivität innen oder außen tagsüber kaum möglich war. Die drückende Hitze hat antriebslos und träge gemacht. Mit Deinem kleinen Bruder war dann auch nicht so viel möglich. Erst am Abend, wenn es sich endlich spürbar abkühlte, machten wir noch späte Spaziergänge. Die Tage waren und sind sehr lang. Ähnlich wie in Deinem letzten Sommer. Als alle Regeln und Strukturgeber des Tages locker und spontan gehalten wurden – denn wir richteten sie an Dein Befinden aus. Mit dem Wissen, dass der Tumor zurück war und sich unaufhörlich in Dir ausbreiten würde, zog eine neue Wahrnehmung und Zeitrechnung bei uns ein. Zumindest für mich. Nicht wissend, wann Dein Leben enden würde, wollte ich so viele Momente, wie nur möglich, mit Dir genießen. Das konnte ich zwar schon in den drei Jahren Deines kurzen Lebens, aber so richtig in Erinnerung würde wohl besonders die letzte Zeit mit Dir bleiben, dachte ich. Und obwohl sich Dein Körper Stück für Stück unter dem Wachstum des Neuroblastoms verabschiedete, spürte ich noch so viel Lebendigkeit in Dir. Die Entscheidung, Dich mit nach Hause zu nehmen, statt für eine experimentelle Therapie in eine weit entfernte Klinik zu fahren, war goldrichtig! Dein halbes Leben hattest Du in Kliniken verbracht. Fremdbestimmt und mit vielen Einschränkungen. Jetzt solltest Du einfach nur noch Kind sein und das machen, wonach Dir der Sinn stand. Und so hast Du gelacht, gespielt, Lieblingsspeisen gegessen, gekuschelt und mit Deiner kleinen Gitarre zu Elvis Videos getanzt. Fünf Wochen war Dir fast nicht anzumerken, was da gerade in Deinem kleinen Körper vor sich geht – außer das leichte Husten und die zunehmende Erschöpfung. Doch irgendwann war es nicht mehr zu übersehen, wie sich der Tumor immer weiter in Deinem Brustkorb ausbreitete. In den letzten eineinhalb Wochen Deines Lebens hast Du immer mehr Ruhe eingefordert, bis Du schließlich rund eine Woche vor Deinem Tod nur noch im Bett gelegen und mehr und mehr geschlafen hast. Dein Körper baute rapide ab. Die Schmerzen wurden mit Morphin gelindert und Du konntest entspannt schlafen.
Nie vergessen werde ich Deinen letzten Abend. Der zuständige Arzt kam noch einmal nach Dienstschluss bei uns vorbei, um nach Dir zu schauen. Deine Oma war auch gerade anwesend. Kurz zuvor wurdest Du einmal wach und hattest etwas gesehen, das für uns nicht sichtbar war. Ein Vogel. Da spürte ich bereits, dass Du nicht mehr langen leben würdest. Auch der Arzt sagte später: Nun ja, es ist nun schon sehr endlich, als Deine Oma fragte, wie lang er noch leben würde. Genau sagen konnte das niemand – und das war ja auch gut so.

Deine Atmung veränderte sich, wurde immer flacher mit kurzen Atemzügen. Am Tag Deines Todes – es war ein Freitag, sagte ich noch zu Deinem Vater, dass Du das Wochenende nicht überleben wirst – so war mein Gefühl. Er wollte es nicht hören. Sag sowas nicht. Es war schwer. Ich wich kaum von Deiner Seite, lag neben Dir im Bett und rätselte etwas Sudoku in meinem Heft – damit mein Kopf ein wenig Aufgabe hatte. Der Lebenshauch war bereits fast verschwunden und verabschiedete sich mit jedem Atemzug mehr. Gegen Mittag veränderte sich dann noch einmal etwas bei Dir. Ich war mir etwas unsicher und rief die Palliativschwester an. Ich hatte das Gefühl, noch etwas tun zu müssen – doch sie sagte mir mit sanfter Stimme, dass Du nun offenbar Deine letzten Atemzüge machen würdest. Ich weinte und konnte kaum glauben, dass es nun wirklich passiert.

Als Deine Atmung stillstand, hörte auch mein Herz kurz auf zu schlagen und ich hielt meinen Atem an. Keine Regung mehr. Unfassbar. Und das noch heute, nach sieben Jahren. Ich hatte Dich drei Jahre zuvor zur Welt gebracht und jetzt sollte das vorbei sein? Ich konnte nicht aufhören, Dich anzusehen. So friedlich lagst Du da. Wir warteten auf die Palliativschwester, die sofort kommen wollte. Auch der Arzt wurde sofort verständigt und kam rund eine Stunde später zu uns. Es lag eine friedliche Stille im Raum. So unendlich traurig ich auch war, ich war dennoch froh für Dich, dass Du nun Deinen Frieden hattest. Endlich keine Schmerzen mehr aushalten. Du hast würdig gegen diesen Tumor gekämpft, doch leider war er so stark.
Wir erhielten den Totenschein und die Information, dass wir Dich damit nun so lange bei uns behalten könnten, wie wir wollten. Doch in Anbetracht der heißen Sommertemperaturen und dem Wissen, wie schnell der Körper seine Abbauprozesse beginnt und sie damit beschleunigt werden, wollten wir Dich lieber umgehend an ein Bestattungsinstitut übergeben. Die Schwester sagte mir liebevoll, dass wir Dich noch ganz in Ruhe waschen und kleiden können – das muss nicht von einem Bestatter gemacht werden. Diese Information war so heilsam für mich – denn ich hatte drei Jahre für Dich gesorgt und wollte Dich nun ein letztes Mal versorgen. Ich wusch Dich behutsam, cremte Dich ein und zog Dir Deine Lieblingskleidung an. Ich sprach währenddessen mit Dir – so, wie ich das immer tat. Dein Vater stand daneben und konnte nichts tun. Ich spürte Berührungsängste. Er kümmerte sich um den Anruf beim Bestatter, den wir kurz entschlossen wählten – denn vorbereitet hatten wir dahingehend nichts. Ich wollte mich in den letzten Tagen mit Dir nicht darum kümmern, wie es nach Deinem Tod weitergeht – dafür hatten wir noch genug Zeit und konnten mehr aus dem Gefühl heraus entscheiden. Rückblickend haben wir gut gewählt, denn sie waren würdevoll und einfühlsam im Umgang mit Deinem kleinen Körper und unserer verletzten Seele.
Als die Bestatter mit Dir, in diesem kleinen weißen Sarg, die Wohnung verließen, wusste ich nicht, wie ich denken sollte. Eine Leere breitete sich in mir aus. Hilflos standen wir da und wussten nicht, wohin mit uns. Es fühlte sich nicht richtig an – so ohne Dich. Kurzerhand setzten wir uns ins Auto, holten uns etwas zu essen und stellten uns auf einen Aussichtspunkt mit Blick auf die Stadt. Wir riefen nach und nach unsere Familien an und hielten Tränen und Entrüstung am Telefon aus. Alle wussten, dass es passieren würde – doch als Dein Leben endete, schmerzte es allen noch einmal sehr. So sehr warst Du geliebt und bist Du auch heute noch.
…
Man könnte meinen, dass es sich nach so einer langen Zeit schon irgendwie erträglicher anfühlt. Und sicher, mit dem Schmerz und der Trauer über Deinen Tod kann ich mittlerweile ganz gut umgehen. Es ist nicht mehr so frisch. Doch immer, wenn ich über diese letzten Momente mit Dir nachdenke, bin ich gefühlt wieder mittendrin. Es war so ein einprägsames Ereignis. Ich spüre es noch in meinem ganzen Körper. Manchmal frage ich mich für einen kurzen Augenblick, wie wohl Dein Vater mit all dem umgeht und wie er sich an einem Tag wie heute fühlt. Für ihn ist es sicher anders, als für mich. Wir trauerten jeder auf unsere Weise und unsere Wege trennten sich. Es ging mir nicht mehr gut.

Und heute sitze ich hier mit meiner kleinen Familie. Könnte nicht glücklicher sein. Doch, natürlich. Wärst Du hier, wäre es noch schöner. Doch so sollte mein Leben verlaufen. Ich bin dankbar dafür, Dich für eine kurze, aber intensive Zeit in meinem Leben begleitet zu haben. Was hätte ich an Erfahrungen und Erkenntnissen verpasst. Diesen Tag heute kann ich nicht feiern. Dieser Tag macht mich wieder sehr andächtig, wehmütig und auch traurig. Doch das darf sein. Der Tod gehört zum Leben dazu und durch Deinen Tod habe ich einen leichteren Umgang damit gefunden.
Wie geht es Dir wohl jetzt? Das frage ich mich oft. Hättest Du mir noch etwas zu sagen?
Ich vermisse Dich, mein Kind. Die Zeit mit Dir war schön. Und jetzt erlebe ich gerade Deinen kleinen Bruder in diesem Alter, als Dein Leben endete. Das blühende Leben umgibt mich, während meine Gedanken manchmal noch bei Dir sind und mein Verstand immer noch begreifen muss, dass Du nicht mehr hier bist.
Wenn ich von Dir erzähle, fallen Sonnenstrahlen in meine Seele. Mein Herz hält Dich gefangen, so als wärst Du nie gegangen.
