Der September ist da. Und der Herbst kehrt nun ein. Ich freue mich. Nach diesem langen, heißen und trockenen Sommer bin ich froh, dass ich etwas durchatmen kann. Einerseits, weil wir die langen Tage viel genutzt haben und ich mit dem Herzenskind täglich mehrere Stunden draußen unterwegs war. An den heißen Tagen trauten wir uns erst am Abend raus und die Tage endeten dann knapp vor Mitternacht. Es war ein schöner Sommer und die Hitze hat mich in diesem Jahr nicht mehr ganz so herausgefordert in Bezug auf die Erinnerungen an meinen ersten Sohn. Unser Herzenskind hat täglich fleißig Pflanzen gegossen und durfte sich den Bauch mit Erdbeeren von der Terrasse und Brombeeren aus der Natur vollschlagen. Wir haben einiges gemeinsam ausgesät, eingepflanzt, beim Heranwachsen bestaunt und letztlich geerntet. Ein tolles Erlebnis. Regelmäßige Treffen mit anderen Müttern und Kindern haben uns gut getan und uns bereichert. Ich bin dankbar für diese Begegnungen. Ich bin dankbar und stolz, wie sich unser Herzenskind in diesem Sommer weiterentwickelt hat. Und das alles ohne Druck, ohne Zwang. Alles von ganz allein.

Als nun der September begann, fiel mir wieder ein, wie es im letzten Jahr zu dieser Zeit bei uns aufgestellt war. Gerade noch die Eingewöhnung bei der Tagesmutter erlebt, stand schnell fest, dass dieses Konzept noch nicht zu unserem Herzenskind passte. Wir sahen, dass er noch mehr Zuwendung benötigt und ihm das Teilen der Aufmerksamkeit schwer fiel. Und zu dieser Zeit fragte ich mich noch, ob es einfach nur nicht klappte, weil ich noch nicht Loslassen konnte. Doch diese Gedanken relativierten sich schnell. Wir erkannten nach und nach immer mehr, wie eingefahren das hiesige Betreuungssystem ist und Individualität kaum Platz hat. Unser Herzenskind blieb weiterhin daheim und wir können ein Jahr später sagen: Es fehlt ihm an nichts. Er ist zufrieden und glücklich, entwickelt sich toll und erfährt genügend Eindrücke und Auslastung. Anfang des Jahres hatte ich den Impuls, Kontakte für ein Mütterteam zu finden. Eine Kontaktanzeige brachte einige Kontakte, die letztlich aber nicht so passend waren, weil einige zu weit entfernt wohnten. Doch über andere Gruppen fand ich nun diese Mütter, mit denen wir seit Mai in Verbindung stehen und es tut gut. Da wir alle kitafreie Kinder haben, zeigt sich aber auch, dass die Idee von gegenseitiger Entlastung (noch) nicht umsetzbar ist. Es braucht Zeit, Vertrauen aufzubauen und unseren kompetenten, tollen Kindern ihren individuellen Weg zum Gewöhnen zu geben. Unser Herzenskind ist nun offener geworden und geht freundlich auf die Menschen zu. Ich hoffe, dass die letzten drei Jahre der vielen Zuwendung und einfühlsamen Begleitung dazu beigetragen haben, dass sein Urvertrauen gewachsen ist. Es war eine intensive und herausfordernde Zeit für uns als Familie – und auch jetzt ist es oft ein Drahtseilakt, die Bedürfnisse von uns dreien einigermaßen gleichmäßig zu stillen. Besonders, seit mein Herzmensch mit Depression daheim ist. Die Wiedereingliederung ist bereits geschafft und bald beginnt wieder der Alltag mit Arbeit im Drei-Schicht-System. Vollzeit. Wie das wird, werden wir sehen.
Ich habe in diesem dreiviertel Jahr vieles lernen und erkennen dürfen. Die gelernte Krankenschwester mit eingefleischtem Helfersyndrom. Die sich immer gerne mehr um andere kümmert, als um sich selbst. Geben, geben, geben. Bis sich mein System irgendwann meldet. Dann spüre ich Wut. Dann bin ich genervt und möchte raus aus diesem Alltag. Dann bemerke ich wieder, wieviel vom Mental Load schon so lange auf mir lastet. Ich will Dinge abgeben und gerechter aufteilen – und oft werden sie vergessen. Denn die Depression ist eben da bei meinem Herzmenschen, mit all ihren Facetten. Jeden Tag reinspüren, was geht für uns alle. Was muss ich streichen und aufschieben, damit es nicht zu stressig wird. Bei all den Herausforderungen, die sich im letzten dreiviertel Jahr so ergaben, zeigten sich mir aber auch viele Chancen auf. Allem voran – die Sicht auf einiges nochmal zu verändern. Ich durfte bei mir noch genauer hinschauen und tiefer blicken, mich noch mehr verstehen lernen. Dieses Leben, wie es gerade ist, soll genau so sein. Damit ich lerne. Damit ich erkenne, erwache und verändere. Ich habe einiges losgelassen in dieser Zeit. Die Überverantwortung für so vieles lasse ich allmählich gehen. Ich muss mich nicht immer um alles kümmern und sorgen – ich darf auch abwarten, beobachten und geschehen lassen. Nicht immer muss alles so eintreffen, wie ich es vermute oder einschätze. Sicher, meine Intuition ist für mich ein sehr verlässlicher Parameter – doch oft spielen in meine Einschätzung auch die Erfahrungen meines Lebens mit hinein und verzerren das ganze ab und an auch mal.
Meine Hochsensibilität ist in unserem Familienalltag oft hilfreich, aber manchmal eben auch nicht. Fluch und Segen. Ich spüre schon sehr früh, wenn etwas in der Luft liegt, wenn Stimmungen zu kippen drohen. Kürzlich habe ich die Erkenntnis gewinnen können, dass ich manchmal schon zu vorschnell einschreite. Dass ich immer als Friedensstifter und Schlichter fungieren will, damit unser Kindchen andere Erfahrungen machen darf. Mit dem Bewusstsein, dass wir unser Herzenskind anders begleiten wollen und nicht „traditionell erziehen“, habe ich eine gewisse Haltung eingenommen. Ich möchte Konfliktsituationen friedlich lösen, wenn möglich Kompromisse finden, die für alle halbwegs vertretbar sind. Dafür gehe ich die Bereitschaft ein, zu diskutieren, lange Gespräche zu führen. Es braucht viel Geduld, die ich ganz sicher auch nicht immer habe. Ja, manchmal würde ich auch gerne einfach nur sagen: So, jetzt ist Schluss. Es wird nicht mehr diskutiert. Nein heißt eben Nein! Ob bei groß oder klein – manchmal wünsche ich mir auch mal nicht alles erklären zu müssen und einfach nur mal meine deutliche Grenze respektiert sehen. Aber so einfach ist es eben oft leider nicht. Gerade unser Herzenskind darf noch so viel im sozialen Miteinander lernen und ich möchte ihm durch meine Haltung eine andere Herangehensweise zeigen. Es braucht Feingefühl und Rücksicht. Viel Verständnis. Und auch das ist irgendwann mal überstrapaziert. Das spüre ich in diesem Jahr deutlich. Unser Alltag war und ist herausfordernd und es braucht(e) viel Verständnis von meiner Seite für meine Herzmenschen. Aber auch mir durfte ich verständnisvoller begegnen – dass ich eben nicht wissen kann, wie ich jede Situation friedvoll lösen kann. Dass ich eben auch meine Prägungen habe und sich oft im Zusammenleben als Familie mein inneres Kind zu Wort meldet. Dass ich nicht für alles eine Lösung haben muss. Dass ich alle Gefühle genauso leben und zeigen darf, wie meine beiden Herzmenschen.
Es gibt viele Tage, an denen ich mich frage, was dieses Leben hier bei uns mit unserem Herzenskind so machen wird. Immer wieder lese ich wertvolle Beiträge zum friedvollen, bedürfnisorientierten Familienleben. Ich sehe, wie sich Mütter und Väter über das Patriarchat unserer Gesellschaft ärgern, in dem Rollenbilder in einer Familie klar definiert, aber völlig veraltet sind. Jeder möchte gesehen werden in einer Familie – mit all seinen Bedürfnissen, Fähigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen. Leider leben wir in einem System, das dies nicht möglich machen will und somit viele Familien einen sehr anstrengenden Alltag erleben. Viele wünschen es sich anders, doch oft weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Letztlich können wir nur die Verantwortung für unser eigenen kleines System übernehmen. Wir haben uns für einen Weg entschieden, der auf andere Weise schwierig und herausfordernd, aber dennoch so lehrreich und erfüllend sein kann. Während viele andere Mütter ihrer beruflichen Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung nachstreben, gehe ich im Muttersein auf und genieße es, so viel Zeit mit meinem Kind verbringen zu können – auch wenn ich jeden Tag alles mögliche rund um die Betreuung meines Kindes jonglieren muss. Aber anders möchte ich es nicht haben und kann es mir auch nicht vorstellen. Zeit für mich, damit ich wirklich nur mal Ich bin, kann ich mir nun immer mehr nehmen und es tut mir gut. Ich bin stolz und dankbar, dass meine beiden Herzmenschen ohne mich nun auch zurecht kommen – was lange Zeit nicht möglich war. Vielleicht erscheinen anderen meine Bedürfnisse nach Freiraum und Selbstverwirklichung als anspruchslos und ich könnte noch mehr aus mir machen. Und sicher: Da steckt noch viel Potential in mir. Doch ich spüre in mich hinein, spüre in meine Familie hinein und merke, wann die Zeit dafür da ist. Und sie kommt gerade, immer mehr, Stück für Stück. Ich freue mich darüber und genieße es. Diese kleinen Schritte in ein anderes Familienleben. Rückblickend – seit der Geburt unseres Herzenskindes fokussieren wir uns immer mehr auf die kleinen Fortschritte in unserem Leben. Dieser kleine Mensch hat hier vieles entschleunigt und neu ausgerichtet – zu unserem Wohl.
Und dann soll nochmal einer sagen, dass diese kleinen Menschen nicht viel Einfluss auf das Leben haben.
Wir müssen sie nur lassen.
