Donnerstagmorgen

Mein Wecker klingelt und ich schrecke hoch. Sechs Uhr. Wie jeden Morgen. Eigentlich könnte ich liegen bleiben, denn weder ich noch mein Herzenskind müssen am Morgen irgendwo hin. Kitafrei. Hausfrau und Mutter. Doch für mich hat sich eine feste Aufstehzeit am frühen Morgen bewährt. Denn so habe ich etwas Zeit für mich. In Ruhe in den Tag starten. Morgenhygiene, Frühstück vorbereiten, Handgriffe ohne mein Herzenskind erledigen, damit ich später ohne Anspannung für ihn da sein kann. Denn wenn er wach ist, bin ich gefragt. Meistens geht die Rechnung gut auf, rund eine Stunde ist oft drin, manchmal sogar mehr. Und ich bin besser gelaunt, wenn ich Dinge machen konnte, die mir morgens wichtig sind. Lange Zeit war es für mich morgens eine Zerreißprobe, mir und meinem Kind richtig gerecht zu werden. Eine gute Balance zwischen gemeinsamen Spiel und Mama-Tank füllen aber auch meinen Aufgaben zu finden, war recht lang eine Herausforderung. Mein Herzenskind brauchte und braucht mich zum Start in den Tag. Stillen als Übergang, noch ganz viel Kuscheln und bloß nicht zu viel Licht oder Hektik. Ich bin froh, wenn ich dann bereits schon in Ruhe meinen Kaffee genießen konnte und das Frühstück vorbereitet ist. Und es zeigt sich mir jeden Morgen, an dem ich zeitig aufstehe und mich in Ruhe um meine Bedürfnisse kümmern kann, dass es sich für mich lohnt konsequent mit mir zu sein. So gerne ich nach fast vier Jahren auch einmal liegen bleiben möchte, jemand richtet das Frühstück für mich und ich muss mir mal um nichts Gedanken machen – es ist einfach nicht drin. Weil wir unterschiedliche Tagesrhythmen und andere innere Uhren haben und jedem etwas anderes wichtig ist. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu erkennen und zu verstehen. Und manchmal bin ich doch noch genervt, weil ich gewisse Freiheiten nicht habe – aber würde ich sie mir nehmen, gäbe es dauerhaft nur Stress. Das will ich nicht. Irgendwann wird vieles wieder möglich sein, wovon ich jetzt nur träumen kann. Doch jetzt kann ich mich gut damit arrangieren und freue mich über diese kleine Zeit für mich am Morgen. Denn vor einem oder zwei Jahren war das noch ganz weit weg und kaum vorstellbar.

Die letzten Tage waren sehr entspannt und wir waren alle endlich mal wieder etwas ausgeglichener. Darüber war ich so dankbar. Denn unser Alltag ist oft sehr herausfordernd. Viele Diskussionen und häufig angespannte Stimmung weil Bedürfnisse im Ungleichgewicht sind, bestimmen oft unser Familienleben. Aus den leichten Momenten ziehe ich ganz viel Kraft. Nun habe ich mich viel mit Neurodiversität beschäftigt. Ich bin auf eine neurodivergente Prägung aufmerksam geworden, die absolut auf unser Herzenskind zutrifft. Lange, sehr lange schon mache ich mir Gedanken und frage mich, warum gewisse Dinge in unserem Alltag so herausfordernd sind. Warum wir so viel diskutieren und verhandeln. Warum unser kleiner Mensch einen so starken Willen hat, der kaum zu Kompromissen bereit ist. Mir wurden die Augen geöffnet und ich hatte so viele Aha-Momente, als ich mich nun intensiv dazu belas. Gleichzeitig entwickelte ich viel mehr Verständnis für ihn, denn so vieles bereitet ihm Probleme durch sein empfindsames Nervensystem. Es braucht Fingerspitzengefühl, Kreativität, Verständnis, Geduld und Flexibilität, um einen Tag zu gestalten, der für uns alle weitestgehend harmonisch läuft. Konflikte können und wollen wir nicht vermeiden – aber ich muss meine Kämpfe weise wählen, denn nahezu alles, was eine Anforderung darstellt, kann zu emotionalen Ausbrüchen und Diskussionen führen. Und meine Kraft ist begrenzt.

So beginne ich diesen Morgen also in aller Ruhe nach einer unruhigen Nacht. Die Unterbrechungen spüre ich in meiner Müdigkeit deutlich, ich komme nur langsam gedanklich im Tag an. Mein Herzenskind krabbelt ungefähr eine halbe Stunde nach mir aus dem Bett und sucht nach mir, möchte noch einmal stillen und kuscheln. Dabei trinke ich achtsam meinen Kaffee – auf den freue ich mich immer sehr am Morgen. Als mein Kind halbwegs angekommen ist, entgegnet er mir sofort seine Idee: Wir fahren in das Museum für Modellfahrzeuge, das er am Abend zuvor mit meinem Herzmenschen gesehen hatte. Am liebsten wäre er da schon direkt losgefahren, so Feuer und Flamme ist er für diese Fahrzeuge. Dass wir bereits 18Uhr hatten und der Laden geschlossen hat, war für ihn schwer zu verstehen. Er hat diese Idee nicht vergessen und es ist sein erster Gedanke am Morgen. Er will sofort los, ohne Frühstück. All die Autos dort will er haben. Ich spüre seine Aufregung und behutsam versuche ich ihm zu erklären, dass ich mich erstmal informieren muss. Ich sehe, wie weit es von uns weg ist – zu weit für eben mal hin-und zurückfahren. Er beginnt zu weinen, sagt mir, wie gerne er dort hin möchte. Ich frage ihn letztlich, was genau er da haben möchte. Als seine Wünsche klar sind, schaue ich, ob wir ihm etwas bestellen könnten. Fehlanzeige – dauert zu lange, er will es sofort haben. Er weint immer mehr, verzweifelt beinahe in seinem starken Wunsch. Ich beruhige ihn. Es dauert. Ich überlege mir etwas, sage ich ihm, brauche aber erstmal Frühstück. Ich soll nicht frühstücken, er will das auch nicht. Dann will er doch frühstücken, aber es ist zu kalt – er will doch warmes Frühstück (in letzter Zeit eigentlich nicht). Die nächsten Tränen kullern. Er will nur Schokolade. Mein Kompromiss ist etwas Schokolade für ihn, während ich das Frühstück nochmal erwärme. Gut. Wir essen. Ich schaue, wann der Spielzeugladen öffnet. Schaue, ob ich herausfinden kann, ob es das gewünschte Fahrzeug irgendwo in der Nähe gibt. Keine Info zu finden. Ich beschließe, dass wir auf gut Glück losfahren. Erzähle ihm, wann der Laden öffnet und zeige es ihm auf der Uhr. Viel zu lange für ihn, er will sofort los. Der nächste Gefühlssturm rollt an. Ich sitze da, versuche ihn und auch mich zu regulieren – denn so viele Sachen kommen hoch.

Er kann doch nicht immer seinen Willen bekommen. Er kann doch nicht ständig neue Spielzeuge bekommen. Wo soll das nur hinführen, wenn ich ständig nachgebe? Wir haben damals auch nicht immer alles sofort bekommen,was wir wollten.

In wenigen Sekunden spule ich all dies Gedanken ab. Fühle mich überfordert und hilflos. Was ist jetzt richtig? Ist überhaupt irgendwas richtig? Ich will ihm nicht alles verwehren, denn so vieles scheint so schwer für ihn zu sein. Eine halbe Stunde noch, bis der Laden öffnet. Er muss zur Toilette und ich beschließe noch meine Zähne zu putzen, dann bin ich soweit. Bereitwillig putzt mein Herzenskind seine Zähne mit – wow! Und das macht er sonst selten freiwillig. Nur mit Handpuppen oder Kuscheltieren kann ich ihn dazu bewegen und das nicht mal zwei Mal am Tag. Nun denn, da scheint gerade große Kooperation von seiner Seite aus zu sein – weil er sich in seinem Wunsch so gesehen fühlt. Ohne Probleme gehen wir runter, ziehen uns an und gehen raus – das, was überwiegend die größte Herausforderung darstellt, klappt heute morgen also gut. Wegen einem neuen Fahrzeug. Unglaublich. Die nächste Hürde steht bevor: Unser Auto ist in komplettem Eisregen gefroren und ich bekomme es nicht frei. Fahren wir halt Zug. Ach Mist, dafür brauche ich ja eine Maske. Schuhe nochmal aus, wieder hoch, Maske holen. Als ich schließlich seinen Wagen aus der Hütte hole, denke ich daran, dass wir auch mit Fahrrad und Hänger in die Stadt könnten. So sind wir flexibler. Irgendwann kommen wir endlich los. Das Fahrradfahren hilft mir, die Anspannung des Morgens etwas loszuwerden. Ich denke daran, wie mein Herzmensch noch selig im Bett lag, während wir schon die ersten Gefühlsstürme hatten. Ich versuche mich nicht in den Gedanken und Gefühlen zu verlieren. Ich freue mich darüber, dass ich mit meinem Kind das Haus verlassen habe, ohne viel Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Ich freue mich über die Bewegung an frischer Luft. Und schon lange waren wir beide nicht mehr mit Fahrrad und Hänger unterwegs.

Im Spielzeugladen sind wir so ziemlich die einzigen Kunden. Klar, mitten in der Woche in der Schulzeit. Nun bin ich gespannt, ob es das gewünschte Fahrzeug denn gibt – und wenn nicht, wie reagiert mein Herzenskind? Kommt dann der nächste Gefühlssturm? Ich wappne ich innerlich etwas, während wir die Treppe hinaufgehen. Die Auswahl ist groß und alles wird bestaunt. Und irgendwann, etwas versteckt, finde ich tatsächlich sein gewünschtes Fahrzeug. Die einzige Verpackung. Welch ein Glück. Ein weiteres Fahrzeug wird zum Objekt der Begierde und er möchte gerne zwei mitnehmen. Doch irgendwie einigen wir uns auf eines – und ich kann kaum glauben, wie einfach es war. Dabei spüre ich wieder deutlich, wie angespannt ich bin, denn diese Gefühlsstürme verlangen mir einiges ab. Am Ende muss ich nämlich zwei Kinder gleichzeitig beruhigen – mein Herzenskind und mein inneres Kind. Und manchmal auch noch ein drittes, wenn mein Herzmensch dabei ist.

Klar, von außen betrachtet und mit den vielen Glaubenssätzen, die in den Köpfen herumschwirren, sagen sicher viele: Natürlich macht er mit, wenn er seinen Willen bekommt. Wie kann man nur so springen, wenn das Kind was will. Der muss mal Grenzen lernen. Das ganze Gedöns eben, was man ständig so hört. Und ja, kann nicht die Lösung sein, dass ich meinem Kind immer wieder Spielzeuge kaufe. Mache ich auch nicht. Wir haben viele Tage, an denen die Wünsche nach neuen Spielsachen und Süßigkeiten so groß sind, dass wir viele Tränen trocknen und Gefühle begleiten. Tage, an denen wir Grenzen setzen und erklären – um dann ohrenbetäubendes Weinen auszuhalten. Sicher, das müssen alle Eltern erdulden. Und die meisten können das auch mit strikten Grenzen und knallharten inneren Überzeugungen emotional von sich fernhalten. Am Ende braut ja jeder sein eigenes Süppchen. Am Ende beeinflusst jeder irgendwie selbst den ‚Vergurkungsgrad‘ seines Kindes (ein super Wort meiner Therapeutin, wenn wir darüber sprechen, dass ich Sorge habe, mein Herzenskind zu „versauen“). Doch wir sind wir. Hochsensible Mutter, Herzenskind und Herzmensch offenbar im autistischen Spektrum. Ich stehe am Anfang dieser Erkenntnis und betrachte uns als Familie aus einem anderen Blickwinkel, der hier so vieles erklärt. Der mir neue Herangehensweisen beschert, um unseren Alltag entspannter zu machen. Mein Herzenskind scheint ein Nervensystem im Daueralarm zu haben – und irgendwie sind wir Eltern da nicht anders. Wir brauchen Möglichkeiten, um uns zu regulieren, damit wir nicht dauerhaft im Stress sind und krank werden. Bildschirmzeit ist hier eine neue, tolle Ressource geworden. Lange habe ich mich aus innerer Überzeugung und mit dem Hintergrundwissen, dass das alles nur in Maßen genossen werden soll, dagegen gewehrt und wollte nicht, dass mein Herzenskind so viel Fernsehen schaut. Geschweige denn mit Tablet oder ähnlichem in Kontakt kommt. Muss doch auch anders gehen. Raus in die Natur, ab in den Wald, Spielplätze erkunden. Ist doch total einfach. Jeden Tag frisches Gemüse und Obst in handlichen Stücken – da fliegt mein Kind ganz sicher auch drauf. All die schönen Vorstellungen von einem Leben mit Kindern eben. Wenn man keine Kinder hat, mag das auch funktionieren.

Und sicher gibt es solche Familien auch, wo das scheinbar alles recht gut klappt. Bei uns geht es jedenfalls nicht (immer). Ich finde das manchmal schade und zweifle an mir. Denke dann, ich muss doch nur Vorbild sein und dann geht’s bestimmt. Doch diese allgemein als gültig angesehene gesunde Lebensweise entspricht nicht so ganz unserer Familie. Ich weiß, was wichtig und gut wäre. Doch ich sehe auch mein Kind. Ich sehe meinen Mann. Und ich sehe mich. Ich adaptiere, was möglich ist. So wird aus jeden Tag eine halbe Stunde Bewegung an der frischen Luft eben ein oder zwei Mal die Woche eineinhalb Stunden Spielplatz. Denn nach jeder Aktivität außerhalb unserer vier Wände brauchen wir wieder Zeit für Regulation und Regeneration.

Andere würden diesen Morgen bei uns vielleicht auf eine abfällige Art bewerten. Ich dramatisiere alles zu sehr und eigentlich müsste ich doch nur mehr durchgreifen. Könnte ich. Kann ich aber nicht. Ich sehe mein Kind, dass mit den Anforderungen des Lebens noch oft zu kämpfen hat. Mein Kind bekommt Panik, wenn es etwas nicht beeinflussen oder gar kontrollieren kann. Das zu erkennen und zu verstehen,ist so enorm wichtig. Denn daraus leite ich neue Wege ab, die unseren Alltag hoffentlich konfliktärmer machen. Ich habe mein Kind an diesem Morgen in seiner Verzweiflung und Not gesehen, bin darauf eingegangen und habe erlebt, dass Kooperation dann doch möglich sein kann. Und jede weitere Situation wird mich erneut vor die innerliche Zwickmühle stellen, was jetzt oder später richtig sein könnte. Ich weiß nicht, was das alles später in Summe bei meinem Kind bringen wird. Aber wenn ich mir in einer Sache sicher bin, dann darin, dass sich mein Kind gesehen fühlt. Ich werde mein Kind vergurken – und das muss ich (mit meinem leider viel zu großen Selbstanspruch) verdauen.

Die herkömmlichen Erziehungsmuster gehen bei uns völlig nach hinten los. Gut so. Ich wollte vieles von dem althergebrachten Kram eh nicht mehr umsetzen. Aber es kommt in mir und auch in meinem Herzmenschen immer wieder hoch, wenn wir knifflige Situationen mit unserem Herzenskind haben. Dann droht der Topf fast überzukochen. Ich merke es oft schon rechtzeitig, wie die Sätze in den Kopf schießen, die ich als Kind selbst zu hören bekam – und die letztlich kein gutes Gefühl bei mir hinterließen. Und dann schlucke ich sie runter mit der Überzeugung, dass ich es anders lösen will. Dann eröffnet sich neuer Platz in meinem Kopf für eine friedvollere Lösung auf Augenhöhe. Gelingt mir leider auch nicht immer – aber immer besser. Und ich sehe, was es mit meinem Herzenskind macht, wenn wir es auf Augenhöhe lösen oder eben nicht. Darum fällt mir der friedvollere Weg immer leichter.

Donnerstagabend. Der Tag war ungewohnt körperlich aktiv. Ich spüre im Kopf, was es von mir abverlangt hat. Es zieht am Kopfansatz und der Schmerz breitet sich bis zu meinen Augen aus. Die Nacht wird unruhig, denn bei Schmerz kann ich kaum entspannen. Der nächste Morgen beginnt mit stechenden Schmerzen. Nichts hilft. Nur ein Schmerzmittel bringt irgendwann nach so vielen Stunden Linderung. Es war viel für mein müdes und hochsensibles System. Heute brauche ich eine Pause. Ein ruhiger Tag. Regeneration. Und mein Herzenskind? Macht bereitwillig mit, denn auch er scheint sich von dem gestrigen Tag erholen zu müssen.

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