Angst oder gesunder Respekt

Trinken Mama, höre ich mein Herzenskind sagen. Ganz zart, noch ganz verschlafen. Manchmal möchte ich morgens nicht aufstehen. Einfach nur liegen bleiben, neben diesem kleinen, warmen Körper, der sich an mich schmiegt und so seine Sicherheit findet.

Wahnsinn, denke ich mir. Bald sind Jahre vergangen, seitdem wir das so machen. Nebeneinander schlafen, Stillen. Sicherheit. Ich bin der sichere Hafen für mein Kind. Was für eine Verantwortung. Was für ein Geschenk. Es gibt Tage, da kann ich kaum in Worte fassen, wie groß sich das alles anfühlt. Wie ehrfürchtig mich das macht, diesen Menschen begleiten zu dürfen. Wie schön das ist. Aber auch wie sehr mir das manchmal Angst macht. Oder ist es ein gesunder Respekt? Ich weiß es manchmal nicht.

Dieses Leben liegt in meinem Händen. Ich trage Verantwortung dafür, dass mein Kind etwas zu essen bekommt. Im besten Fall was gesundes. Ausgewogen. Von allem was dabei. Und dann isst mein Herzenskind Nudeln mit Butter. Reicht ihm. Ich frage mich, ob es wirklich reicht.

Ich trage Verantwortung dafür, dass mein Kind Erfahrungen sammeln und daran wachsen kann. Wir spielen wiederkehrende Dinge. Reicht ihm. Ich frage mich, ob es wirklich reicht. Dann möchte er immer öfter etwas Neues, obwohl das andere noch nicht wirklich alt ist. Und ich sehe dabei seinen Wunsch nach Wachstum, nach neuen Reizen. Kann dem Wunsch nicht immer nachkommen und setze somit eine Grenze. Frust und Tränen aushalten, begleiten, erklären.

Zwei Mal täglich Zähne putzen klappt nicht. Einmal muss reichen. Reicht es wirklich?

Täglich vor die Tür, ab an die frische Luft – klappt nicht. Zwei, drei Mal die Woche muss reichen. Reicht es wirklich?

Keine anderen Kinder zum Spielen, weil mein Herzenskind damit gerade Probleme hat. Erwachsene reichen ihm. Ich frage mich, ob es wirklich reicht.

So oft frage ich mich das. Ob es reicht. Ob es genug ist, was wir da gerade so in unserem Leben mit dem Herzenskind machen. Ich reflektiere mich täglich. Schau darauf, was gut läuft und wo vielleicht ein anderer Weg ausprobiert werden kann. Wir leben kitafrei. Wir stillen noch. Wir nehmen viel Rücksicht auf unsere sensiblen, reizoffenen Gemüter. Leben dadurch anders, als die meisten Menschen.

Ich bin oft ein unsicherer Mensch. Ich habe oft Ängste, die ich nicht mal genau benennen kann. Ich spüre nur immer wieder diese Anspannung in mir vor ungewissen Situationen. Ich vermeide nicht alles aus diesen Ängsten heraus. Ich stelle mich vielen Situationen, die mir Unbehagen bereiten. Dann fühlt es sich eher wie ein gesunder Respekt an. Ich sehe mein Kind, das mit gewissen Dingen noch Probleme hat. Erkenne mich darin wieder. Aber ich projiziere nicht auf ihn (oder doch? – Hallo Unsicherheit!). Er sieht jeden Tag, wie ich mit all meinen Herausforderungen umgehe. Manchmal gut, manchmal weniger gut. Ich verlasse meine Komfortzone und wage etwas. Gemeinsam mit ihm. Es kostet uns am Ende einiges an Energie, auch wenn wir dabei an Erfahrung gewinnen.

Ohne regelmäßige Unterstützung in der Betreuung meines Kindes zu leben, ist oft ein einsamer und kräftezehrender, aber dennoch wunderschöner Weg. Die komplette Verantwortung liegt bei mir (und meinem Herzmenschen), wie wir unserem Herzenskind den Tag gestalten. Er darf vieles mit entscheiden und wir nehmen Rücksicht auf sein Befinden. Es gibt Tage, da gibt es keine Möglichkeit, Ausflüge zu machen oder etwas anderes auszuprobieren. Dann will unser Kind Ruhe und die täglichen Lieblingsspiele. Keine neuen Reize. An anderen Tagen klappt es schon beinahe problemlos und ohne viel Überzeugungsarbeit, dass wir das Haus verlassen und etwas Neues erkunden. Ich zwinge ihn nicht, wenn er mit nichts zu überzeugen ist. Er hat ein Gefühl für sich, was er braucht. Ich möchte ihm das nicht absprechen oder es ständig übergehen. Doch die Last der Verantwortung, das Gefühl von „Reicht das wirklich?“ holt mich in solchen Momenten ganz besonders ein. Dann sind da Vergleiche. Dann sind da Anforderungen von außen. Pflichten. Gesetze. Ich will mit meinem Kind das Jetzt genießen, soll aber ständig schon an später denken. Sobald Menschen planen, ein Kind zu bekommen, sollten sie eigentlich schon Hebamme und Kita-Platz sichern – noch bevor der Test positiv ist. Sonst verpasst man was. Steht ohne etwas da. Alles wird angepriesen mit „Brauchst Du“. Soll das Leben schöner, einfacher und glücklicher machen. Erfüllung. Vieles von den Dingen, die „man so machen kann“ mit Kind, konnten und wollten wir von Anfang an nicht. Weil es uns zu viel von uns gekostet hätte. Weil es nicht zu uns passte. Und auch jetzt stehen wir oft vor Sachen, die viele machen – aber wir nicht.

Ich frage mich oft, was das wohl langfristig mit unserem Herzenskind machen wird, dieser Weg, den wir gerade gehen. Aber das kann ich vorher nicht wissen. Niemand kann das. Letztlich ist die Zukunft die Summe aus ganz vielen Jetzt-Momenten. Vieles verändert sich auf dem Weg. So, wie wir jetzt leben, kann morgen schon anders sein. Jetzt sehe ich, was mein Kind herausfordert, was er nicht will. Ich sehe, dass Druck und Zwang nichts bringen. Dass ich mehr vertrauen darf. Dass bei uns kein strikter Plan funktioniert. Jetzt sehe ich, dass mein Kind in einem großen Betreuungsrahmen nicht gut aufgehoben wäre. Dass es ihm und uns keinen Mehrwert bringt. Das lässt mich natürlich über den weiteren Weg nachdenken. Wie soll Schule nur werden, wo ja Pflichten bestehen? Es kann und wird sich einiges verändern bis dahin. Mein Kind wird anders sein. Ob sich alles „verwächst“, was jetzt noch mehr Zuwendung und Rücksicht benötigt, wird sich zeigen. Ich muss offen bleiben für Möglichkeiten. Mich schlau machen, vieles abklären lassen. Doch das ist es mir Wert, wenn ich somit meinem Herzenskind einen guten Start in die Welt ermöglichen kann, die er irgendwann immer mehr allein bewältigen muss.

Ich stehe am Anfang meiner neuen Sichtweise. Wenn ich in den Austausch gehe, vor allem mit Menschen, die beispielsweise Kinder in meinem Alter haben, kommen Gedanken und Fragen auf, die ich nachvollziehen kann. Sie haben Lebenserfahrung, Erfahrungen in Elternschaft. Aber. Eben nur in der Elternschaft ihrer Kinder. Sicher, es gibt Wahrnehmungen von kindlicher Entwicklung, die auf einen Großteil der Kinder zutrifft. Und dennoch ist tatsächlich jedes Kind individuell. Es fällt oft so schwer, das wirklich anzuerkennen, habe ich oft das Gefühl. Denn für das Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaftssinn galt seit so langer Zeit, Anpassung zu betreiben. Und dabei war es nicht nur mal eben ein zartes Zurücknehmen, eine Rücksichtnahme. Nein. Viele haben ihre komplette innere Wahrheit, ihr Selbst aufgegeben und sind im Laufe ihres Lebens in Krisen geraten. Siehe psychische Erkrankungen. Zumindest nehme ich es so wahr. Will ich das für mein Kind? Nein! Wer will das schon? Alles in mir wehrt sich dagegen, es genau so weiterzumachen, wie viele Generationen vor mir.

Ich sehe überall, was all das, was so richtig und gut für Kinder sein soll, mit den Kindern macht. Wo andere Vorteile sehen, wiegen bei mir einige Nachteile mehr. Ein allgemeingültiges Richtig für alle gibt es einfach nicht. Jeder braucht ein eigenes Richtig. Doch wenn eines für alle richtig sein sollte, dann doch, dass bestmöglichst alle glücklich sein dürfen. Dafür braucht es individuelle Wege, die bei der Masse der Individualitäten nicht immer möglich sind. Oder doch? Ich frage mich oft, was sich verändern sollte in dieser Welt. Es ist so komplex. Ich habe Respekt vor allem, was noch auf uns zukommen wird im Leben. Aber ich weiß, wir können alle Herausforderungen meistern. Ich werde oft unsicher sein. Meine Ängste überwinden müssen. Im besten Fall bleibt ein gesunder Respekt vor allen Widrigkeiten des Lebens.

Ich kuschele mich an diesen kleinen, warmen Körper. Ein neuer Tag beginnt. Wir starten langsam. Geben uns Raum, um anzukommen. Ich atme tief durch. Atme den Duft meines Kindes ein. Wir fühlen uns wohl und geborgen. Fühlen diese Liebe und Verbundenheit. Sie wird uns tragen, denke ich mir. Es ist alles, was zählt.

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