Wenn die Pferde mit mir durchgehen

Ich merke, wenn ich für etwas brenne. Dann kann ich Kräfte mobilisieren, die ich dachte, nicht zu haben.

An so einem Tag wie heute, wo ich bleiernd müde war, gingen sie mal wieder mit mir durch. Meine Wildpferde. Manchmal bekomme ich sie nicht so gut gezügelt. Dann rennen sie einfach los. Und es dauert, sie wieder einzufangen. Mittlerweile bekomme ich das immer schneller hin. Am Ende stehe ich dann da und frage mich, wieso mir gerade wieder eine Sicherung im Oberstübchen durchgebrannt ist. So fühlt es sich an. Der Funke ist übergesprungen und mein System lief aus dem Ruder.

Wenn es darum geht, Menschen in Notlagen zu helfen, bin ich oft kaum zu bremsen. Mit einer Inbrunst, mit einem Feuer stehe ich dann da. Werde ganz kribbelig und nervös. Ich bin total davon überzeugt, da jetzt jemandem helfen zu wollen. Eine super Idee, wirklich – so denke ich.

Was soll schon dagegen sprechen?

Nichts. Oder?

Doch. Einiges.

Zum Beispiel der Mensch, dem ich da helfen will.

Der hat nämlich gar nicht darum gebeten. Der wollte einfach nur mal erzählen, was gerade nicht gut läuft. Was ihn beschäftigt. Was ihm zu schaffen macht. Wollte einfach nur angehört werden. Aber er hat mit keiner Silbe um Unterstützung oder Hilfe gebeten.

Warum ich dann trotzdem helfen will? Weil ich das so verinnerlicht habe. Weil ich glaube, immer versteckte Botschaften erkennen zu müssen. Weil ich das Gefühl habe, für alles mögliche verantwortlich zu sein. Besonders für Menschen in unangenehmen Lebenslangen. Und das Paradoxe ist ja: Ich weiß, dass ich das nicht tun muss. Dass ich nicht für alles mögliche verantwortlich bin. Und dennoch handele ich völlig automatisiert. Wie ein Programm, das irgendwann mal auf mich gespielt wurde. Aber irgendwie finde ich nicht die Löschtaste. Ich will aber nun wirklich gerne, dass dieses Programm in den Papierkorb verschwindet. Es tut mir nämlich nicht gut. Und den anderen auch nicht.

So viele Jahre erwische ich mich schon dabei, wie ich – ja scheinbar unaufgefordert – meine Hilfe beinahe aufdränge. Wie viel Zeit und Energie ich investiert habe, mir um die Probleme anderer Menschen Gedanken zu machen und Lösungen für sie zu überlegen. Früher habe ich es noch Helfersyndrom genannt. Jetzt sehe ich es anders. Ich habe dahinter geblickt, wollte verstehen, warum ich ständig helfen möchte. Irgendwie ist es ja eine nette Geste, anderen helfen zu wollen. Ich freue mich, anderen eine Freude zu machen. Doch wenn ich andere damit beinahe überrenne, hilft es niemandem. Denn jeder trägt ja auch unwahrscheinliche Kräfte in sich, selbst aus seiner unangenehmen Lage herauszukommen. Und irgendwie nehme ich dem anderen Menschen mit meiner schon fast aufgezwungenen Hilfe die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen.

Und so hatte ich heute einen Schlüsselmoment. Als ich merkte, dass mein inbrünstiges Feuer eigentlich nur ein kleines Teelicht, statt einer imposanten Flamme ist. Nach der anfänglichen Euphorie über meine Helfergeste, stellte sich bei mir ziemlich schnell Entrüstung, Zweifel und sogar Scham ein. Wie konnte ich nur wieder so drauf los preschen?, ging ich mit mir ins Gericht. Nachsichtig war ich im ersten Moment nicht mit mir. Doch nachdem ich meine Pferde wieder im Zaum hatte, alles rückgängig machte, was ich da gerade eingerichtet hatte – kam die Nachsicht und das Verständnis für mich selbst.

Eigentlich ist helfen so einfach, dachte ich. Aber irgendwie ist es doch komplexer. Komplizierter. Eine gesunde Rücksicht walten lassen und nicht gleich mit Anlauf drauf los. Das durfte ich nun noch einmal ganz deutlich wahrnehmen und erkennen. Ich habe direkt gesehen, wo all das seinen Ursprung hat und darf damit ein Nachsehen haben. Ebenso darf ich mir eingestehen, dass ich wohl noch oft in solchen Situationen kommen werde, in denen ich dieses Feuer in mir spüre. Nur werde ich mir eine Löschdecke bereit halten, um das Feuer nicht zu sehr ausarten zu lassen. Denn nicht nur ich verbrenne mich irgendwann daran – auch der Mensch, auf den ich meine Hilfe richten will, bekommt Funken davon ab. Und diese sollten bei ihm zu keiner Verletzung führen.

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