
Da dreht sie wieder durch. Die Funkuhr. Oft stellt sie sich nachts von alleine. Diesmal drehten sich am Tag alle Zeiger wild im Kreis. Für mich das Zeichen: Batteriewechsel. Ich nehme die Uhr von der Wand im Badezimmer. Wow, wie staubig, denke ich. Na gut, dann wird sie auch gleich gesäubert, wenn sie schon neue Batterien bekommt. Und wie ich sie so in den Händen halte, werde ich andächtig.
Was könntest Du nur für Geschichten erzählen. Du bist wahrlich ein Zeitzeuge.
Wenn ich mich richtig zurückerinnere, haben meine Eltern sie vor zwanzig Jahren gekauft. Irgendwann wollte man dann eben mal eine Uhr im Haushalt haben, die immer die richtige Uhrzeit anzeigt. Ich fand das ganz faszinierend, wie eine Uhr also über Funk von irgendwo anders gestellt werden kann. Und seitdem zeigt sie mir zuverlässig die Zeit an. Denn sie kam immer mit. Als meine Eltern sich trennten. Als ich viele Male umzog. Als ich mit meinem ersten Sohn schwanger war, schaute ich zu ihr auf und zählte die Wehenabstände. Wie oft schaute ich auf dieses Ziffernblatt und zählte noch Minuten oder Stunden, bis etwas eintraf, auf das ich wartete. Wie oft schaute ich zu dieser Uhr und hatte das Gefühl, die Zeit vergeht einfach nicht schnell genug. Wie unendlich lang sich manche Tage anfühlten. Und andere vergingen wie im Flug. Sie war da, als wichtige Lebensabschnitte begannen oder endeten. Anfang und Ende. Manchmal gleichzeitig.
Sie ist ein stiller Zeuge.
Viele von den Gegenständen in meinem Haushalt könnten Geschichten erzählen. Viele davon begleiten mich schon lange. Manche sind sogar da, seit ich denken kann, denn sie sind älter als ich. Sie alle sind stille Zeugen vom Leben. Von meinem Leben.
Mein Leben. Ein Leben, wie kein anderes. Kein Leben ist miteinander vergleichbar. Es gibt Gemeinsamkeiten, Schnittstellen, einen Konsens. Und dennoch ist kein Leben wie ein anderes. Schon spannend.
Gerade jetzt denke ich das wieder vermehrt. Denn nicht mal mein Leben von damals ist vergleichbar mit meinem Leben jetzt. Ich denke an mein verstorbenes Kind, das so schwer krank war. Das mich mich mit dem Thema Krebs umgehen ließ und noch heute erstarren lässt. Dann, wenn ein Gedenktag für alle krebskranken Kinder der Welt stattfindet. Ich bin mitten drin in den Erinnerungen und kann manchmal kaum begreifen, was da für eine Zeit hinter mir liegt. Wie stark mein Kind war. Wieviel wir ausgehalten haben. Da sind Bilder von meinem leidenden Kind im Kopf. Und da sind Fotos aus dieser Zeit. Die stillen Zeitzeugen. Ich sehe sie an und bin mitten drin in diesem Alltag aus Infusionen, Verbänden, Medikamenten, Sondennahrung und vollgebrochenen Sofadecken. Es war mehr als das. Es war ganz viel Leben in Angesicht des nahenden und ausausweichlichen Todes. Die Zeit lief ab während ich versuchte, so viel, wie möglich, davon zu schöpfen.
Wie oft saß ich damals da. Schaute auf diese Uhr. Sie sagte mir, wann wir zu Kontrollen mussten. Wann ich Medikamente geben sollte. Wann wieder Sondennahrung dran war. Wieviele Stunden und Tage verbrachten wir damit Elvis zu sehen. Wieviel Zeit verbrachte ich mit meinem sterbenden Kind auf dem Sofa, auf dem ich heute mit meinem Herzenskind kuschele. Wieviel Zeit verbrachte ich mit Fürsorge. Damals und heute.
Als wären es zwei unterschiedliche Leben. Aber beide haben etwas gemeinsam: Mich. Und die stillen Zeugen um mich herum, die viele Geschichten erzählen könnten. Die noch viele Geschichten miterleben werden. Beide Leben haben gemeinsam, dass ich mich intensiv um meine Kinder kümmern darf. Dass es Tage gibt, an denen ich auf die Uhr blicke und mich frage, wo die Zeit hin ist. Oder warum sie nicht schneller vergehen kann, damit schwierige Zeiten vorüber gehen. Und irgendwie soll man sie ja auch genießen, diese Zeit. Denn sie ist ja so begrenzt, so schnell vorbei. Verrückt ist das schon mit dieser Zeit.
