Heilung

Drei Wochen ist es jetzt her, als ich mir auf unglückliche Weise eine Wunde am Finger zugezogen habe. Getreu dem Motto ‚Die meisten Unfälle passieren im Haushalt‘, habe ich mich am Wäschekorb verletzt. In der Innenseite meines Zeigefingers klaffte eine tiefe Schnittwunde. Und das an der Hand, die ich hauptsächlich benutze.

Immer wieder versorgte ich diese Wunde mit einem Pflaster, denn bei jeglichen Kontakt spürte ich diesen unangenehm, brennenden Schmerz. Es lässt sich ja kaum vermeiden – Händewaschen, Abwasch, Kochen, Desinfektion im öffentlichen Raum. Meinen Finger zierten von da an bunte, wasserfeste Pflaster, die ich ursprünglich für mein Herzenskind besorgte – denn Kinder verletzen sich ja doch noch häufiger. Pustekuchen. Bei uns bin ich diejenige, die das am bestem hinbekommt.

Ich beobachtete die Wundheilung. Erinnerte mich dabei an meine Ausbildung, in der ich die Phasen der Wundheilung in Fachsprache lernte – und nun sind da nur nach Bruchstücke in meinem Gedächtnis vorhanden. Aber ich habe seit Jahren keinen täglichen Kontakt mehr mit Wunden und Dokumentation. Hier daheim kommt ein schlichtes Pflaster drauf. Und in der Nacht darf die Wunde an der Luft heilen. Denn Sauerstoff ist wichtig. Luft und Raum.

Irgendwann betrachtete ich meine Wunde, die wahrlich mühselig zusammen wuchs. Kein Wunder. Sie war ständigen Reizen ausgesetzt. Wenn sich gerade etwas Hornhaut bildete, weichte sie nach dem Händewaschen ständig wieder auf. Die Wunde hatte kaum Ruhe, die Phasen der Wundheilung in angemessener Zeit zu durchwandern. Es zog sich sehr in die Länge für mein Gefühl. Aber mehr, als ihr tagsüber Schutz unter einem Pflaster zu bieten, konnte ich nicht tun. Kein Mittelchen würde es nennenswert beschleunigen, außer vielleicht etwas Silber. Ab und sprühte ich es auf die Wunde. Doch am Ende sind fast drei Wochen vergangen, seit ich sagen kann, die Wunde ist nun verschlossen, sichtbar kleiner geworden. Ich spüre sie noch etwas, wenn ich dagegen komme – aber es ist bei weitem nicht mehr so unangenehm und gut auszuhalten. Ich brauche kein Pflaster mehr, keinen Schutz.

Das war eine winzige, sichtbare Wunde. Drei Wochen hat es nun gedauert, dass sie sich verschlossen hat und fast annähernd komplett geheilt ist. Dann denke ich an die großen Wunden, die ich während meiner Arbeit gesehen und versorgt habe. Offene Beine, Op-Wunden, Dekubiti. Verschiedenste Arten von Wundversorgung lernte ich kennen, ein riesiges Angebot an Wundmaterialien. Wundmanagement heißt das große Ganze. Ich sah Menschen, die Schmerzen hatten – na klar, bei der sichtbaren Wunde, absolut verständlich. Und eines hatten alle Wunden gemeinsam: Man konnte nie sagen, wann die Heilung abgeschlossen sein würde. Man konnte nur die Bedingungen schaffen, damit sie bestmöglich heilen können.

Und dann denke ich an die unsichtbaren Wunden. Jene auf der Seele. Die spürbar sind. Diffus und oft nicht genau einzuordnen. Sie äußern sich nicht in klaffenden Wunden, die mit Wundmaterial versorgt werden können. Sie zeigen sich in Gefühlen, Verhaltensweisen, Worten, Handlungen. Da gibt es Wunden, die schnell heilen, da sie nicht all zu tief in die zarte Seele vorgedrungen sind, aber eben eine Narbe hinterlassen haben. Und dann gibt es solche, die so tief liegen, dass erstmal geforscht werden muss, wo genau sie denn entstanden sind. Dazu zählen vor allem jene, die in der Kindheit entstanden sind. In einer sensiblen Phase des Lebens, die den Grundstein für den weiteren Lebensweg legt. Wenn dieses Fundament fürs Leben auf wackeligen Pfeilern erstellt wurde, kann kein solides Bauwerk darauf errichtet werden. Der kleinste Sturm könnte es einreißen.

Sich mit der Heilung dieser seelischen Wunden zu beschäftigen, benötigt viel Zeit, viel Kraft, Mut und im besten Fall Unterstützung. Mut hinzusehen, nicht mehr abzulenken mit schädlichen Verhaltensweisen. Es bedeutet, noch einmal so richtig durch den Schmerz zu gehen und ihn nicht mehr zu betäuben. Dann kann die Wunde heilen. In einem Tempo, dass wir vorher nicht festlegen oder beeinflussen können.

Seit fast fünf Jahren befinde ich mich bald in Psychotherapie. Wow, wie schnell die Zeit verging. Wieviel ich über mich herausgefunden habe und immer noch erkenne. Als würde ich einem anderen Menschen begegnen. Ich tauche tief ab in meine Vergangenheit, in Wunden, die ich nicht als solche empfand – aber ich spüre Auswirkungen von Dingen, die ich bislang als banal eingestuft habe. Denke ich dabei an meine Schnittwunde am Finger, sehe ich wieder, wie wichtig es für meine Heilung ist, mir einen gewissen Raum und Luft zum Atmen zu verschaffen. Abstand. Von Dingen, die mich viele Jahre sehr herausgefordert und Spuren hinterlassen haben. Mit denen ich mich immer zu arrangieren versuchte, sich aber letztlich in körperlichen Beschwerden äußerten – denn es war zu viel. Ich habe mich zurückgezogen, um mich selbst zu finden. Denn irgendwie hatte ich mich fast verloren. In Gefallen-Wollen, Werte-Aufrechterhalten, Für-andere-da-sein, Überverantwortung. Vielleicht war es an manchen Stellen für andere zu radikal, ein zu klarer Schnitt. Aber vielleicht habe ich genau das gebraucht. Aus der ständig tosenden See ein ruhiges Gewässer werden lassen, damit ich endlich wieder den Grund sehen kann. Die Wellen schlugen höher und höher und ich ging beinahe unter. Na klar, ich habe auch gelernt, diese Wellen zu reiten. Aber zu einem hohen Preis. Denn eigentlich kann ich diese hohen Wellen nicht dauerhaft in meinem Leben bezwingen. Ich bin vom Brett gestiegen und atme durch. Schaue, wie die Wellen langsam verebben und sich die See wieder beruhigt.

Diese Wellen stehen für die Reize, mit denen ich ständig konfrontiert wurde. Die in meinen Wunden pieksten. Die Wunden schmerzten unaufhörlich und hatten keine Möglichkeit, in Ruhe zu heilen. Abstand – erst geografisch, dann immer mehr auch in mir. Mir tat es gut, meine Heimat zu verlassen. Mit einigen Menschen den Kontakt auf Eis zu legen oder gar abzubrechen. Ich habe mich in meinem Schmerz und aus meinem inneren Kind heraus auf eine gewisse Weise anderen Menschen gegenüber verhalten. Und oft hatte ich deswegen lange Kummer in mir. Machte mir Gedanken, tagelang. Wenn ich jetzt, mit dem ganzen Wissen über mich und meine Wunden, darauf blicke, macht es schon Sinn, warum ich mich wie verhielt. Heute empfinde ich einiges schon fast ungerecht oder unfair, wie ich mich einst verhalten habe. Ich bereue, dass ich aus Glaubenssätzen heraus Beziehungen gepflegt habe, die am Ende oft nur den anderen dienten. Wie oft habe ich mich insgeheim nicht wohl gefühlt, aber zwischenmenschliche Beziehungen weitergeführt, weil ich dachte, ich müsste – denn sonst habe ich vielleicht niemanden in meinem Leben.

Ich wusste es nicht besser. Ich darf mir verzeihen. Ich hoffe immer noch, andere können das auch. Besonders jene, für die der klare Schnitt und die damit verbundene Veränderung schwer zu verdauen war. Aber ich kann nur vermuten, was es mit anderen gemacht hat – denn ich schaue durch meinen Filter darauf. Und letztlich bin ich dann wieder mehr beim Befinden der anderen, als bei meinem.

Heute, nach knapp fünf Jahren Therapie und einigen anderen unterstützenden, therapeutischen Maßnahmen, kann ich schon sehr deutlich sagen, wo meine Wunden liegen und ihren Ursprung haben. Einige sind nahezu geheilt, andere brauchen noch etwas mehr Zeit, Ruhe und Raum. Denn ich spüre noch, wo Schmerz verborgen ist. Gerade, wenn ich dachte, dass ich mit gewissen Dingen oder Personen bereits besser umgehen kann, bewegt es mich doch nochmal etwas mehr, als erwartet.  Aber dann fühle ich rein, lasse alles zu, was da durch mich fließt und weiß, ich komme auch wieder aus dem Schmerz heraus. Mittlerweile gelingt es mir schneller. Und daran erkenne ich, dass meine Wunden allmählich kleiner werden und in die nächste Phase der Heilung übergehen. Damit sie hoffentlich irgendwann in Gänze geheilt sind – wie die Schnittwunde am Finger.

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