Kopf, Herz, Bauch

Wäre alles gut gegangen, wären wir jetzt zu viert. Dann wäre im Januar ein Kindchen zur Welt gekommen. Ich hätte mein drittes Kind geboren. Nein. Halt. Es wäre das fünfte Kind, wenn ich alle Schwangerschaften rechne. Und ich habe es ja geboren. Im Juni letzten Jahres, in der zehnten Schwangerschaftswoche.

Ich habe dieses kleine Kind gesehen. In einer intakten Fruchtblase. Es war so surreal, bewegend und heilsam. Diese kleine Seele konnte nicht bleiben und hat kurze Zeit später den Weg für eine weitere Seele frei gemacht, die noch kürzer blieb. Wie rechne ich denn jetzt eigentlich? Wären es sechs Kinder oder fünf? Die Rechnung ist eigentlich nicht machbar, finde ich.

Dieses Kindchen, das nun im Januar geboren wäre, kam ungeplant in unser Leben. Aber es wurde geliebt und wir freuten uns darauf. Hatten keinen Zweifel. Hoffnung überwog. Zuversicht, dass wir zwei Kinder in unserer Mitte schon geschaukelt bekämen. Immerhin würde unser Herzenskind ja auch immer älter und vieles sicher noch anders, leichter werden. Als diese kleine Seele geboren wurde, waren wir uns sicher, einfach die Natur entscheiden zu lassen, wann wieder jemand zu uns kommen möchte. Dass so schnell wieder ein zweiter Strich auf dem Test zu sehen sein würde, versetzte uns jedoch nicht in Freude. Zum einen, weil die vorausgegangen Schwangerschaften so früh endeten und zum anderen war mein Herzmensch gerade gesundheitlich völlig außer Gefecht.

Ich wollte es plötzlich nicht mehr. Ich konnte mich nicht freuen, keine Zuversicht spüren, dass es einem weiteren Kindchen bei uns gut gehen würde. Ich bat diese kleine Seele wieder zu gehen. Ich sah, an welchen Stellen wir noch sehr herausgefordert waren, wie angespannt unser Familienalltag manchmal noch war – und war innerlich entlastet, als die Blutung einsetzte. Ich verstand, dass mein Körper keinerlei Reserven hatte, um ein neues Leben zu erschaffen. Dass ich mich langsam wieder aufbauen darf. Traurig, dass ich es auf diesem Weg erkennen musste. Doch diese kleinen Seelen wussten wohl darum.

Und auch wenn ich weiß, dass ein weiteres Kind für uns derzeit nicht zu bewältigen wäre – mein Verstand also ganz rational entscheidet, ist da dennoch etwas in mir, das reagiert. Dann, wenn ich erfahre, dass jemand schwanger ist. Runde Babybäuche versetzen mich in das wehmütige Gefühl, wie schön das doch war, dieses Kind in sich zu tragen. Wie besonders das ist. Ich lese Geburtsberichte und denke daran, was für ein unglaubliches Erlebnis das ist. Neugeborene, Babys – ja, da wird mein Herz weich. Meine Natur geht damit sehr in Resonanz und der Herzenswunsch bleibt, das alles nochmal erleben zu dürfen. Und dennoch: Ich habe das große ABER im Kopf. Es ist ein Überraschungsei – man weiß einfach nicht, was da am Ende für eine kleine Persönlichkeit auf die Welt kommt. Eine weitere Babyzeit in dem Ausmaß, wie ich es erlebt habe, schaffe ich so schnell kein weiteres Mal. Zwei so sensible und betreuungsintensive Kinder sind ohne Dorf kaum zu schaffen – kommen wir ja jetzt ab und an schon sehr an unsere Grenzen. Klar, man wächst an seinen Aufgaben. Aber ein Kind zu begleiten ist für mich eine verantwortungsvolle Aufgabe, die viel Kraft, Zuwendung, Selbstreflexion, Kreativität und viele andere Ressourcen benötigt. Und davon ist zur Zeit nicht genug vorhanden.

Vielleicht irgendwann noch einmal. Du bist ja noch jung, höre ich, wenn ich darüber sinniere. Und natürlich, biologisch betrachtet ist da noch eine Menge Spielraum. Und dennoch fühlt es sich so an, als würde mir die Zeit davon laufen. Vermutlich fühlt es sich auch deswegen so, weil ich vor elf Jahren das erste Mal Mutter wurde – und das ist für mich manchmal unbegreiflich, denn mein Sohn ist nicht mehr zum Greifen nahe. Bei all dem, was ich mit ihm erlebt und durch seine Krankheit und seinen Tod erfahren habe. Bei all den kleinen Geburten in den letzten Jahren. Da schwingt auch immer wieder Angst mit. Oder ist es ein gesunder Respekt? So viel kann passieren in Schwangerschaft, während der Geburt, danach. Der Tod ist allgegenwärtig, das weiß ich und ich kann ihn gut annehmen. Doch immer und immer wieder um eine kleine Seele bangen, sich an der Hoffnung festklammern – das schaffe ich gerade nicht. Denn gerade genieße ich es auch sehr, dass da so ein kleiner, gesunder Mensch vor mir sitzt, an dem alles dran ist, ganz unversehrt. Wenn ich mein Herzenskind betrachte, sehe wie er sich entwickelt und an manchen Stellen seinem großen Bruder ähnelt – dann bin ich einfach nur froh, dieses Glück nochmal erleben zu dürfen. Mich voll und ganz darauf einlassen zu können. Momente aufzusaugen und gedanklich in Marmeladengläsern zu konservieren. Dieser kleine Mensch musste in diesen ersten Jahren nicht so viel aushalten, wie sein großer Bruder. Keine Zugänge, keine Medikamente, keine Krankenhäuser, keine Operationen. Wenn ich ihn so andächtig anblicke, wie unversehrt er so da sitzt – dann fällt mir für einen Augenblick eben wieder ein, was alles möglich sein kann im Kindesalter. Was ich bereits miterlebt und begleitet habe. Und atme tief durch, mit Tränen in den Augen – weil mich tiefe Demut und Dankbarkeit einholt.

Mal wieder darf alles sein. Gleichzeitig. Der Herzenswunsch, eine gewisse Sehnsucht und Wehmut, aber auch der rationale Verstand, der zur Zeit in Hinblick auf diesen Wunsch gut auf mich aufpasst.

Irgendwann. Vielleicht. Nochmal.

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