Tränen

Tränen fließen. Bei mir. Vor Erschöpfung. Manchmal gibt es Nächte, die besonders unruhig sind. In denen Du öfter beim Übergang in die nächste Schlafphase Unterstützung und Halt von mir brauchst. Ich gebe Dir das gerne, seit bald vier Jahren. Und insgesamt ist Dein Schlaf ruhiger geworden. Doch diese Nächte verlangen dann die letzten Kraftreserven, die ich mir mühselig aufgebaut habe. Dann merke ich, wieviel ich in diesen Jahren schon gegeben habe, wie knapp meine Ressourcen sind. Wie schwer mir der Alltag nach solchen Nächten fällt und dass ich Dir dann kein umfangreiches Programm bieten, sondern nur gut genug sein kann. Es macht mich traurig, für Dich. Doch es ist nur meine Erwartung an mich selbst, eine Vorstellung in meinem Kopf, wie Kindheit aussehen könnte. Wenn ich dann in Dein zufriedenes Gesicht blicke, wenn Du Dich so doll an mich herankuschelst und wir beide das hörbar genießen – dann spüre ich, dass Dich gut genug auch glücklich macht. Dass meine ungeteilte Aufmerksamkeit und Nähe für Dich mehr bedeutet, als ständige Ausflüge und ein straffes Unterhaltungsprogramm.

Tränen fließen. Bei Dir. Eine Mischung aus Wut und Traurigkeit. Meistens überwiegt die Traurigkeit. Wenn ich Dir etwas nicht kaufen kann, was Dir gerade in den Sinn gekommen ist und so sehr gefällt. Zwischen den vielen Tränen und den starken Gefühlen, versuche ich die Momente zu spüren, wann ich Dir erklären kann, warum ich Dir diesen Wunsch gerade nicht erfüllen kann. Meistens bricht es dann noch mehr aus Dir heraus und die Tränen fließen unaufhörlich weiter. Ich halte Dich. Blende alles um uns heraus, so gut ich kann. Um mich ganz auf Dich einzulassen. Manchmal bist Du fast untröstlich und es bewegt Dich sehr lange, dass Du Deinen Wunsch nicht erfüllt bekommen hast. Manchmal sitze ich da und spüre, dass auch in mir eine Wunde piekst und dann frage ich mich ab und an, warum ich Dir diesen Wunsch eigentlich nicht erfüllen soll. Manchmal bin ich innerlich standhaft, stehe zu meinem Nein. Manchmal vertröste ich Deinen Wunsch auf später oder lenke doch noch ein. Ich erkläre Dir jedes Mal, warum ich mich wie entscheide. Beziehe Dich in alles mit ein. Doch im Kern des Ganzen stehst Du, stehen wir. Ich will Dir Halt geben und Dich begleiten bei Deinen Tränen. Und ich spüre jedes Mal, dass Du um diese Sicherheit weißt, wenn Du direkt in meine Arme möchtest, sobald Du traurig bist. Ein wundervolles Gefühl für mich.

Tränen steigen mir in die Augen. Vor Dankbarkeit. Wenn ich sehe, wie freudig Du Deinen Großeltern entgegen läufst. Wie entspannt Du längere Autofahrten mit uns machst. Wenn ich spüre, wie gut ich mich mit Dir absprechen kann und Du Dich nun auch für gewisse Momente ohne mich beschäftigen kannst. Wenn ich an einem Abend wegfahre und ihr beide das ohne mich gut hinbekommt. Nach der vielen Zuwendung in den letzten Jahren, dem vielen Zurück – und Hintenanstellen, empfinde ich jeden Tag so viel Dankbarkeit darüber, was mittlerweile alles möglich geworden ist. Dinge, die vor zwei oder gar vor einem Jahr in unserem Familienalltag nicht denkbar waren, scheinen nun oft kein Problem mehr zu sein. Alles kommt in Deinem Tempo, wenn wir Dir den Raum dafür gewähren. Nicht an Dir ziehen. Vertrauen, dass Du Deinen Weg gehen wirst – völlig losgelöst von Standards oder Richtwerten.

Tränen füllen Deine Augen. Verzweiflung. Etwas funktioniert nicht so, wie Du es Dir vorgestellt oder gewünscht hast. Das klappt einfach nicht. Ich schaffe das nie. Es erschreckt mich ein wenig, wie Du Dich wahrnimmst. Haben wir Dir zu wenig zugetraut? Haben wir Dich zu wenig ausprobieren lassen, sodass Dein Selbstvertrauen gewachsen wäre? Muss ich das problematisch sehen? Für einen Bruchteil gehen mir diese Gedanken durch den Kopf, während ich Dich in den Armen halte, mit aushalte. Danach bestärke ich Dich, versuche gute Worte zu finden, um Dich zu motivieren, es nochmal zu versuchen. Die Tränen sind getrocknet und Du findest neuen Mut, es nochmal anzugehen. An manchen Tagen bremst Dich ein Misserfolg oder eine Niederlage nachhaltig aus und Du willst keinen neuen Versuch wagen. An anderen Tagen gehen wir es gemeinsam an, damit Du danach Deinen Weg noch einmal beschreiten kannst. Da schlummert schon ein Selbstanspruch in Dir, den ich gut abfangen darf. Du darfst milde mit Dir sein – genauso wie ich mit mir und meinem Selbstanspruch.

Tränen schießen in meine Augen und rollen über mein Gesicht. Zu viel. Eindrücke. Gefühle. Energien. Wenn wir Zeit mit anderen Menschen oder draußen verbracht haben, spüre ich in mir, aber auch bei dir, wie sehr uns das beeinflusst. Während wir im Dopaminrausch völlig aufgekratzt die ganzen Reize wahrnehmen und verarbeiten, hängen wir am nächsten Tag und oft auch den Tag danach ziemlich durch. Wir brauchen Rückzug und Ruhe, um all die Reize, die unser Nervensystem stimuliert haben, zu verdauen. Ich spüre die Anspannung in meinem Körper, die sich ganz besonders in Nackenschmerzen äußert und sich letztlich in Kopfschmerzen bündelt. Oft brauche ich ein Schmerzmittel, weil es beinahe in eine Migräne mündet. Und dann kommen mir die Tränen, weil ich mich für kaum belastbar empfinde. Weil mich diese ganzen Eindrücke nicht einfach kalt lassen können und so sehr bewegen. Wie habe ich das vor ein paar Jahren nur gemacht, als ich mir noch mehr zugemutet habe? Ach ja, da habe ich besser geschlafen. Und am Ende saß ich dort auch immer mit heißem Kopf und Migräne, weil ich viel zu sehr über meine Grenzen gegangen bin. Es stimmt mich traurig, dass ich nicht so viel aushalte an manchen Tagen. Dass mir das Leben da draußen so zusetzt und ich nur häppchenweise davon probieren kann. Ich habe bereits gute Hilfsmittel integriert, damit mich nicht ständig alles so umhaut. Doch sie greifen nicht immer. Hochsensibilität gepaart mit Schlafmangel – eine oftmals schmerzhafte Kombination, die ohne Hilfsmittel recht einsam machen kann. Doch ich bin froh, dass ich mich mittlerweile besser einschätzen und meine Grenzen kenne – damit ich sie nicht mehr dauerhaft überschreite.

Tränen füllen meine Augen. Vor Wehmut. Ich sehe Dich, wie Du wächst und eine ganz eigene Persönlichkeit wirst. Dieses Lebensjahr ist so besonders, auf eine eigene Weise – wie die Lebensjahre davor. Ich habe so häufig Momente, die ich konservieren möchte. Ich möchte die Zeit anhalten, um das Jetzt viel mehr genießen und auskosten zu können. Es macht mich wehmütig, wie schnell die Zeit vergeht. Einerseits in Relation zu Deiner Babyzeit, in der wir uns körperlich so nah waren. Andererseits in Relation zu Deinem Bruder, der dieses Lebensjahr nicht vollenden konnte und dem ich nicht mehr beim Aufwachsen zusehen kann. Wehmut und Dankbarkeit. Tränen vor Traurigkeit und vor Glück. Wie gut, dass sie alle gleich aussehen und der Körper die Tränen nicht unterscheidet. Alles gleichzeitig.

So oft fließen bei uns die Tränen. Es gibt Phasen, da bin ich schneller am Wasser gebaut – hormonell bedingt. Und das kann ich mittlerweile gut für mich annehmen. Die Zeit mit meinem ersten Sohn, sein Tod und das Leben danach mit meinem Herzenskind haben mich spürbar weicher gemacht. Schon immer hat mich vieles bewegt und auch zu Tränen gerührt, doch habe ich ihnen eine Zeit lang keinen Raum gewährt. Doch ich weiß um diese heilsame Wirkung. Wenn sich das Tränenventil öffnet, fließen ganz viel Anspannung und Gefühle ab, die sich da so innerlich anstauen. Wie ein Damm, der bricht. Und wenn der Druck abgeflossen ist, die Tränen wieder versiegen – breitet sich Erleichterung aus. Ich kann wieder Atmen. Vieles klarer sehen. Auch bei meinem Herzenskind sehe ich das immer sehr deutlich, wie heilsam das Weinen für ihn ist. Ich schäme mich nicht mehr dafür, sensibel und nah am Wasser gebaut zu sein. Ich bin dankbar für den Zugang zu meinen Gefühlen! Und was für ein Geschenk gebe ich da unserem Herzenskind mit auf den Weg. All das fühlen zu dürfen, all das zeigen und leben zu dürfen, was sich da an Gefühlen in ihm regt. Niemals würde ich ihm sagen, dass er wegen etwas nicht weinen darf. Es sind seine Gefühle. Seine Wahrnehmung. Und ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschen wieder mehr damit in Berührung kommen dürfen, damit vieles heilen und sich die Liebe mehr ausbreiten kann. Ich spüre, dass da ganz viel in mir heilt und oftmals Tränen fließen, die ich vor vielen Jahren nicht weinen konnte – weil ich da den Zugang zu mir fast verloren hatte. Das möchte ich meinem Herzenskind ersparen und gebe jeden Tag mein Bestes, seinen Gefühlen Raum zu geben und ihn dabei zu begleiten. Damit er hoffentlich am Ende innerlich so gefestigt ist, die raue und gefühlskontrollierte Welt gut aushalten zu können.

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