Nachdem sich nun Stück für Stück immer mehr der Frühling offenbart, beginnt also die Flora und Fauna wieder zu erblühen. Es ist einfach wundervoll zu beobachten, jedes Jahr. Die Stimmung steigt mit jedem Sonnenstrahl und bei mir spüre ich etwas mehr Energie im grundsätzlich erschöpften Körper. So habe ich mich an einem sonnigen Vormittag dazu entschlossen mit meinem Herzenskind ein wenig die Terrasse auf Vordermann zu bringen. Altes und Vertrocknetes an den Pflanzen entfernen, damit sich das Neue weiter ausbreiten kann. Die Steinplatten sind nach einem Jahr wieder sehr verschmutzt und den Belag entferne ich später mit dem Hochdruckreiniger. Dazwischen sprießen grüne Farbtupfer. Auch am Gehweg zur Straße sind wieder viele kleine Pflanzen zwischen den Steinen gewachsen.
Nun leben wir zur Miete in unserem Zuhause und unsere Vermieter haben es gerne ordentlich und gepflegt – hier und da auch mit einem Auge zudrücken. Aber nach drei Jahren wissen wir nun, worauf sie so Wert legen und wir helfen uns nachbarschaftlich, denn wir leben in einem Haus mit ihnen. Der grüne Vorgarten wurde von Ihnen einst gegen eine Terrasse getauscht, die grau in grau den farblichen Übergang zur Straße schafft. Statt einer Tothecke steht nun ein anthrazitfarbener Zaun nebst der grauen Steinplatten umrandet von grauen Kieselsteinen. Wir übernahmen vier anthrazitfarbene Pflanzkübel mit stylischen Graspflanzen, die erst im Sommer ihr sattes Grün präsentieren. Alles in allem: Grau. Wenige Pflanzen, wenig Grün. Pflegeleicht sollte es sein, denn neben der vielen Erwerbsarbeit, hatten unsere Vermieter kaum Zeit und Energie sich um die vielen Pflanzen zu kümmern. Bei der Umgestaltung des Vorgartens entstand noch ein Stellplatz auf dem Grundstück, der an der vielbefahrenen Straße wirklich sinnvoll ist. Als wir hier hergezogen sind, war ich erstmal froh, dass wir überhaupt eine Terrasse haben, die wir nutzen können und sie noch nicht zu viel Arbeit neben meinem Herzenskind abverlangt. Geschafft hätten wir das irgendwie auch, da es nur ein kleines Fleckchen ist. Doch je größer unser Kindchen wurde und wir mehr und mehr auch an der Welt draußen teilnehmen konnten, wuchs der Wunsch in mir, die Terrasse mehr zu begrünen und dem ganzen Grau ordentlich Leben einzuhauchen. Stück für Stück gestalteten wir um und besonders im letzten Jahr trauten wir uns deutlich mehr Pflanzen zu. Es braucht schon etwas mehr Fingerspitzengefühl bei einer Terrasse zur Südseite, denn nicht alle Pflanzen vertragen die pralle Sonne und starke Hitze im Sommer. Ich möchte vor allem länger Freude an den Pflanzen haben und nicht nur alles saisonal und kurzweilig bepflanzen. Wir trauten uns also immer mehr zu uns es war schön, unserem Herzenskind die vielen verschiedenen Pflanzen zu erklären, sie gemeinsam regelmäßig zu gießen und auch eine kleine Ernte zu probieren.
Graue Kieselsteine finden sich als Umrandung überall. Was sich einst als stylisch und praktisch erweisen sollte, zeigt sich nun eher als Sisyphos-Arbeit. Die Pflanzen sprießen dazwischen hervor und müssen herausgezupft werden. Denn Unkraut, dass so ungleichmäßig wächst, passt nicht in den Wunsch nach optischer Ordnung. Und so sitze ich also mit meinem Herzenskind am Gehweg zur Straße und wir entfernen die Pflanzen, die dort nicht wachsen sollen. Unkraut. Wunderschöne, kleine Pflänzchen – nur wachsen sie nach der menschlichen Auffassung am verkehrten Fleck. Würde man die Pflanzen fragen, sind sie dort genau richtig – denn immerhin wachsen sie ja und haben offenbar einen guten Nährboden. Und es ist doch erstaunlich, mit wie wenig einige Pflanzen zurechtkommen. Mit jeder kleiner Pflanze, die ich da herausziehe, werde ich nachdenklicher. Ich betrachte sie genauer und erkenne, wie schön sie eigentlich sind. Was die Natur doch für eine Vielfalt bietet. Am Ende des Winters kann man es kaum erwarten, dass alles wieder grün wird und zum Leben erwacht – und kaum ist es da, beseitigen wir vieles davon. Weil irgendjemand mal vorgegebenen hat, wie Gärten aussehen sollten. Weil der Eindruck eines ordentlich und gepflegten (Vor-)Gartens scheinbar eine wichtige Rolle im Ansehen in der Nachbarschaft spielt. Sieht man hingegen einen verwilderten Vorgarten, hat man hierzulande direkt den Eindruck, als hätten diese Menschen ihr Leben nicht im Griff. Und dann gibt es doch diese Redewendung, dass jeder nur vor seiner eigenen Tür kehren sollte.
Nachdenklich zupfe ich also die kleinen Wunder der Natur heraus, weil ich mich ein wenig dazu verpflichtet fühle, das Grundstück unserer Vermieter nach ihren Wünschen mit zu pflegen. Und ja, eine gewisse Ordnung macht Sinn, denn manche Pflanzen haben auch destruktive oder hinderliche Einflüsse auf ihre Umgebung. Doch hierbei geht’s nur um die Optik. Und mit einmal denke ich an etwas, dass ich kürzlich gelesen hatte. Es ging um eine Wasserflasche, die in verschiedenen Szenarien einen ganz anderen Preis hat. Dabei Ist es immer genau dieselbe Flasche Wasser. Die Quintessenz daraus war, wenn sich ein Mensch in seiner Umgebung nicht angenommen und gewertschätzt fühlt, dass er vielleicht nur in der verkehrten Umgebung ist – denn woanders wäre er mehr Wert. Das brachte mich zum Nachdenken, denn irgendwie ist da schon was dran. Ich fühle mich in diesem Moment sehr mit dem vermeintlichen Unkraut verbunden. Besonders in unserem Kontext, in dem wir merken, dass wir oft mit vielem sehr herausgefordert sind, was für andere normal ist und es kaum auf Verständnis stößt, einen anderen Weg als Familie zu gehen, als die meisten es tun. Dann sehe ich dieses Unkraut und frage mich, in was für einer Umgebung wir eigentlich leben. Und damit meine ich nicht mal nur die unmittelbare. Denn es ist doch weitverbreitet, wie mit diesen unerwünschten Pflänzchen umgegangen wird. Während aufs Klima gemeckert wird, reißen wir kleine, blühende Pflanzen aus der Erde, die einigen Tierchen noch Nahrung und ein Zuhause bieten könnten. Da wird im stylischen Garten lieber in Öko-Aktien investiert, statt Wildblumenwiesen anzulegen. Da steht das E-Bike in der Garage und der Weg zum Bäcker wird doch mit dem Auto gemacht.
Vieles passt für mich oft nicht zusammen. Und dennoch fühle ich mich oft Fehl am Platz. Denn ich kann viele Werte und Vorstellungen einfach nicht mehr teilen. Und doch bin ich drin in dieser Gesellschaft, nehme irgendwie daran teil und möchte mich gutstellen mit Menschen, denn ich bekomme ja etwas von ihnen. Somit entferne ich schweren Herzens kleine Pflanzen, die wir Unkraut nennen, weil es nicht mein Eigentum ist und ich es wertschätzen möchte. Dafür säe ich Wildblumen und andere schöne Pflanzen, die den Tierchen und auch uns zu nutze kommen. Dafür versuche ich einen aktiven Teil zur Erhaltung der Natur beizutragen, in dem ich Müll sammele und nachhaltige Lebensmittel besorge. Denn mehr schaffe ich gerade noch nicht. Und vielleicht wächst dabei auch die Nachsicht mit allen, die eben lieber den stylischen, statt den natürlichen Garten haben wollen: Sie haben irgendwo ihre Grenzen. Es ist das große Ganze, in dem wir alle leben, das eher zerstörerisch mit der Welt und den Lebewesen darin umgeht. Unter dessen Einfluss eben alle leben. Und es braucht viel Kraft sich in eine andere Richtung zu bewegen.
Aber wenn ich dann an den Löwenzahn denke, der da so zwischen den Steinen hervorsprießt, kann ich wohl noch viel von dieser starken Pflanze lernen. Wir brauchen nicht viel, um zu erblühen – aber es braucht eine Umgebung, die uns zu schätzen weiß.
