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Der muss aber auch mal lernen, dass ihm die Spielgeräte hier aufm Spielplatz nicht alleine gehören. Die sind für alle da.

Eine in etwa 70 jährige Frau entgegnet uns beiläufig diesen Satz, als sie auf dem gleichen Klettergerüst entlang läuft, auf das mein Herzenskind und ihre Enkeltochter gerade klettern wollen. Mein Kind hat lautstark auf der Strickleiter für sich eingestanden, denn das kleine Mädchen – knapp zwei Jahre alt – wollte hinter ihm hinaufklettern. Er war unsicher und konnte mit dem zusätzlichen Wackeln der Strickleiter nicht gut umgehen.

Ich habe das gesehen. Die Oma des kleinen Mädchens nicht.

Kurz zuvor schaukelte mein Kind in einer Nestschaukel. Direkt kam das kleine Mädchen angetapst und fand es offenbar reizvoller mit einem älteren Kind zu schaukeln, als mit ihren Großeltern auf den normalen Schaukeln. Ihr Interesse an meinem Herzenskind war enorm – wie so oft, sind ältere Kinder spannend. Meinem Kind geht es auch oft so, auch wenn sich selbst bei älteren Kindern das Interesse noch in Grenzen hält. Und in diesem Fall war es wieder so und er machte deutlich, dass er lieber allein in der Nestschaukel sitzen möchte, in die er gerade erst hineingeklettert war. Für die Mama des Mädchens und für mich war das in Ordnung. Für das kleine Mädchen natürlich nicht und sie brach in Tränen aus. Verständlich. Zuvor durfte sie schon nicht mit unserem Sandkastenspielzeug spielen, dass noch auf einem kleinen Haufen zusammengefercht lag – denn ihre Mama erklärte ihr, dass es meinem Kind gehörte. Wir betrachteten diese Szene von Weitem und mein Herzenskind wurde panisch und schrie laut, dass er das nicht möchte. Ich beruhigte ihn und erklärte ihm, dass die Mama das mit ihrem Kind schon regelt und wenn er möchte, packe ich die Spielsachen wieder ein. Das mache ich eigentlich immer, wenn wir uns mit etwas anderem auf dem Spielplatz beschäftigen – denn ich weiß, wie sehr es ihn stresst, dass andere Kinder seine Sachen haben möchten. Und das kann ich umgehen.

Als die Situation um die Spielsachen gelöst und bevor er in die Nestschaukel ging, erzählte mir mein Herzenskind, dass er nicht so gerne mit kleineren Kindern seine Spielsachen teilen möchten. Mit größeren Kindern schon, aber auch nicht immer. Ich war ganz stolz, dass er es so für sich in Worte fassen konnte. Und für mich ist das absolut in Ordnung. Er muss nicht teilen. An der Art, wie er es den anderen Kindern sagt, dürfen wir noch feilen – denn es erschreckt alle enorm und nicht selten fließen Tränen bei den anderen Kindern. Aber mein Kind scheint panisch zu sein und hat das Gefühl, dass seine Grenze nur so gesehen wird. Und am Ende stimmt sein Gefühl, denn oft akzeptieren die anderen Kinder kein einfaches Nein oder hören es nicht ganz. Das Gehör von Kleinkindern kann mitunter sehr selektiv sein.

Mit dem Wissen um die eventuelle autistische Ausprägung meines Herzenskind kann ich solche Situationen anders betrachten. Lange habe ich mich gefragt, warum er besonders jüngere oder gleichaltrige Kinder ungerne um sich hat. Kennt er sie hingegen schon etwas besser und hat sie öfter gesehen, klappt es einigermaßen, nebeneinander zu spielen. Ich habe es mir irgendwie erklärt und habe akzeptiert, dass es für ihn schwierig ist. Immer wieder setze ich ihn diesen Situationen aus, um zu sehen, wie er daran wächst. Phasenweise klappt es. Die meiste Zeit jedoch nicht. Und wieder empfinde ich Akzeptanz als den für mich sinnvollsten Weg. Ich werde mein Kind nicht zwingen, mit anderen zu spielen, geschweige denn zu teilen. Denn das fordert viel Kooperation von diesen kleinen Menschen und die steht eben nicht unbegrenzt zur Verfügung. Und mal ehrlich: Auch den großen Menschen nicht.

Häufig beobachte ich, wieviel Kooperation von den kleinen Menschen verlangt wird. Dabei fehlen oft noch entscheidende Reifeprozesse im Gehirn. Kinder sind schon wahnsinnig kompetent und von Geburt an soziale Wesen. Sie wollen mit den Menschen interagieren. Und jedes Kind hat ein eigenes Tempo, bringt etwas ganz eigenes mit. Einigen fällt es leichter, mit anderen Kindern spielen, andere haben da ihre Schwierigkeiten. Feingefühl und Verständnis sind da wieder besonders wichtig, um den kleinen Menschen den Weg zueinander und nebeneinander zu ermöglichen. Ich bin immer wieder erstaunt, dass bei den Erwachsenen der Perspektivwechsel nicht funktioniert. Da wird Kindern so viel erklärt, wozu sie selbst oft nicht in der Lage sind.

Ich habe neben den Bedürfnissen meines Kindes auch dieses kleine Mädchen gesehen. Ihre Mama hatte ein Baby in der Trage gebunden. Das genügte mir schon als Erklärung, warum jede Grenze, jedes Nein, so sehr zu Tränen führte. Dieser kleine Mensch muss nun so viel teilen, was ihr wichtig ist. Was bisher nur für sie allein da war. Und die Perspektive zu wechseln, ist in diesem Alter einfach noch so schwer und kaum möglich. Immer wieder wurde sie im Spiel mit den Großeltern daran erinnert, sie solle ihre Spielsachen mit ihnen teilen, denn sonst könne man nicht mit ihr spielen. Es herrschte ein sehr belehrender Ton und da durfte ich mein Gehör wieder zur selektiven Wahrnehmung trainieren, um lieber dem Vogelgezwitscher zu lauschen. Ich wollte dazu keine Wertung vornehmen. Meinen Fokus auf mein Kind legen. Im Verständnis für alle bleiben, warum sie sich wie verhalten.

Doch als dieser Satz von der Großmutter des kleinen Mädchens fiel, als mein Herzenskind gerade dabei war, die wackelige Strickleiter hinaufzuklettern, wurde mir anders. Für sie war es nur eine Bemerkung so nebenbei. Der muss mal lernen.. Der. Mein Kind. Schon über die eigene Enkeltochter wurde in ihrem Beisein über „Die“ gesprochen, als wäre sie nicht da. Icn spürte, wie die Wut in mir aufkam. Doch ich löste sie immer mehr durch Verständnis ab. Denn diese Frau wurde in anderen Zeiten groß. Ihr wurde mit gewissen Werten und Haltungen begegnet, die sie geformt haben. Die sie selbst wohl an ihre Kinder weitergab. Es sind jene Werte und Haltungen Kindern gegenüber, die ich nicht mehr teilen kann. Und statt mich angegriffen zu fühlen von ihren unbedachten Worten, blieb ich in meiner Mitte. Sah mein Kind an und sagte mir, dass ich das schon genau richtig mit ihm, für ihn mache.

Nicht alles verdient eine Reaktion.

Die Worte der Frau kreisten weiter in meinem Kopf herum. Wie ein Schock für mein System. Denn immer wieder schockiert es mich, wie unbedacht etwas gesagt oder gemacht wird. Oft zu kurz gedacht. Und dann wird von den kleinen Menschen eine Weitsicht und eine Umsicht erwartet, die selbst nicht geleistet werden kann. Ich spürte, dass sich eine innere Haltung bei mir formte und ich mich damit abgrenzen wollte. Doch ich wollte offen bleiben.

Wir rotierten auf dem Spielplatz. Jeder spielte mal in einer anderen Ecke. Irgendwann wollte mein Herzenskind wieder im Sand buddeln. Das kleine Mädchen kam hinterher, wollte mitspielen. War nach wie vor interessiert an den Spielsachen meines Kindes. Ich schlug einen Tausch vor, fragte mein Herzenskind, ob er er vielleicht einen seiner Eimer tauschen möchte. Erst willigte er ein, betrachtete den pinken Eimer des Mädchens, wollte aber nicht damit spielen und dann auch seinen Eimer wieder zurück haben. Gut, der Tausch war für ihn nicht passend – verständlich. Ich sagte dem Mädchen, dass er nun nicht mehr tauschen möchte. Das Mädchen hingegen wollte nun den anderen Eimer, kam immer näher herangekrabbelt. Ich sah, dass es für mein Herzenskind zu eng wurde und wie die Panik in ihm aufstieg. Er beschützte seine Spielsachen und entgegnete ein lautstarkes Nein. Die Situation löste sich auf, in dem die Mutter ihre Tochter freundlich zu einer anderen Ecke des Sandkastens mitnahm. Sie respektierte die Grenzen meines Kindes. Die Großmutter hingegen murmelte „So ein komisches Kind“ vor sich hin. Ich quittierte das für mich mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem Augenrollen.

Kürzlich erfuhr ich, dass in keinem anderen Land auf der Welt so sehr auf das Teilen geachtet wird, wie in Deutschland. Wo das nur herkommt? Ich habe so meine Theorie. Doch es wird den Kindern so schwer gemacht, sie immer wieder dazu bewegen zu wollen. Dabei teilen Kinder enorm gerne. Von sich aus. Aber eben nicht mit jedem. Und vielen Erwachsene vergessen, dass die Begegnungen auf dem Spielplatz für die Kleinkinder jedes Mal neu sind. Das sind jedes Mal fremde Menschen. Und es ist für mich verständlich, dass sie dann nicht bereitwillig sofort mit allen teilen wollen. Sie wollen vielleicht erstmal beobachten, einschätzen, wer ihnen da begegnet. Oft ergibt sich das Teilen von selbst nach einer gewissen Warmlaufzeit. Was hierzulande meistens als Grundvoraussetzung an die Kinder gilt, ist eben das immer geteilt werden soll. Und schade ist nebenbei noch, dass die Perspektive nicht gewechselt wird. Da bestehen die Erwachsenen auf ihren Keks, wollen ihren Kindern davon nichts abgeben. Wollen sie nicht auf ihr Handy schauen lassen, mit den Worten „Nein, das ist meins“. Würde ich zu jemandem hingehen und fragen, ob ich mal eben mit dem Telefon spielen oder mit dem Auto fahren darf, würde mir der Mensch wohl einen Vogel zeigen. Und nein, das ist nichts völlig anderes, als bei Kindern. Für Kinder sind das eben auch ihre ganz eigenen Dinge, ihr Besitz, ihr Eigentum. Ob da Formulierungen wie „unsere Spielsachen“ helfen, kann jeder für sich herausfinden. Mir geht es vor allem um Verständnis für die kindlichen Bedürfnisse und Entwicklung, Authentizität und Selbstreflexion. Und daran mangelt es noch häufig. Es werden bestimmte Muster über Generationen weitergegeben und sie führen letztlich zu keinem friedvollen Miteinander.

Diese Begegnung hinterließ einen Eindruck. Während ich irgendwann froh darüber war, dass ich die Unterhaltungen der anderen Familie nicht mehr unweigerlich hören musste, fand mein Herzenskind es schade, dass sie nach Hause gingen. Denn er fand „die Oma“ so lustig, weil sie sich mit dem Mädchen in die Nestschaukel gelegt hatte. Das blieb bei ihm hängen. So unterschiedlich kann Wahrnehmung sein. Und ich war froh, dass ich meinen Eindruck für mich behielt und mit mir selbst ausmachte – denn so habe ich meinem Kind die Chance gegeben, sich sein eigenes Bild von dieser Begegnung zu machen. Letztlich habe ich auch eine andere Haltung einnehmen können – viel weiter im Verständnis und in der Nachsicht.

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