Heute kann es regnen, stürmen oder schnein‘, denn Du strahlst ja selber – denn Du bist der Sonnenschein. Heut ist Dein Geburtstag, darum denk ich mir: All Deine Liebe bleibt noch weiter hier. All Deine Liebe bleibt noch weiter hier. Wie schön, dass Du geboren bist – doch wirst Du jetzt so sehr vermisst. Wie schade, dass wir nicht beisammen sind. Ich vermisse Dich so sehr, Geburtstagskind!

Mein liebes Kind, ich muss zugeben: Diese Zeit um Deinen Geburtstag ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Da ist die Freude über den Geburtstag Deines kleinen Bruders. In den folgenden sechs Tagen bis zu dem Tag, an dem Du das Licht der Welt erblickt hast, mischen sich andere Gefühle mit hinzu. Denn auch wenn ich froh und dankbar bin, dass ich Dich zur Welt bringen durfte und Du hier warst – wir feiern diesen Tag ohne Dich. Einige Tage später folgt mein Geburtstag, der in den letzten Jahren eigentlich kaum noch Bedeutung für mich hat. Und dennoch freue ich mich darüber, wenn Menschen an diese Tage denken. Es bringt Wertschätzung zum Ausdruck und zeigt Verbundenheit.
Es ist so surreal, einen Geburtstag zu feiern von einem Menschen, der nicht mehr auf der Welt ist. Natürlich sage ich mir immer wieder, dass Du irgendwie noch hier bist. Ich erzählte Deinem Bruder von Deinem Geburtstag und dass Du nun elf Jahre werden würdest, wärst Du nicht gestorben. Wieviel er davon versteht, ist fraglich – aber ich möchte ihn Stück für Stück heranführen an dieses unbegreifliche Thema. Sofort war ihm klar, dass wir Dir etwas zu Deinem Grab bringen. Er verbindet Dein Grab, die Videos, die Fotos und die wenigen übriggebliebenen Spielsachen mit Dir. Wie es sich anfühlt, einen Bruder zu haben, kann ich ihm schwer vermitteln – denn Du lebst nur in Erzählungen und in Videoaufnahmen, die wir gemeinsam ansehen können.
Ganz oft denke ich an Dich. Immer mal wieder frage ich mich, wie das wohl so wäre, wärst Du noch am Leben. Wie wäre unser Leben weitergegangen, wie hättest Du Dich entwickelt. Da schwirrt die Fünf-Jahre-Krebsfrei-Grenze in meinem Kopf herum, auf die wir bei jeder Kontrolle in der Klinik hingefiebert und gebangt hätten. Da wären die Nachwirkungen Deiner intensiven Therapie gewesen, die unseren Alltag bestimmt hätten. Aber da wäre auch sicher ganz viel Dankbarkeit und Glück darüber spürbar gewesen, dass Du lebst und all das überstanden hast. Doch die Angst, es könnte irgendwann wieder losgehen, wäre ein ständiger Begleiter gewesen. Hätte, wenn, vielleicht. Zeitverschwendung, eigentlich.
Dein Leben endete nur wenige Wochen nach Deinem dritten Geburtstag. Du bist nicht weiter gewachsen, auch nicht in meiner Vorstellung. Unvorstellbar, wie Du jetzt aussehen würdest. In meinen Gedanken bist und bleibst Du Dein kleines dreijähriges Ich. Und auch wenn Dein kleiner Bruder nun vier Jahre alt ist – bleibst Du eben der größere, der ältere Bruder. Wie ich es drehe oder wende – ich bekomme dabei immer einen Knoten im Kopf.
Vieles hat sich in den letzten Jahren in mir verändert. Lange Zeit konnte ich mich von vielen Dingen, die ich mit Dir verbinde, nicht trennen. Doch nach und nach spürte ich, dass Erinnerungen daran verblassen und es sich für mich nicht mehr gut anfühlte, so viel von Dir aufzuheben. Behutsam, Stück für Stück, ist Dein „Fundus“ kleiner geworden und es fühlt sich gut an. Denn mir bleibt im Alltag mit Deinem Bruder nur selten Zeit, mir all das anzusehen und die Erinnerungen daran aufzufrischen. Und vielleicht muss ich das auch nicht. Erinnerungen verblassen irgendwann leider und schaffen Platz für Neues. Bevor Dein Bruder auf die Welt kam, wollte ich genau das vermeiden. Ich wollte mich an so viel, wie nur möglich, mit Dir erinnern können – denn wir können keine gemeinsamen neuen Erinnerungen schaffen. Doch in den letzten vier Jahren hat sich das alles verändert und es ist okay. Ich bin zutiefst dankbar für die vielen Fotos und Videos, die vor allem Dein Papa gemacht hat – ohne all das würden viele Momente in Vergessenheit geraten. Es macht mich immer traurig und glücklich zugleich – dann so sehr Dein Tod schmerzt, so sehr bin ich von Dankbarkeit erfüllt, das blühende Leben um mich haben und begleiten zu dürfen.
Mein Kind. Immer, wenn ich irgendwo Elvis höre, weiß ich, dass Du da bist. Und immer füllen sich dabei meine Augen mit Tränen, denn ich sehe Dich sofort vor mir. Mit Deiner kleinen blauen Gitarre. Deinem zarten, nachwachsenden Haar auf dem Kopf. Der Magensonde in der Nase, die von einem Herzpflaster gehalten wird. Wie Du da vorm Tablet stehst und Dir ganz genau anschaust, wie Elvis sich bewegt und es versuchst nachzuahmen. In einem winzigen Augenblick spielen sich Szenen vor meinem inneren Auge ab und der bittere Beigeschmack setzt ein – was Du in Deinem kurzen Leben alles ausgehalten hast. Und manchmal holt mich die Schuldfrage ein – ob ich diesen Krebs verursacht habe, ob ich Dir ein lebenswertes Leben trotz aller Strapazen ermöglicht habe.
Ja, wenn ich über Dich spreche, ist es nicht immer leicht. Für mich. Für andere. Da war ganz viel Leben, ganz viel Freude und so eine große Liebe für Dich. Die ist immer noch da. Und gleichzeitig reiht sich eben auch ganz viel Tiefe, ganz viel Schwere mit hinzu – denn ein Zuckerschlecken war Dein Krebs und alles drumherum nicht. Auch wenn es vergangen ist, vorbei und ich im Hier und Jetzt bin – manchmal holt es mich doch ein und ich denke ein wenig darüber nach, wie krass dieses Leben mit Dir war. Krass viel und krass schön. Genug für zwei Leben.
Heute wärst Du also elf Jahre alt geworden. Irre. Kaum zu glauben. Aber weißt Du was? Ich hole mal wieder diese Aufbackbrötchen und diese orangene Wurst, die Du so gerne gegessen hast. Ach und dann war da doch dieser Pudding mit den kleinen Butterkeksen, der immer gut ging. Was hast Du noch gerne getrunken? Stimmt, Bananensaft. Heute werden wir das alles mal wieder verzehren. Dein Bruder wird das auch probieren. Setzt Du Dich mit dazu? Wir hören Elvis. Zünden Kerzen an. Den Tisch wird eine lilane und eine orangene Blume schmücken. Das wird schön. Traurig-schön.
Danke, dass Du mich vor elf Jahren zum ersten Mal zur Mutter gemacht hast. Was wäre mir da nur alles entgangen. Heut ist Dein Geburtstag. Ich kann Dir nichts mehr wünschen. Außer Frieden. Und das Gefühl, dass Du meine niemals endende Liebe für Dich weiter spüren kannst.
