Ich will den ganzen Tag nicht allein sein.
Ihr dürft das nicht entscheiden. Nur ich entscheide das den ganzen Tag.
Ihr sollt nicht so mit mir reden.
Ihr sollt nicht erzählen.
Ich will nicht, dass hier drei Leute im Raum sind.
Ich hasse diesen Tag.
…
Es mag Gespräche mit Kleinkindern geben, deren Inhalt sicher den meisten Eltern bekannt vorkommen. Da streben die kleinen Menschen nach Selbstwirksamkeit und Autonomie – und stoßen immer wieder an Grenzen. Denn da wo Menschen zusammen leben, gibt es individuelle Grenzen bei jedem Einzelnen und nicht zu vergessen, haben wir auch ja noch diese ganzen gewünschten Verhaltensweisen und Regeln, die bitte berücksichtigt werden sollen. Damit ein friedliches Miteinander möglich wird.
Oft fließen Tränen bei den kleinen Menschen, wenn sie spüren, dass sie auf Widerstand stoßen, sich nicht gehört und gesehen fühlen – und irgendwo müssen die vielen Gefühle nun mal hin. Die Gefühle sollen gefühlt und abfließen dürfen. Dafür brauchen sie ein verständnisvolles Umfeld, in dem sie sich sicher fühlen und wissen: Hier kann ich so sein, wie ich bin – mit allen Gefühlen. Fakt ist: In unserer Gesellschaft ist der Bezug zu den eigenen Gefühlen über Generationen abhanden gekommen. Es war nicht gewollt, nicht gewünscht. Zusammenreißen, runterschlucken und verdrängen war an der Tagesordnung – und das ist nicht mal überspitzt gesagt. Es wundert mich von daher nicht, dass viele Menschen heutzutage noch große Probleme damit haben, wenn da ein kleiner oder großer Mensch mit vielen Gefühlen vor ihnen steht und sie keine Ahnung haben, wie sie damit umgehen sollen. Dann fallen Worte, die man einst selbst hören musste, denn die Unfähigkeit im Umgang mit starken Gefühlen erfuhr man selbst und wurde tief abgespeichert.
Du brauchst nicht traurig sein. Sei doch nicht so wütend. Reiß dich mal zusammen. Hör auf zu weinen. Stell dich nicht so an.
Heute weiß man es immer besser. Die jetzige junge Elterngeneration entwickelt ein anderes Bewusstsein für das Leben mit Kindern. Besonders jene, die ihre Kinder im Ganzen verstehen wollen und ihnen gleiche Rechte eingestehen, wie sie eben auch Erwachsene haben und damit den Adultismus entlarven. Jene, die Kreisläufe durchbrechen wollen, denn sie haben hinterfragt und sehen keinen Sinn mehr in vielen alteinhergebrachten Regeln und Ansichtsweisen über das Leben mit Kindern. Die, die begleiten statt erziehen. Das klingt in der Theorie so schön und einfach – ist es aber nicht. Denn diese Eltern spüren diese Dynamiken in sich. Diese inneren Kämpfe zwischen Alt und Neu. Zwischen dem, wie man selbst aufwuchs und dem, was das Herz möchte. Es fordert viel, allem voran Mut und Kraft, Geduld und Nachsicht. Da lernen diese zugewandten Eltern ihre eigene breite Gefühlspalette durch ihre Kinder noch einmal so richtig kennen und zu spüren.
…
Mein Herzenskind schmettert uns derzeit mit einer Vehemenz Worte und Sätze entgegen, die für einige Menschen schnell den Eindruck entstehen lassen, als würde dieser kleine Mensch uns auf der Nase herumtanzen. So respektlos mit seinen Eltern zu reden ist unerhört! Geht gar nicht. Konsequent durchgreifen und sich das bloß nicht gefallen lassen, ist eine der abgespeicherten Reaktionen auf solch ein Verhalten. Und natürlich schwappen diese Impulse auch bei uns an die Oberfläche! Immerhin haben wir diese Limitierungen in Bezug auf unsere Gefühle und unsere Verhaltensweisen selbst erfahren und tief abgespeichert. Mein Herzmensch und ich unterscheiden uns in unserer Geduldspanne und auch an manchen Punkten im Umgang mit solch herausfordernden Verhalten. Ich versuche stets, bei allen aufkommenden Gefühlen, immer das Bedürfnis und die Not hinter dem Verhalten meines Kindes zu sehen. Sein Verhalten trifft unsere Wunden, es verletzt etwas, das sehr tief liegt – aber der Schmerz ist dann plötzlich wieder gegenwärtig. Das zu trennen, tatsächlich ruhig und besonnen zu bleiben, sich später um seinen Schmerz zu kümmern, um erstmal dem Kind aus seiner Not zu helfen, erfordert alles von einem. Wie oft reagiert man dann aus dem Affekt und es schließt sich ein Kreislauf aus weiterer Verletzung und Schmerz für alle Beteiligten an, den man meistens hinterher bereut.
Hätte ich nicht vor einem dreiviertel Jahr damit begonnen, mich mit Neurodiversität und im Speziellen mit PDA-Autismus zu beschäftigen, wäre unsere kleine Familie an manchen Tagen vermutlich völlig zerbrochen. Zu sehen und zu verstehen, was in unserem Herzenskind los ist und warum er sich wie verhält, ist so essentiell für den Umgang mit ihm. Allein die Bedeutung von Bildschirmmedien für unseren Alltag zu begreifen und dabei das schlechte Gewissen auszuschalten, hat in mir mehr Frieden bewirkt. Hinter jedem Ausbruch von heftiger Wut und Tränen sehe ich die Not meines Kindes und halte den Raum, damit alles fließen darf. Reguliere nicht nur mein Kind – sondern auch uns Eltern, denn auch mein Herzmensch hat, bedingt durch Autismus, so seine Herausforderungen im Umgang mit unserem Kindchen. Für viele ist das kaum zu verstehen, wie unser Alltag so verläuft und stets begegnen mir Worte und Gedanken, die ich selbst kenne, die gut gemeint sind – und letztlich zeigen, wie sehr Glaubenssätze in allen verankert sind:
Es geht eben nicht immer nach seinem Willen.
Er muss das eben irgendwann lernen.
Da muss er halt mal durch.
…
Natürlich, das sind Fakten. Das ist das Leben. Das sind die Worte, Sätze und Redewendungen, die auch in meinem Kopf immer wieder herumschwirren – denn ich bin damit aufgewachsen. Genau wie mein Herzmensch. Wie wir alle. Das Leben ist kein Ponyhof und Wir sind hier nicht bei „Wünsch Dir was“. Na klar! Das wissen wir. Durften es ja auch selbst so erleben. Und während mein Kindchen vor der Dusche steht, bitterlich weinend darum fleht, ich soll aus der Dusche kommen, weil er sich so alleine fühlt – obwohl ich ihm zuvor alles so eingerichtet habe, um mit mir im Bad zu verweilen, während ich dusche. Während ich also erkläre, dass ich voller Schaum gerade nicht aus der Dusche komme und weiß, dass ich so den Gefühlssturm nur aufschiebe – ja, da gehen mir diese Sätze parallel durch den Kopf. Und sie erzeugen Druck! Ich weiß, dass mein Kind da nun durch muss. Dass sein Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit in der Form, wie er es sich wünscht, gerade nicht erfüllt werden kann. Ich sehe seine Not, seine Angst und die Augen voller Tränen – und es bricht mir das Herz, dass es sich so für ihn anfühlt. Denn nein: Er tanzt mir nicht auf der Nase herum! Er will keine Spielchen spielen. Es geht hier nicht um Macht oder Kämpfe. Hätte ich diese Einstellung abgespeichert, würde sie eine ganz andere Haltung meinem Kind gegenüber produzieren. Natürlich stehe ich nass und eingeschäumt in der Dusche, spüre wie die Wut in mir aufkommt, die Ungeduld, weil er meine Erklärung nicht versteht. Mir wird kalt und ich möchte diese Situation für uns beide schnell lösen – denn ich weiß, wieviel Kraft ihn dieser Gefühlssturm kostet. Also muss ich leider irgendwie konsequent sein. Doch das ist eine von vielen Situationen im Alltag, in der – bei aller Liebe – mein Bedürfnis vor dem meines Kindes steht und er warten muss.

Doch es kostet ihn einiges.
Es kostet uns einiges. Allem voran Kraft. Denn diese ganzen Gefühle bei ihm und bei mir wollen wieder reguliert werden. Wir finden schnell wieder zusammen. Ich halte ihn, schenke ihm Verständnis und Nähe. Wir tanken uns mit Liebe und Verbundenheit auf.
Ich spüre und sehe, welchen Einfluss bereits der Alltag bei uns daheim auf unser Herzenskind hat. Wie oft er kooperiert und wieviel ihn das kostet. Wie oft er von seinen Gefühlen überrollt wird, wenn er an Grenzen stößt und er nicht mitgestalten kann. Er wird in seinem Leben noch oft auf Grenzen stoßen. Wird Zurückweisung erfahren; wird sich anpassen müssen, um einer Gruppe zugehörig zu sein. Ja, er wird sowas lernen müssen. Ja, er wird verstehen müssen, dass sein Wille und seine Wünsche nicht immer auf Anklang stoßen und er nicht alles bekommt, was er möchte. Doch vielleicht braucht er gerade genau deswegen einen Ort, bei dem ihm das möglich wird. Ein Ort, ein sicherer Hafen, an den er immer zurückkehren kann, in dem Vertrauen, dass seine Stimme zählt, dass er gehört und gehalten wird – wenn die Welt da draußen es mal nicht so gut mit ihm meint. Ich muss ihn nicht abhärten, das macht das Leben schon von ganz allein. Ich möchte ihm das ermöglichen, dass sich jeder Mensch wünscht: Selbstwirksamkeit. Verbundenheit. Zugehörigkeit. Bedingungslose Liebe. Rückhalt. Egal, wie er sich fühlt, was er macht, welche Widrigkeiten ihm bevorstehen. Und vielleicht kann ich unserem Kindchen das zur Zeit so noch am besten ermöglichen, während der Druck und Anspruch von außen immer größer werden, aber für uns durch den kitafreien Alltag noch nicht ganz so nah erscheinen.
Ich packe mein Kind nicht in Watte. Ich lass mir nicht auf der Nase herumtanzen oder mich herumkommandieren. Ich lasse meinem Kind nicht alles durchgehen.
Ich sehe mein Kind. Mit seinen Möglichkeiten und Grenzen. Werde stets überrascht von den Veränderungen. Ich traue ihm vieles zu, während ich ihn und auch uns gleichzeitig ein Stück beschütze. Denn nicht immer muss man durch alles durch. Nicht immer muss es das kalte Wasser, in das wir hineinschupst werden. Bei aller Liebe für dieses Leben – es darf leicht sein und nicht nur hart. Und wenn es eben nur daheim ist.
