Wie war das wohl? – An meine Großeltern

Wie war das wohl damals, in der Zeit des Krieges und danach? Als ihr noch ganz klein wart. Flüchten musstet. Als ihr eure Heimat zurückgelassen habt und ins Unbekannte gegangen seid.

Wie war das wohl damals, mit so vielen Geschwistern und so wenig Essen? Als ihr euch zu zweit ein Bett geteilt und zu viert in einem Zimmer geschlafen habt. Als die Großen die Kleinen mit versorgen mussten. Als ihr lernen musstet, mit sehr wenig auszukommen.

Wie war das wohl damals, als Schläge mit dem Gürtel oder Schlagstock noch Gang und Gäbe waren? Als der eigene Bruder oder der nette Onkel zu nah waren und ihr nicht wusstet, was ihr tun sollt.

Wie war das wohl, irgendwann selbst eine Familie zu gründen in Zeiten der innerdeutschen Teilung? Als wieder die Periode ausblieb und da schon fünf hungrige Mäuler saßen. Als ihr wusstet, dass ihr nicht noch ein weiteres Kind versorgt bekommt.

Wie war das wohl damals, als Alkohol die Lösung für alles war und es dazugehörte, über die Strenge zu schlagen? Als die klassische Rollenverteilung mit den starken Trieben kollidierte und Untreue an der Tagesordnung war.

Wie war das wohl irgendwann, als ihr gemerkt habt, dass die eigenen Kinder nicht mehr hörten und ihren eigenen Weg gingen? Als sie zeigten, dass sie mit euren Werten nicht mehr konform waren und rebellierten.

Wie war das wohl für euch, zu wissen, dass ihr viele Enkelkinder habt und sie nicht alle sehen könnt? Als der Kontakt zu eigenen Kindern abbrach und der Kreis der Familie kleiner wurde.

Wie war das wohl, zu spüren, dass die Kräfte immer mehr nachlassen und die Körper ihren Tribut für jahrelang Buckelei und schlechte Lebensgewohnheiten fordern? Als man seinen Ehepartner leiden sah, während man selbst genauso litt.

Wie war das wohl, den Partner beim Sterben zu begleiten und zu wissen, dass das eigene Leben vielleicht auch nicht mehr so lang währt?

Wie ist das wohl jetzt, da wo ihr seid und hoffentlich friedlich ruhen könnt? Schaut ihr manchmal zu uns, seid stolz und lächelt, wenn ihr uns seht?

Wie ist das wohl jetzt, allein, ohne den Partner, nur noch wenige der eigenen Kinder kommen zu Besuch? Denkst Du manchmal an alle Deine Kinder oder hast Du sie tatsächlich aus Deinem Gedächtnis verstoßen, wie auch in der Realität? Bereust Du manches von dem, was Du Deiner Familie angetan hast? Aus Deinem eigenen Schmerz heraus, weil Deine Vergangenheit schlimm war. Wie muss das sein, so viele Kinder geboren zu haben und nur ein kleiner Teil steht noch zu Dir? Gibst Du ihnen die Schuld dafür oder kannst Du jetzt, auf Deine letzten Tage, noch demütig bereuen? Oma, ich denke an Dich und wünsche Dir, dass Du all diesen Schmerz und Hass loslassen kannst, Dein Herz weich werden und all das Schlechte und Böse gehen darf. Ich sehe Dich noch da sitzen, wie Du plötzlich beginnst zu weinen – und ich das erste Mal spüren durfte, dass Du weich werden kannst, denn ich kannte Dich nur hart und unterkühlt. Das ist alles da, tief vergraben. Lass es zu. Bereue, entschuldige Dich, verzeihe. Für den Frieden in Deinem Familiensystem.

Ich durfte alle meine Großeltern kennenlernen. Nicht an jeden von ihnen habe ich gute Erinnerungen. Überall herrschte ein rauer Umgangston, Alkohol und Zigaretten gehörten dazu – und ich mochte nichts davon. Ich hatte keine Großeltern, die mit mir spielten oder mir die Welt erklärten. Ich hatte Großeltern, die viel Groll, Hass und Leid in sich trugen und damit kaum Platz war für wahrhaftige und liebevolle Begegnung. Alle trugen ihre Wunden mit sich herum und betäubten sie. Ich liebte es, wenn sie lachten, wenn sie mit Freude über etwas erzählten, so selten es auch war. Doch überwiegend habe ich schwere Erinnerungen an sie. Eine Oma mochte ich gerne, denn sie hatte auch etwas sehr herzliches bei all den Stimmungsschwankungen. Sie hatte einen ganz besonderen Humor und ich liebte ihr Lachen – das sehe ich heute noch vor mir, sechs Jahre nach ihrem Tod.

Da ist ganz viel Ambivalenz, wenn ich an meine Großeltern denke. Einerseits das Verständnis und die Würdigung dessen, was sie in ihrem Leben erlebt und ausgehalten haben. Wie sie es schafften, so viele Kinder zu versorgen. Und andererseits ist da ganz viel Traurigkeit, dass sie aus ihrem Schmerz durch eigene Erfahrungen heraus, auch ihren Kindern Leid zufügten und sich dies oft noch über die nächste Generation fortgesetzt hat. Sie taten ihr Bestes, das weiß ich. Und ich bin dankbar und ehrfürchtig, ein Teil dieser Familiensysteme zu sein. Ich jedoch durchbreche Kreisläufe, die nicht mehr dienlich sind. Ich will, dass diese seelischen Schäden ein Ende haben. Denn ich blicke auf meine Familien, die so wahnsinnig groß sind, wo jeder einige Päckchen zu tragen hat und viele von ihnen nur kompensieren, statt wirklich den Weg der Heilung anzutreten. Ich wünsche mir Frieden, für alle, die Schmerz erfuhren. Ich wünsche mir, dass alle mehr in der Liebe ankommen können. Aber ich kann nur bei mir beginnen. Damit meine eigene kleine Familie diesen Schmerz nicht mehr weiterträgt.

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