
Es gibt ja dieses schöne indianische Sprichwort: „Beurteile nie einen Menschen, bevor Du nicht mindestens einen halben Mond lang seine Mokkasins getragen hast.“ Ein wunderschönes Bild, um an die Empathie und das Verständnis füreinander zu appellieren.
Früher habe ich dieses Sprichwort wörtlich genommen und mir vorgestellt, wie ich denn mit meinen großen Füßen in die kleinen Schuhe meiner Mitmenschen passen soll. Und wie das mit vielen Sprichwörtern und Metaphern so war: Irgendwann hab dann den tieferen Sinn dahinter verstanden. Aber in meiner Kindheit und Jugend hat’s eben etwas gedauert.
Meine Füße sind, wie vieles an mir, ziemlich schnell ziemlich groß gewachsen. Zumindest im Vergleich zu meinen weiblichen Altersgenossen. Irgendwann überholte ich meinen Vater und während das viele sehr erstaunlich und amüsant fanden, war es für mich vor allem eines: Anstrengend. Denn ich bin in einer Zeit groß geworden, in der die Schuhgrößen für Frauen bei 41 aufhörten und es noch keine Online-Shops für große Frauen gab. Die Geschäfte gab es zwar, waren aber für mich schwer erreichbar und hätten mehr als einen Tagesausflug erfordert. Ich griff in meiner Jugend also vermehrt auf Turnschuhe zurück, die an meinen langen, dünnen Beinen aber noch größer aussahen, weshalb ich mich mit Schlaghosen am wohlsten fühlte. Waren die Hosen zu kurz, kamen die Hosen eine Zeit lang zur Änderungsschneiderei, um aus zwei Hosen eine zu zaubern oder es wurde so gestückelt, dass es „wie gewollt“ aussah. Oberteile in Größe L passten entweder in der Länge oder im Umfang – selten beides gemeinsam. Ärmel waren immer zu kurz.
Ich war lang. Gut, das bin ich immer noch. Aber während sich heute alle jungen Mädchen über Modelgröße freuen, habe ich sie damals regelmäßig verflucht. Das Kleidungsthema verbrauchte unfassbar viel Energie im Kopf. Und natürlich auch Ressourcen im Geldbeutel.
Entsprechend froh war ich, wenn ich Geschäfte fand, die Kleidungsstücke in meiner Größe hatten, die so gut passten, dass ich mich sogar richtig wohl darin fühlte. Dann hätte ich mir am liebsten gleich zwei oder drei Teile davon gekauft, was aufgrund der hohen Preise aber nicht möglich war.
So war es auch mit den Sandalen auf dem Foto. Ich schätze, ich war knapp 14 Jahre alt und wir kauften diese – für unsere damaligen Verhältnisse – teuren Schuhe. Schuhgröße 45. Sie versprachen Qualität und Langlebigkeit. Und heute kann ich sagen: Das Versprechen wurde mehr als gehalten. Denn nach zwanzig Jahren sind sie tatsächlich immer noch in meinem Besitz. Mittlerweile mit reichlich Gebrauchsspuren und glatt gelaufenen Schuhsohlen, die außerdem schon eingerissen sind. Vor drei Jahren wollte ich mir bereits neue Sandalen kaufen und habe es bis jetzt noch nicht geschafft.
Denn komischerweise fällt es mir schwer, mich von ihnen zu trennen. Ob es die Gewohnheit ist, das bekannte Gefühl an den Füßen? Denn es fordert mich immer ein Stückchen heraus, mich an ganz neue Schuhe zu gewöhnen, die erstmal „eingetragen“ werden müssen. Oder ist es auch der emotionale Wert?
Diese Schuhe sind sooooo lange mit mir gelaufen. Wenn sie erzählen könnten, wären das unwahrscheinlich viele, spannende Geschichten. Angefangen in meiner Jugend, als dieses schöne blaue, einem Himmel ähnelnde Muster mit violetten und schwarzen Farbtupfern bespritzt wurde, denn ich strich mein Jugendzimmer in meiner Gothic-Phase in diesen beiden Farben. An einigen Stellen sind noch winzige Farbkleckse zu sehen. Sie begleiteten mich durch meine Schulabschlüsse bis hin zu meiner Ausbildung in der Krankenpflege, wo ich sie auf manchen Stationen trug, dann aber irgendwann auf geschlossene Schuhe im Stationsalltag umstieg. Doch sie sollten mich schließlich weiterhin in Krankenhäusern begleiten, denn sie waren fester Bestandteil der Klinikzeit meines ersten Sohnes. Wie oft habe ich sie mit Desinfektionsmitteln gereinigt, auch später, als ich noch einmal in der häuslichen Beatmungspflege arbeitete. Sie gaben mir Sicherheit, einen festen Stand und Halt. In Zeiten, die mich so manches Mal „aus den Latschen kippen“ ließen.
Wenn man mit ihnen eine Zeitreise machen könnte, sobald man sie anzieht, würde ich jedem einige Bedenkzeit einräumen, falls er oder sie mal in meinen Schuhen laufen möchte. Man würde viele Phasen in meinem Leben sehen, in denen ich glaubte, ich könnte keinen Schritt weitergehen. Zeiten, in denen ich den Weg vor mir nicht mehr sehen konnte, weil so viel über mir hereinbrach. Und dann auch jene Momente, in denen ich leichtfüßig durch die Welt tänzelte, weil ich den Aufschwung spüren konnte. So viel Leben steckt in diesen Schuhen. So viele Erinnerungen. Und wenn jemand sie tragen und all das sehen würde, könnte man wohl verstehen, warum ich heute so bin, wie ich bin. Doch vieles vom Ballast durfte ich bereits in Frieden gehen lassen. Innerlich und äußerlich loslassen. So sehr, dass ich nun bereit bin, diese Schuhe wirklich auch gehen zu lassen. Aber dieses Mal ganz ohne mich.
Es darf etwas Neues her. Das neue Paar Schuhe. Das erstmal etwas drückt, weil es noch nicht ganz zu meinen Füßen passt. Aber ich werde wieder etwas mehr dafür bezahlen, damit auch diese Schuhe wieder treue, langjährige Begleiter werden, die irgendwann ebenso schöne Geschichte erzählen dürfen.
