
Ein Datum. Ganz viel Gedenken.
Ich schaue Fotos an. Bastele einige davon zu einer Collage zusammen. Erinnere noch einmal alle Kontakte daran: Heute ist der Tag.
Heute denken wir an die kleinen Helden, die eine andere Kindheit erleben. Die eine Normalität erfahren, die keine sein sollte. Zwischen Infusionen, Operationen, Erbrechen, Haarausfall. Schmerzen. Kraftlosigkeit. Dabei stets das Wunder: Wie belastbar, wie strapazierfähig die kleinen Körper sind. Was sie aushalten können. Müssen. Trotzdem: Lebensfreude, Spielen, Momente der Leichtigkeit.
Aushalten.
Auch alle um sie herum. Familien, Angehörige unter Dauerspannung. Mit der Angst und endlosen Sorge im Gepäck. Kliniken, die ein zweites Zuhause werden. Privatsphäre zwischen Desinfektion und Verbandwechsel.
Überlebt das Kind, ist es nicht vorbei. Lange nicht. Es prägt tief. Nachhaltig. Sorgen bleiben, werden anders. Stets das Bewusstsein: Das Leben ist fragil.
Stirbt das Kind, prägt es ähnlich. Keine Sorgen mehr um dieses Kind. Aber ganz viel Bewusstsein: Der Frieden kann schnell durchbrochen werden. Selbstverständliches wird heilig. Das Leben ist fragil.
Zwölf Jahre bald her. Als die Diagnose meines Kindes alles auf den Kopf stellte. Alles erschütterte. Nicht zu wissen, ob die Therapie greifen würde. Ob dieser kleine Mensch neben mir eine Chance auf Leben hätte. Es war das nackte Überleben, der unermüdliche Kampf gegen aggressive Zellen, die sich wie eine Lawine in diesem kleinen Körper aufgebreitet hatten.
Nichts war mehr wichtig. Hauptsache er überlebt das.
Ich war da. Rund um die Uhr. Sehe ich heute die Fotos der damaligen Normalität, frage ich mich: Wie habe ich das ausgehalten, ohne komplett zu zerbrechen? Jeder kleinste Meilenstein trieb mich an. Jeder Befund, der Besserung versprach, ließ Hoffnung aufkeimen. Es sah so gut aus.
Der Tumor ist wieder zurück.
Niemals werde ich diese Worte vergessen. Die Situation. Das Todesurteil ausgesprochen. Innerlich im freien Fall versuchte ich Halt zu finden. Sah meinem Kind beim Spielen zu und konnte nicht glauben, dass er nicht mehr da sein sollte. Wir füllten die letzten Wochen mit Leben, Liebe, Erinnerungen – in Angesicht des baldigen Todes. Nach all den Strapazen, all dem Aushalten wurde er von seinen Schmerzen erlöst – während ich den größten Schmerz meines Lebens erfuhr.
Heute stehe ich in der Früh am Fenster. Der Tag erwacht. Nach grauen Wintertagen erhellt die Sonne den beginnenden Tag. Orangefarbenes Licht scheint in das Zimmer.
Ach mein Kind, das war ein Ritt damals. Ich bin so froh, dass Du nicht mehr leiden musst. Denn für mich war es schlimmer, Dir bei diesem Aushalten zuzusehen. Lieber hätte ich es getragen. Und irgendwie mache ich das noch, auf eine andere Weise.
Wenn ich heute auf mein Leben blicke. Mit den Herausforderungen. Mit der Erschöpfung. Mit allem. Dann ist es nicht vergleichbar mit dieser Erfahrung, die ich damals machte. Es ist intensiv, auf eine andere Weise. Doch sobald ich die Fotos aus der Therapiezeit betrachte, fühlt sich das Jetzt um einiges leichter an.

2 Antworten zu “Kinderkrebstag”
Krebs ist auch im Alter schrecklich. Meine Mutter ist daran gestorben, elend verfault zuletzt. Man konnte es riechen, trotz mehrerer Verbandswechsel täglich! Lange her! Unvergessen!!!
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Ich sitze hier und ringe um Worte. Ich beginne zu schreiben, doch dann verwerfe ich die Worte wieder. Es lässt sich nicht in Worte fassen, was ein Händedruck übermitteln könnte. – Ich habe gerade die Bilder des Nachbarkindes, Carolin, herausgesucht, die 2013, Monate später, an Leukämie starb. Ich werde die Tage ihr Grab mal wieder besuchen. Dann denke ich an euch.
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