Welches Wort oder welche Redewendung geht dir total auf die Nerven?
Ha. Wo fange ich nur an?
Von „Stell Dich nicht so an“ bis hin zu „Da müssen alle durch“. Es gibt viele Redewendungen, die beinahe automatisiert aus den Menschen herauskommen. Sie kommen mir manchmal vor wie ungeheilte Wunden, die über Generationen weiter getragen wurden. Und da soll nochmal einer sagen: „Zeit heilt alle Wunden.“
Ernsthaft. Die meisten dieser Redewendungen sind vor allem eines: Abkürzungen. Eine Situation, in der sich große Gefühle, Zweifel und Hilflosigkeit offenbaren, wird damit unweigerlich im Keim erstickt und so schnell wie möglich beendet. Weil: Hält ja keiner aus, das Drama. Die Telenovelas können schließlich auch einfach abgeschalten werden, wenn es einen zu sehr mitnimmt. Da hat Mensch wenigstens die nötige innere Distanz, wenn menschliche Katastrophen und Abgründe mit schauspielerischem Semi-Talent auf die flackernde Bildröhre projiziert werden (ich weiß, technisch nicht ganz so up to Date).
Aber. Im wahren Leben. Offline. Mit richtigen Menschen im Raum. Energien. Sinneseindrücken. Da sieht’s halt anders aus. Da schwingt man richtig mit, wenn jemand in tiefer Trauer, in großer Verzweiflung oder packender Furcht vor einem steht und sich in einem selbst ordentlich was bewegt. Weil wir mit echten Menschen mehr in Resonanz gehen. Und dann wird’s schon mal ungemütlich in einem drin. Da piekst es und grummelt. Da wird die Luft eng. Das Herz beginnt vielleicht zu stolpern. Die eigenen Gefühle klopfen überall an und setzen Leben in der körperlichen Hülle frei. Und wie das leider bei einer Vielzahl von Menschen so ist: Findet man nicht angenehm. Will man nicht. Weg damit. Unter den Teppich. Verdrängen. Her mit der Kontrolle. Das fühlt sich sicherer an.
Und um die Kontrolle zu wahren, werden Worte gesprochen, die den anderen dazu einladen sollen, bitte das ganze Drama jetzt mal ebenfalls unter den Teppich zu kehren. Ganz nach dem Motto: „Schlimmer geht immer.“ Oder: „Ist doch nicht so schlimm.“
Was vermeintlich hilfreich und „gut gemeint“ sein soll, ist letztlich nur eines: Eine Abkürzung. Für den, der das ganze Drama des Lebens nicht aushalten und fühlen kann. Und für den, der da mit seiner Trauer, seiner Angst oder seiner Verzweiflung steht, fühlt es sich an, wie überholt zu werden.
Wie ist es oft, wenn man auf der Landstraße von einem Raser überholt wird? Er steht oft direkt an der nächsten Ampel vor einem – oder aber, er darf sogar länger auf der Abbiegespur warten. Abkürzung und schneller ist nicht immer besser.
Also ja. Manche Redewendungen.
Helfen nicht. Niemandem.
Kann weg.

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