Ich schaue Fotos durch. Von damals. Als du noch da warst – doch irgendwie schon zwischen den Welten verweiltest. Denn ich sah, wie sich das Leben aus deinem Körper verabschiedete und es sich in den letzten Tagen deines Lebens nicht mehr wie Leben anfühlte.
Ich erinnere mich an deine zarte Stimme, die zwischendurch noch einmal erklang, wenn du nach mir gerufen hattest. Meistens dann, wenn ich für einen kurzen Moment den Raum verlassen musste. Du wolltest nicht alleine sein auf diesem Weg, dessen Ende bereits in Sicht war. Deine letzten Kräfte reichten noch dafür, mit deinen kleinen Fingern in meinen Haaren zu spielen. Mein feines Haar gab dir Halt – es war doch für etwas gut.

Ich sehe diese letzten Bilder von uns beiden. Du lagst daheim in der Mitte des großen Bettes, eingehüllt in Kissen und Decken, umrandet von deinen Lieblingsplüschtieren. Zu deiner rechten Seite lag ich. Quetschte mich irgendwie auf die freien Zentimeter der Matratze. Dein Vater schoss das Foto von der Tür aus. In den letzten Tagen wolltest du keine direkten Fotos und Videos mehr von dir – wir machten es verdeckt oder wenn du schliefst. Irgendwie wollten wir doch Erinnerungen festhalten – jeden klitzekleinen Moment aus deinem viel zu kurzen Leben.
Elf Jahre später packt es mich weiterhin. Die Fassungslosigkeit darüber, dass du wirklich gestorben bist. Dass dir dieser Krebs das Leben nahm. Und auf eine gewisse Weise bin ich wütend auf mich, wenn ich sehe, wie ich mit meinem Rätselheft neben dir lag. Ich klammerte mich an Zahlen, um in irgendetwas Halt zu finden – denn vermutlich hätte ich sonst Tag und Nacht um dich geweint. Es war eine Momentaufnahme von vielen Augenblicken, in denen ich im Grunde nichts von dir verpassen und gleichzeitig nicht komplett den Verstand verlieren wollte. Ein Teil in mir wäre am liebsten mitgegangen. Mitgestorben. „Warum sollte ich noch weiter am Leben bleiben“, fragte ich mich damals. Als du stiller wurdest und alles um dich herum, erreichte auch mich diese Stille. Und sie machte Platz für die unausweichlichen Tatsachen, vor denen ich stand: Mit dem Ende deines Lebens endete auch meine Aufgabe. Dich zu pflegen, zu behüten. Dich zu begleiten und für dich einzustehen. Ach mein Kind, wie gerne ich deine Mutter war – und eigentlich bin ich es ja noch. Alles, was noch blieb, war die Liebe zu dir. Und die Erinnerungen.
Du weißt: Ich komme klar. Mit der Trauer um dich. Sie reißt mich nicht mehr in ihre Fluten. Mein Verstand grätscht mir manchmal rein, weil ich mich frage, wie sehr dein Tod im Jetzt noch in mir wirken darf. Ob es mich noch so aus der Fassung bringen darf. Es bringt mich zwar nicht mehr aus dem Gleichgewicht, doch spüre ich die Auswirkungen davon wie einen kleinen Stein im Schuh. Es ist dieses nie enden wollende Aber. Immer irgendwie trotzdem weiterleben.
Elf Jahre leben mit deinem Tod. Elf Jahre lang das Leben in mir wiederfinden, das sich anfangs kaum mehr lebenswert anfühlte – weil ich es so ungerecht fand, dass ausgerechnet du vorausgehen musstest. Warum nicht ich? Manchmal frage ich mich das heute noch. Mit manch unbeantworteten Fragen lebe ich weiter und übe mich in der Akzeptanz des Unbegreiflichen. Doch es gelingt mir ganz gut, denke ich. Neben dem nie enden wollenden Vermissen, mein liebes Kind. Du wirst immer fehlen.

2 Antworten zu “11 Jahre nach deinem Tod”
♥️ und ganz viel Liebe lese ich, Schmerz ist auch noch dabei, aber auch eine Menge Zuversicht.
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Ich habe 30 Jahre um mein Kind geweint, wenn ich nur daran dachte. Da hatte ich schon meine zwei anderen Kinder groß gezogen. Sie lassen sich nie ersetzen!!! Noch heute, nach über 60 Jahren ist eine gewisse Trauer immer in mir!
Grüße von Gerel.
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