09. Oktober 2026
Was du selbst nicht möchtest, füg auch keinem anderen zu.
Ich möchte, dass es meinen Mitmenschen gut geht. Dass sie gesund sind. Glücklich. Dementsprechend liegt mir fern, in irgendeiner Weise aktiv dazu beizutragen, dass dem nicht so ist. Was für mich bedeutet: Ich füge anderen wissentlich keinen Schaden zu. Was manchmal unbewusst und unbedacht passiert, liegt leider außerhalb meiner Verantwortung - denn nicht alles kann ich beeinflussen, was sich in anderen Menschen so abspielt oder unter Umständen angepiekst wird. Wenn das passiert, tut es mir dennoch unwahrscheinlich Leid und hoffe, dass der andere es für sich gut einordnen kann.
Schaden kann ich jemandem also auf unterschiedlichsten Wegen. Im Falle einer sicht- und spürbaren körperlichen Erkrankung fällt es mir leicht, den anderen zu schützen - und am Ende den Erkrankten auch. Denn ich bleibe dabei: Wenn man krank ist, erhält der Körper Ruhe und Raum, sich zu erholen und zu genesen. Alles andere schadet nur.
Herzenskind hat sich am vergangenen Wochenende eine Erkältung zugezogen, die ihn an den ersten beiden Tagen ziemlich ausgeknockt hat. Für diese Woche standen zwei Besuche und einige Termine an. Termine sagte ich ab oder vertagte. Einen Besuch verschob ich direkt, weil eine Freundin in anderen Umständen ist und ich nicht möchte, dass sie sich mit irgendetwas ansteckt - sei es noch so harmlos. Auf den anderen Besuch mit Übernachtung freuten wir uns auch schon sehr, weil es aufgrund der Entfernung nicht mal eben und oft möglich ist. Diesen schob ich zunächst etwas auf, in der Hoffnung, dass Herzenskind bis dahin so weit genesen wäre. Als nun gestern Abend mein Hals signalisierte, dass er ebenfalls gegen etwas arbeitet, war mir klar: Es ist nicht nur eine Erkältung, da steckt wohl doch ein kleiner Bacillus hinter. Ich konnte vergangene Nacht kaum schlafen - entweder wurde Herzenskind mit Husten wach, mein Halskratzen ließ mich aufwachen oder die Gedanken kreisten schon um die Entscheidung, die ich heute Morgen treffen müsste: Wir werden den Besuch gänzlich verschieben. Denn wenn ich etwas abbekommen habe, würde es dem Besuch ähnlich gehen.
Zunächst wollte ich dem Besuch die Entscheidung überlassen - denn nicht alle reagieren direkt auf eine kleine Erkältung. Ich ging aber von mir aus und dass ich es nett fände, wenn ich über noch so kleinste Erkältungssymptome im Vorfeld informiert werden würde - denn mein Immunsystem schreit meistens direkt "Hier!". Nicht nur Herzenskind findet krank sein richtig doof. Mir geht's genauso. Aber wer ist schon gerne krank, auch wenn es vermeintlich "nur" eine Erkältung ist. Sensorisch ist Kratzen im Hals und eine verstopfte Nase echt eine Herausforderung. In unserem Neurodiversitäts-Haushalt geht dann vieles nicht mehr, weil die Symptome viel Raum fordern. Dass ich also selbst nicht scharf auf einen verschnupften oder hustenden Besuch bin, bei dem ich mich anstecken könnte, ist sicher nachvollziehbar (erkläre das mal Eltern, die Kinder mit Schnupfen zum Spielen herschicken). Und weil ich irgendwann mal gelernt habe, "Was du selbst nicht für dich möchtest, füg auch keinem anderen zu", drehe ich den Spieß in diesem Fall sozusagen um. Ich möchte den Besuch nicht anstecken, ganz egal, ob er eine kleine Erkältung vielleicht besser verkraftet.
So sehr haben wir uns auf die Besuche gefreut und umso schwerer fiel nun eben auch die Entscheidung, alles zu verschieben. Doch wir können daran gerade nicht viel ändern, außer uns Raum zur Genesung zu geben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und so sind wir eben ein bisschen traurig und hoffnungsvoll zugleich. Die Zeit für Besuch wird wieder kommen.






