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Beiträge.

Ab Oktober 2026 erscheinen meine neuesten Beiträge offiziell auf dieser Seite. Eine kleine Auswahl aus August und September 2026 ist hier ebenfalls zu finden. Alle älteren Beiträge ab 2018 findest du im Archiv.

09. Oktober 2026

Was du selbst nicht möchtest, füg auch keinem anderen zu.

Ich möchte, dass es meinen Mitmenschen gut geht. Dass sie gesund sind. Glücklich. Dementsprechend liegt mir fern, in irgendeiner Weise aktiv dazu beizutragen, dass dem nicht so ist. Was für mich bedeutet: Ich füge anderen wissentlich keinen Schaden zu. Was manchmal unbewusst und unbedacht passiert, liegt leider außerhalb meiner Verantwortung - denn nicht alles kann ich beeinflussen, was sich in anderen Menschen so abspielt oder unter Umständen angepiekst wird. Wenn das passiert, tut es mir dennoch unwahrscheinlich Leid und hoffe, dass der andere es für sich gut einordnen kann.

Schaden kann ich jemandem also auf unterschiedlichsten Wegen. Im Falle einer sicht- und spürbaren körperlichen Erkrankung fällt es mir leicht, den anderen zu schützen - und am Ende den Erkrankten auch. Denn ich bleibe dabei: Wenn man krank ist, erhält der Körper Ruhe und Raum, sich zu erholen und zu genesen. Alles andere schadet nur.

Herzenskind hat sich am vergangenen Wochenende eine Erkältung zugezogen, die ihn an den ersten beiden Tagen ziemlich ausgeknockt hat. Für diese Woche standen zwei Besuche und einige Termine an. Termine sagte ich ab oder vertagte. Einen Besuch verschob ich direkt, weil eine Freundin in anderen Umständen ist und ich nicht möchte, dass sie sich mit irgendetwas ansteckt - sei es noch so harmlos. Auf den anderen Besuch mit Übernachtung freuten wir uns auch schon sehr, weil es aufgrund der Entfernung nicht mal eben und oft möglich ist. Diesen schob ich zunächst etwas auf, in der Hoffnung, dass Herzenskind bis dahin so weit genesen wäre. Als nun gestern Abend mein Hals signalisierte, dass er ebenfalls gegen etwas arbeitet, war mir klar: Es ist nicht nur eine Erkältung, da steckt wohl doch ein kleiner Bacillus hinter. Ich konnte vergangene Nacht kaum schlafen - entweder wurde Herzenskind mit Husten wach, mein Halskratzen ließ mich aufwachen oder die Gedanken kreisten schon um die Entscheidung, die ich heute Morgen treffen müsste: Wir werden den Besuch gänzlich verschieben. Denn wenn ich etwas abbekommen habe, würde es dem Besuch ähnlich gehen.

Zunächst wollte ich dem Besuch die Entscheidung überlassen - denn nicht alle reagieren direkt auf eine kleine Erkältung. Ich ging aber von mir aus und dass ich es nett fände, wenn ich über noch so kleinste Erkältungssymptome im Vorfeld informiert werden würde - denn mein Immunsystem schreit meistens direkt "Hier!". Nicht nur Herzenskind findet krank sein richtig doof. Mir geht's genauso. Aber wer ist schon gerne krank, auch wenn es vermeintlich "nur" eine Erkältung ist. Sensorisch ist Kratzen im Hals und eine verstopfte Nase echt eine Herausforderung. In unserem Neurodiversitäts-Haushalt geht dann vieles nicht mehr, weil die Symptome viel Raum fordern. Dass ich also selbst nicht scharf auf einen verschnupften oder hustenden Besuch bin, bei dem ich mich anstecken könnte, ist sicher nachvollziehbar (erkläre das mal Eltern, die Kinder mit Schnupfen zum Spielen herschicken). Und weil ich irgendwann mal gelernt habe, "Was du selbst nicht für dich möchtest, füg auch keinem anderen zu", drehe ich den Spieß in diesem Fall sozusagen um. Ich möchte den Besuch nicht anstecken, ganz egal, ob er eine kleine Erkältung vielleicht besser verkraftet.

So sehr haben wir uns auf die Besuche gefreut und umso schwerer fiel nun eben auch die Entscheidung, alles zu verschieben. Doch wir können daran gerade nicht viel ändern, außer uns Raum zur Genesung zu geben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und so sind wir eben ein bisschen traurig und hoffnungsvoll zugleich. Die Zeit für Besuch wird wieder kommen.


04. Oktober 2026

Über große und kleine Tyrannen

Manchmal hat es schon Sinn, dass einige Menschen aus der Vergangenheit dort geblieben sind.

Du bist ja ständig nur hinter Deinem Kind her und reagierst sofort. Die Worte einer damaligen Freundin gehen mir durch den Kopf. Rund elf Jahre ist die Situation her. Sie war auf der Durchreise mit dem Zug und machte für ein kurzes Treffen Halt in meiner damaligen Wahlheimat. Wir trafen uns am Bahnhof in einem […]

03. Oktober 2026

Ein Tag im Monat

An einem Tag im Monat weiß ich: Ich bin bald da. Im zyklischen Winter. Mein Körper weckt mich zwischen 04:30 und 05:00 mit einer Hitzewelle, die sich in Sekunden über meinen gesamten Körper ausbreitet. Guten Morgen, Hormone! Da ist mein Körper beständig und verlässlich.

Und an diesem einen Tag im Monat wehrt sich irgendetwas in mir, aufzustehen. Wo ich sonst ganz klar für mich bin und direkt nach dem Wecker aufstehe, um meine persönliche Morgenroutine zu beginnen - geht an diesem einen Tag irgendwie nix. Was auch sonst ziemlich klar ist für mich: Ich schaue morgens auf keinen Bildschirm. Handy wird nicht angerührt, ehe ich gefrühstückt habe und mich halbwegs sortiert fühle. An diesem Morgen? Da scrolle ich mich rund eine Stunde oder mehr durch allerlei Informationen, Bilder und unzählige Worte. Das Ende vom Lied? Mein Kopf ist schon vor dem eigentlichen Aufstehen dicht und vernebelt. Es fällt mir noch schwerer, mich aus dem Bett zu motivieren. Auf all die vielen Informationen folgen mindestens genau so viele Gedanken und Gefühle, die sich unter dem Deckmantel von PMS-Hormonen bleiernd schwer anfühlen: Ich stelle alles infrage. Wirklich alles. Das gesamte Leben. Alles, was ich bisher im Leben gemacht habe und wo ich mich aktuell befinde. Schwanke zwischen "passt schon so" und "Was soll das nur werden?". Scheinbar haben sich an diese vielen Hormone, die meinen Körper daran erinnern, die aufgebaute Schleimhaut meiner Gebärmutter abzustoßen, auch viele alte Glaubenssätze und Prägungen geklammert. Jeden Monat dasselbe. Jeden Monat die ganze Gedankengrütze aus Selbstzweifeln und Schwarzmalerei.

Ich weiß darum. Schaue seit langem, wie ich mich natürlich unterstützen kann, damit es nicht so dunkel im Köpfchen wird. Aber bei allem Machen und Tun hilft tatsächlich wieder mal Akzeptanz. Es gehört irgendwie für mich dazu. Nicht umsonst wird vom zyklischen Winter gesprochen. Die Dunkelheit gehört zu mir dazu, wie zu all den natürlichen Zyklen auch. Ich weiß, das geht wieder vorbei. Es sind nur wenige Tage, höchstens zwei Tage im Monat, an denen meine Gedanken in Katastrophenszenarien abtauchen. Dann geht's wieder.

Bereits gestern kündigte sich der Hormonwechsel bei mir an. Außerdem eine Anspannung, weil ich auf bestimmte Nachricht per Post wartete. Als diese dann tatsächlich eintraf, fiel die Anspannung zumindest schon mal ab. Freudige Nachricht für unsere kleine Familie erhielten wir also gestern und damit geht eine große Entlastung einher. Und Dankbarkeit - denn wir wurden gesehen. Gestern taten sich einige kleine und große hoffnungsvolle Visionen in Herzmensch und mir auf. Ein großer Teil in mir ermahnt sich stets zur Vernunft und nicht zu übertreiben. Doch insgesamt eröffnen sich Möglichkeiten und Handlungsspielräume, die vorher nicht da waren.

Und heute morgen? Heute ist dieser eine Tag. An dem ich blöderweise nicht konsequent und diszipliniert genug war. An dem mich meine hormonelle Lage zu einem inneren Mittelfinger gegenüber meiner eigenen, verlässlichen und als gut erwiesenen Routinen bewegte. Hab mich quasi selbst betrogen. Yay. Ich scrollte also von 05:00-06:30 Uhr durch Beiträge und Videos, laß unzählige Kommentare. O-Ton: "Die Welt geht vor die Hunde. Wohlstandverwahrlosung. Politik streicht ab kommenden Jahr die Verhinderungspflege. Der Gürtel wird immer enger geschnallt. Und nicht zu vergessen: Wir haben bald Krieg."

Was solche Informationen vor dem Aufstehen mit meinem Kopf machen? Nichts Gutes. Ich blicke auf die ganzen Herausforderungen meines täglichen Lebens und frage mich, welche Relevanz das eigentlich alles hat. Ich frage mich für einen Moment, wie wichtig all das "Hab und Gut" um mich herum noch sein würde, müsste ich vor Krieg flüchten. Die Bedeutung von vielem verändert sich im wechselnden Kontext. Wie begleite ich gut einen kleinen Menschen im Leben, der so sensibel auf alles reagiert, damit er genügend Resilienz und Selbstvertrauen entwickeln kann? Irgendwie kann ich nur jetzt entscheiden. Soll aber gleichzeitig schon in die Zukunft blicken - dabei kann niemand genau sagen, was morgen, nächste Woche oder im kommenden Jahr wirklich passiert. Unvorhergesehenes darf mit eingeplant werden.

Dieser eine Tag im Monat. Er erdet mich. Wirft tiefe Fragen auf. Eröffnet nochmal Schmerz und ein Bewusstsein, das im Alltag manchmal leiser wird. An diesem einen Tag ist alles laut. Ich muss hinhören. Und am Ende weiß ich wieder: Die anderen Tage werden nicht wie dieser eine Tag sein. Dann bleibe ich meinen Prinzipien wieder treu.


01. Oktober 2026

Über 80

Stand heute, 01.10.2026. Über 80 Bücher. Ob die Menschen sie selbst käuflich erworben oder aber von mir geschenkt bekommen haben - so viele meiner Bücher sind seit Januar 2025 unter die Menschen gegangen.

Das macht mich mächtig stolz.

Und dankbar.

Jeder einzelne Leser meiner Bücher hat sich auf eine Reise begeben. In meine Vergangenheit. In mein Erleben. Jeder Leser erhielt damit die versteckte Einladung, tief abzutauchen. Nicht nur in meine Gefühlswelt - sondern auch in ihre eigene. Denn meine Texte machen was. Bewegen. Auf eine andere Weise, als ein fiktionaler Roman oder eine Fantasy-Geschichte. Aus meinen Bücher liest sich eine Lebensgeschichte heraus, die auch die eigene sein könnte. Oder sogar ist. Zumindest so ähnlich.

Als ich im Januar 2025 meine Autobiographie auf die Menschen los ließ und erzählte "Ich habe ein Buch geschrieben", kamen schnell solch scherzhafte Übertreibungen, wie: "..wenn das erstmal der nächste Spiegel-Bestseller wird." Meistens kam sowas von jenen, die mein Buch nicht gelesen haben oder überhaupt lesen werden.

Und darum ging es mir auch nicht.

Natürlich freue ich mich, wenn Menschen meine Bücher kaufen. Aber nicht wegen dem finanziellen Aspekt (denn "reich" wird man als kleiner Autor nicht). Es ehrt mich, dass Menschen bereit sind, meine Texte zu lesen - so, wie im Blog. Als ich anfing so richtig zu schreiben, dachte ich nicht im Traum daran, so viele Menschen zu erreichen. Weil meine Themen speziell sind. Weil man das nicht mal eben ließt.

Und nun stehen mir vier Lesungen für den Herbst bevor.

Ich hab's einfach gewagt. Menschen angeschrieben und gefragt, ob wir gemeinsam einen Raum eröffnen könnten. Für meine Worte. Für Begegnung. Und für die Geschichten von Menschen, die vielleicht ähnliches erlebt haben oder gar mitten drin stecken in den Herausforderungen des Lebens. Denn es geht mir mit meinen Texten nicht nur darum, mich mitzuteilen. Ich wünsche mir, dass Menschen sich mit ihrem Erleben nicht mehr so alleine fühlen. Dass sie den Mut finden, sich mit allem zeigen zu dürfen, was ihnen innewohnt.

Wie schön diese Vorstellung ist, dass sich in den Lesern vielleicht schon was bewegt hat.


27. September 2026

Der frühe Vogel erschöpft am Nachmittag

"Mama, können wir mal wieder schwimmen fahren?"

Freitagabend begegnet mir Herzenskind mit dieser Frage, als wir zu Bett gehen. Wir haben uns schon länger vorgenommen, mal wieder schwimmen zu gehen und es bisher nicht umsetzen können. Ich freue mich, wenn Herzenskind selbst Vorschläge in diese Richtung macht und möchte seinen Antrieb und Enthusiasmus nutzen.

Also überlegte ich Freitagabend, wann und wie wir das angehen könnten. An diesem Abend war ich ziemlich erschöpft vom Tag, weil ein wichtiges Gespräch mit einer Gutachterin lief und das einiges an Vorbereitung und Nachregulation benötigte (vor allem auch in meinem Nervensystem). Eigentlich sagten meine Kräfte ganz klar: Pause! Aber ich möchte so eine Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, wenn Herzenskind in die Welt hinaus will. Sämtliche Tabs gingen also wieder auf. Ich überlegte: Welcher Tag wäre gut geeignet, wann ist nicht all zu viel los im Schwimmbad? Wann können wir das Auto nutzen? Hin und her. Vor und zurück. Ich entschied mich für den nächsten Morgen. Erklärte Herzenskind, dass wir wirklich ganz früh aufstehen müssten, wenn wir ein leeres Schwimmbad besuchen wollten. Denn bei den letzten Besuchen zeichnete sich ab, welche Tage und Uhrzeiten eine höhere Besucherdichte aufwiesen - was für uns bedeutete: Viele Menschen. Viel Lärm. Viel Bewegung. Viele Gerüche. Viele viele Reize. Da wir eine knappe halbe Stunde Fahrtzeit bis zum Schwimmbad haben und das ganze Umkleiden einiges an Energie erfordert, peile ich meistens einen Aufenthalt von zwei Stunden an, damit es sich "lohnt". Also ja: Es sind im Vorfeld einige Dinge zu durchdenken, bevor ich sagen kann "Wir fahren dahin".

Das Schwimmbad öffnet samstags um 06:30 Uhr. Meine Theorie: Eine erhöhte Chance, dass es bis rund 09:30 Uhr nur mäßig besucht ist. Der Wecker klingelte um 05:30 Uhr und Herzenskind wurde direkt mit wach. In großer Vorfreude packten wir die Schwimmtasche und ein bisschen Verpflegung ein, richteten unsere Morgenroutine und starteten um 06:15 Uhr das Auto. Wir bewunderten leise den hell leuchtenden Mond und stellten fest, dass wir lange nicht mehr in der Dunkelheit unterwegs waren. Auf dem Weg noch schnell getankt (was für mich in der Planung beinhaltete, herauszufinden, welche Tankstelle samstag Morgen vor 07:00 Uhr bereits/noch geöffnet hat) und wir parkten schließlich Punkt 07:00 Uhr am Schwimmbad.

Wir beiden frühen Vögel wurden mit einem leeren und ruhigen Schwimmbad belohnt. Nur wenige andere frühe Vögel waren dort. Ich war mächtig stolz auf uns beide und wieder einmal erstaunt, wie gut Herzenskind an diesem Morgen kooperierte - weil er für diese Sache "brennt". Wir genossen die Ruhe und das warme Wasser. Herzenskind übte Schwimmbewegungen. Wir hatten richtig Spaß. Ab 08:00 Uhr kamen nach und nach die ersten Familien. Bis 09:00 Uhr füllte sich das Schwimmbad zunehmend mit Menschen in allerlei Farben, Formen und Düften, sodass sich die Reize nur so stapelten. Wir fanden kaum noch ein ruhiges Fleckchen und entschieden um 09:15 Uhr, den Weg Richtung Dusche anzutreten. Erstaunlicherweise spürten wir beide einen leichten Kopfschmerz und ich konnte sehen, dass die ausgelassene Stimmung bei uns beiden rapide in den Keller wanderte. Doch wir fanden rechtzeitig den Absprung und fuhren zufrieden nach Hause.

Ich hatte nach unserem letzten Schwimmbadbesuch den Service-Menschen eine E-Mail geschrieben und gefragt, ob sie das Konzept der "Stillen Stunde" kennen. Erklärte, aus welchen Gründen ein Schwimmbadbesuch für viele Menschen aus dem Spektrum der Neurodiversität herausfordernd oder gar unmöglich sein kann. Netterweise erhielt ich eine umfangreiche Mail zurück, aus der hervorging, dass sie das Konzept in diesem Erlebnisbad nur schwer umsetzen können, es aber in anderen umliegenden Schwimmbädern schon erwogen wird. Mal schauen. Wie man am gestrigen Morgen gesehen hat: Ich suche mir selbst die "Stille Stunde" und muss dafür eben mal besonders früh mit Kindchen aufstehen. Aber ich möchte Herzenskind diese Erfahrung ermöglichen und ihm in seinem Tempo das Schwimmen beibringen.

Da gestern auch noch ein Einkauf auf dem Wochenmarkt geplant war, blieb ich direkt in Bewegung und setzte Herzenskind im Grunde daheim ab, schnappte mir die Einkaufskörbe und mobilisierte noch einmal alle Energie-Löffel, um bestimmte Lebensmittel für die kommenden zwei Wochen zu besorgen - denn nicht in jeder Woche kann ich den Wochenmarkt besuchen. In der Stadt angekommen, hörte ich bereits von Weitem laute Musik und sah schließlich eine Tanzgruppe neben dem Marktplatz, die zu "Let's get loud" von Jennifer Lopez eine einstudierte Choreographie zum Besten gab. Unmittelbar dachte ich, ob nicht jemand ein Pendant dazu produzieren möchte: "Let's be quiet". Ich ging weiter zum menschengefüllten Wochenmarkt und steuerte zielgerichtet die fünf Markstände an, die mich mit den regionalen Lebensmitteln versorgen würden. Mit üppigen Vorrat in Taschen und Körben machte ich mich auf den Rückweg und kochte ein schnelles Mittagessen.

Danach fiel der Vorhang. Eine bleiernde Müdigkeit breitete sich in mir aus und ich hatte große Mühe, mich wachzuhalten, um Herzenskind Gesellschaft zu leisten. Der frühe Vogel versackte am Nachmittag auf dem Sofa - allerdings mit allerlei Unterbrechungen und Bitten von Herzenskind, der mir vieles zu erzählen hatte und meine Gesellschaft haben wollte. Er braucht gerade wieder mehr Regulation als ohnehin schon. An solchen Tagen, wie vergangene Woche, gerate ich irgendwann auch in die komplette Überreizung.

Und an diesem ruhigen Sonntagmorgen spüre ich die Quittung der letzten Tage. Erschöpfung hoch zehn. Geduld unterirdisch. Watte und Unordnung im Kopf. Wir machen's Beste draus.


20. September 2026

Kurzer Ausflug und schnell wieder zurück

Heute also ein kurzer Ausflug ins Instagram-Universum. Ich wollte dort mal für meine anstehenden Lesungen Werbung machen. Die entsprechenden Veranstalter wurden im Beitrag verknüpft. Möge es noch ein paar Menschen erreichen, die an einem (oder mehreren) der vier Termine kommen möchten.

Und wie das so ist, wenn man einen eher wenig guten Tag hat und irgendwelche Bedürfnisse unerfüllt sind: Hab mich für eine halbe Stunde im Scrollen verloren. Durfte erneut feststellen: Ist gut, dass ich die App nicht mehr auf dem Telefon habe. Ist gut, dass ich nur für kurze Checks vom Postfach einmal im Monat reingeschaut habe.

Ich pack das nicht.

Selbst mit Filtern und Einstellungen, dass mir nur die auserwählten Profile angezeigt werden.

Es. Ist. Zu. Viel. Information.

Und das schon innerhalb kürzester Zeit.

Heute fehlte mir wohl gutes, soziales Miteinander - außerhalb meines Alltags. Heute war etwas in mir im Ungleichgewicht, der Tag für mich wenig zufriedenstellend. Gehört auch dazu.

Aber Instagram? Soziale Medien. Och nö. Gehört lieber nicht mehr so dazu.


18. September 2026

Mitten in der Nacht

03:24 Uhr.

"Mama, ich hatte einen Albtraum", flüstert mir Herzenskind ins Ohr, mit seinen kleinen Händen in der Dunkelheit nach mir suchend.

"Ich kann nicht mehr schlafen", wimmert es angstbesetzt aus dem kleinen Menschen, der gerade dabei ist, sich zu sortieren.

"Okay, dann bleiben wir wach", spreche ich ihm beruhigend zu und schalte nacheinander die beiden Nachtlichter ein, damit er sich im Raum orientieren kann.

Manchmal schläft er wieder ein, wenn er in der Nacht wird. Dieses Mal nicht. Ein langer Tag steht uns bevor.

Einen Toilettengang später werden unsere Körper und Geister etwas mehr wach. Mein Magen knurrt und innerhalb kürzester Zeit breitet sich ein nicht zu ignorierendes Hungergefühl aus, dem ich nachgehen muss. Um 04:30 Uhr bereite ich also etwas Frühstück zu. Der Kaffee soll auch die letzten Lebensgeister aufwecken. Doch der Körper ist mit der Nahrung zu dieser Uhrzeit überfordert.

Was steht für heute an? Ach ja. Ein Arztbesuch am Morgen. Um 08:30 Uhr können wir aufbrechen. Noch über drei Stunden. Wir kuscheln uns auf das Sofa. Unsere Müdigkeit füllt den Raum, während es draußen langsam dämmert. Ich nicke für eine halbe Stunde nochmal kurz ein.

Doch so ganz wach werden wir an diesem Morgen nicht. Ich halte mich mit einigen Handgriffen im Haushalt wach, bis wir losfahren können. Herzenskind ist für kaum etwas zu motivieren, weil Bauchweh. Auch bei ihm sind körperliche Beschwerden so raumfordernd, dass für jegliche Anforderungen nur wenig Platz bleibt. Schule? Zur Zeit nicht möglich. Und nach so einer kurzen Nacht, wie heute, sollte der Tag voller Nachsicht für uns alle sein. Nur das Nötigste. Hauptsache wir kommen gut durch den Tag. Leistung bringen? Sieht hier anders aus. Für viele nicht nachvollziehbar. Für uns unausweichlicher Alltag.


18. September 2026

Richtige Richtung?

"Na das geht doch langsam in die richtige Richtung..", sagte sie und hielt schließlich kurz inne.

Bemerkte scheinbar selbst, dass ihre Wortwahl nicht ganz passend war.

"..also ich meine, es geht voran..", hing sie hinten an.

Und ich fragte mich unmittelbar, woran Fortschritt messbar ist.

Ein kurzer Plausch im Juni über die Schulsituation von Herzenskind. Neben mir eine Frau Ende 50. Zwei erwachsene Kinder. Und etliche Erzählungen ihrer Vergangenheit in meinem Gedächtnis, aus denen deutlich wird: Eltern haben immer gearbeitet. Kinder wurden betreut, gingen vorbildlich in die Schule. Eine Lebensrealität, die von unserer abweicht. Keine davon ist richtiger. Aber eine davon entspricht eher einer sogenannten Norm. Umso häufiger wurde über die Jahre wohl etwas besorgt auf die Lebensrealität unseres Herzenskindes geblickt, dessen Verhalten seiner Umwelt gegenüber sämtliche normative Vorstellungen von kindlicher Entwicklung sprengte. Getreu dem Motto: Kinder müssen unter Kinder.

Ich fragte mich weiter, für einen kurzen Moment, ob Menschen im Außen unsere Situation als Stillstand deuten könnten - während ich an so vielen kleinen Stellen Reifeprozesse im Alltag mit Herzenskind erkenne, die nach außen hin nur (noch) keine große Wirkung zeigen. Diese zähle ich nicht haarklein auf, denn es hat für andere keine Relevanz. Muss es auch nicht.

Im Juni, im Moment dieses Gesprächs hatte ich ebenfalls den Eindruck, dass Herzenskind in seinem Tempo an diesem normalen Leben in der Gemeinschaft teilhaben kann. Dass er daran wächst und Vertrauen findet - vor allem in seine eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Er nimmt auf seine Weise an dem Leben in der Gemeinschaft teil und zeigt mir dabei immer wieder, wie sein Bedarf dafür ist, wie es ihm danach geht.

Drei Monate nach diesem Gespräch befinde ich mich mit Herzenskind an einem ähnlichen Punkt, wie ein Jahr zuvor. Druck rausnehmen. Abwägen, abwägen, abwägen - wie viel Anforderung schafft er? Und ich bin dabei, unentwegt mit dem Außen zu korrespondieren - denn für die meisten ist das ungewöhnlich.

Was macht man, wenn ein kleiner Mensch einfach (noch) nicht gut in Gruppen sein kann? Wenn selbst drei Menschen in einem Raum einer zu viel ist? Will ich, dass mein Kind ständig mit Kopfschmerzen und Erbrechen wertvolle Lebenszeit auf dem Sofa verschläft, weil die Anforderungen weniger Stunden ihn bereits massiv erschöpfen? Wie sehr ich Aktivitäten unter Menschen mit ihm abwägen muss, ist für viele vermutlich kaum vorstellbar oder gar nachvollziehbar.

Also, wenn "die richtige Richtung" bedeutet, dass mein Kind in der Lage ist, täglich mehrere Stunden in Gesellschaft vieler gleichaltriger Kinder bleiben und eine gewisse Arbeitsleistung erbringen zu können, weil es gewisse Regeln und Pflichten so erwarten - ja, dann muss ich leider einige Menschen enttäuschen und ihnen bei Bedarf erklären, warum mein Kind irgendwie seine ganz eigene Richtung findet. Und wir begleiten ihn dabei. Weil uns sein Wohl sehr am Herzen liegt.


16. September 2026

Von Kopfschmerz zu Erinnerung

Nicht nur Herzenskind hatte in der vergangenen Woche hin und wieder Kopfschmerzen. Auch ich jongliere seit drei Tagen mal wieder Schmerzen am Kopf, die ich mit allerlei Hausmittelchen zu lindern versuche. Den Ursprung des Schmerzes habe ich ausfindig gemacht und sehe auch die mentalen Themen, die damit in Verbindung stehen. Irgendwas von "Ich muss nachts noch viel durchkauen" bis hin zu "alles nicht zu verbissen sehen".

Mein System wünscht sich im Grunde schon immer Ruhe und Dunkelheit, sobald mich Kopfschmerzen plagen. Irgendwie hangele ich mich dann durch den Tag, wenn ich diesem Bedürfnis nicht nachgehen kann.

Als ich einige Male nun neben Herzenskind saß, der von Kopfschmerzen sowie Übelkeit geplagt war und meine Unterstützung dabei benötigte, fiel mir eine Verbindung aus der Vergangenheit ein.

Der Kontext ein anderer, als jetzt. Eine erwachsene Frau lag da in diesem 90x200cm Bett des Schwesternwohnheims. Ein kleines Zimmer, gerade mal ausreichend für einen Menschen. Auch sie war öfter von Kopfschmerzen betroffen und hatte an jenem späten Nachmittag nach dem gemeinsamen Schulblock unserer Ausbildung damit zu tun. Ich schaute, dass sie alles hatte, was sie brauchte: Etwas Kühles am Kopf, ein Schmerzmittel, genug zu trinken. Sie wollte, dass ich bleibe. Ich wollte lieber gehen, um sie schlafen zu lassen und versicherte ihr, wieder zu kommen, wenn es schlimmer geworden wäre. Auch ich war an jenem Tag von der Zeit in der Krankenpflegeschule erschöpft und sehnte mein eigenes Bett daheim herbei. So sehr ich sie auch mochte: Zu zweit in einem schmalen Bett zu liegen, während wir beide von Beschwerden geplagt waren, machte für mich in jenem Moment keinen Sinn.

Jede von uns hatte scheinbar eine andere Sprache der Liebe - denn während sie meine Fürsorge an der dauerhaften Präsenz maß, war ich in der Annahme, dass ich ihr einen größeren Gefallen täte, wenn ich ihr Ruhe und Schlaf ermöglichte. Doch ich ging dabei von meinem Empfinden aus, wenn ich Kopfschmerzen hatte. Nicht von ihrem. Es reihten sich mehrere Situationen nachfolgend hinzu, in denen unsere Bedürfnisse und Sichtweisen kollidierten. Später warf sie mir aus sämtlichen weiteren Beweggründen Narzissmus vor. Und ich verstand die Welt nicht mehr.

Ich habe keine Schwierigkeiten damit, mich für andere zurück zu nehmen. Meine Bedürfnisse für eine Zeit hinten an zu stellen. Doch im Grunde lässt sich das nicht pauschalisieren. Es bedarf einer Betrachtung vom Kontext. Dass mir diese Situation aus der Vergangenheit einfiel, während ich neben meinem schmerzgeplagten, siebenjährigen Kind saß, verwunderte mich zunächst. Manchmal verknüpft mein Gehirn eben die kleinsten Verbindungspunkte. In beiden Situationen war meine Präsenz gewünscht - aber für mein Empfinden nur in einer davon wirklich erforderlich. Mein Kind benötigt noch mehr Fürsorge und Unterstützung in solchen Momenten, als meine erwachsene Freundin von damals, die trotz Schmerzen noch gut in der Lage war, für sich zu sorgen. Ihre Gründe für meine Präsenz waren andere, wenn auch im Kern ähnliche Bedürfnisse dahinter steckten. Für mein Kind bin ich die Mutter, für meine Freundin war ich eine Freundin. Mit den Erkenntnissen und Sichtweisen von heute, hätte ich mich vielleicht anders verhalten - hätte andere Fragen gestellt und andere Worte gewählt. Doch ich wäre dabei geblieben: Ich wäre an jenem Abend gegangen und hätte sie schlafen lassen. Ich hätte nicht den Abend auf dem harten Stuhl neben ihr verbracht, mucksmäuschenstill und jede kleinste Bewegung abwägend, während ich selbst vor lauter Erschöpfung vom Tag dringend schlafen musste. Doch das Gefühl, mich in diesem Moment, nach ihrem Empfinden, verkehrt verhalten zu haben, beschäftigt mich so nachhaltig, dass es mir 17 Jahre später noch einmal präsent wird.

Und vielleicht liegt da eine wiederkehrende Ambivalenz von mir verborgen: Wie kann ich die Bedürfnisse anderer und meine eigenen Bedürfnisse gut aufeinander abstimmen? Es geht nicht immer glatt. Es geht nicht immer zur gleichzeitigen Zufriedenheit aller. Irgendjemand muss immer zurückstecken. Doch wie weit kann jemand zurückstecken, bis er selbst in Not gerät? Aus einem leeren Fass lässt sich bekanntlich nichts schöpfen.

Nach dieser Situation mit der Freundin folgten über die Jahre noch viele Phasen, in denen mich diese Ambivalenz einholte. Vor allem im Kontext von Mutterschaft, insbesondere pflegender Mutterschaft, war (und ist) es für mich besonders herausfordernd, meinen eigenen und den Bedürfnissen meines Kindes und meines Partners gerecht zu werden. Es ist für mich erfüllend und manchmal erdrückend zugleich, für andere zu sorgen. Denn ich weiß, dass irgendjemand immer auf der Strecke bleibt - und hoffe, dass die Verbindung es halten kann. Denn manche Verbindungen in der Vergangenheit haben es nicht.


12. September 2026

10459

Als heute die Nachricht der Nachbarsmama mit der Anfrage kam, ob der ältere der beiden Jungen zum Spielen herüber kommen könnte, sagte ich direkt für mein Herzenskind zu. Denn der freut sich, wenn einer seiner Freunde Zeit mit ihm verbringen möchte. Eine Bedingung stellte die Mama und die berücksichtigte ich.

Da Herzmensch im Nachtdienstmodus steckt, überlegte ich diesen schönen Spätsommer- Herbstanfangstag mit den beiden Jungen draußen zu verbringen - so mussten wir keine Rücksicht auf die Ruhezeiten von Herzmensch nehmen. Ich plante, mit den beiden im Lastenrad zum Wald zu fahren. Beide Kinder waren begeistert von der Idee. Proviant eingepackt. Eine große Dose verstaut, in der kleine Waldschätze gesammelt werden konnten. Und so fuhren wir gegen 14:15 Uhr Richtung Wald.

Dort drehten wir eine ordentliche Runde zu Fuß. Sammelten etliche kleine Schätze. Machten immer wieder eine kurze Rast und stärkten uns. Die beiden Jungs hatten ihren Spaß und ich feierte mein Herzenskind dafür, dass er zeitweise barfuß auf dem Waldboden lief (Erdung!). Nach zwei Stunden im Wald huschten wir drei noch flott über die Straße zum gegenüberliegenden Spielplatz. Wir verweilten auch dort noch etwas, ehe sich allmählich eine leichte Erschöpfung bei uns bemerkbar machte. So ganz beenden wollten die beiden Freunde den schönen Nachmittag noch nicht - wobei ich deutlich sah, dass sie nach drei Stunden miteinander doch den Feierabend einläuten könnten. Als wir schließlich wieder daheim vorfuhren, einigten sie sich mit dem kleinen Bruder auf ein Spiel zu dritt.

Während ich alles auspackte, das Fahrrad verstaute und das Abendessen langsam vorbereitete, spielte Herzenskind tatsächlich noch eine knappe Stunde mit den beiden Nachbarsbrüdern im Garten. Irgendwann holte ich ihn zum Abendessen und sah ihn erschöpft am Boden neben den schaukelnden Brüdern sitzen. Der Übergang fiel ihm deutlich einfacher, als eine Stunde zuvor. Ich sah an seinem leuchtend roten Gesicht, dass sein System heiß gelaufen war. Die Erschöpfung siegte und ließ mein Herzenskind ohne Widerstände mit nach Hause kommen.

Worte fielen karg aus. Der kleine Körper konnte gerade noch so die Treppe bewältigen. Kurz verglichen wir unsere neueste Anschaffung: Wieviele Schritte wohl auf unseren Schrittzählern standen? Dieses kleine Teil, ohne großen Schnickschnack, funktioniert nun als Verstärker und Herzenskind findet es spannend, wieviele Schritte er täglich macht. Und siehe da: 10459 Schritte hatte der kleine Mensch bewältigt. Seit Beginn der Aufzeichnung hat er sich damit selbst ordentlich übertroffen.

Drei Stunden verbrachte Herzenskind mit seinem Freund. Eine Stunde mit zwei Kindern. Das Ende dieses Nachmittags: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Ein kleiner Mensch der von all den Eindrücken eine körperliche Quittung erhält. So ergeht es ihm oft. Wenn viele Menschen um ihn herum waren. Viel Interaktion stattfand. Ihn so zu sehen, bricht mir jedes Mal das Herz - denn er tut mir so unwahrscheinlich Leid, wenn er von Kopfschmerzen und Übelkeit gebeutelt ist (kenne ich es zu genüge von mir selbst).

Das ist die Konsequenz von so einem Nachmittag. Eine schöne Zeit endet für ihn oft auf diese Weise. Man könnte meinen, er muss das nur öfter machen, dann gewöhnt er sich schon daran. Immerhin ging es den Nachbarskindern doch auch noch gut - weil sie an all das gewohnt sind. Aber Nervensysteme sind verschieden. Das grundsätzlich hohe Ruhebedürfnis fordert sich Herzenskind ganz alleine ein. Wenn er kann, ist er für solche Aktivitäten wie heute, total zu begeistern. Dann hat er ein paar Löffel mehr parat - weil er im Vorfeld genügend Zeit zum Auffüllen hatte. Jeden Tag, fünf Tage die Woche könnte ich ihm dieses Pensum nicht zumuten - er würde mit Anlauf ins Burnout springen. Und dass sich an diesem Punkt die Behinderung zeigt, die mit Autismus-Spektrum einhergehen kann, wird mir besonders deutlich, sobald wir mit seinen Freunden Zeit verbringen, die das Standard-Pensum für Kinder erfüllen - denn die fallen nach so einem Nachmittag nicht zutiefst erschöpft um.

Nun sitze ich im abgedunkelten Wohnzimmer neben meinem vor großer Erschöpfung eingeschlafenen Kind, resümiere den Nachmittag und bin stolz auf ihn, dass er das heute alles so mitgemacht hat - auch wenn diese vielen Eindrücke ihn gerne weniger in die Knie hätten zwingen dürfen. Die Löffel dürfen jetzt erstmal wieder aufgefüllt werden.

© Bianka mit k


08. September 2026

Kleine, starke Hände

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Kleine Hände. Solltet spielen.Und nicht die kalten Gitter fühlen.Die euch ein Stück der Kindheit raubten.Während daheim die vielen Spielsachen verstaubten.Mit einmal war da Unwohlsein und Schmerz.Das Kind so zu sehen, brach nicht nur des Mutters Herz.Da waren die vielen Ärzte im Krankenhaus.Und die sorgenvolle Frage: „Wie geht das Ganze hier wohl aus?“Alle schwankten zwischen Hoffen und Bangen.Mittendrin ein Kind mit Fieber und heißen Wangen.Statt Gedichten im Kindergarten und anderen Bräuchen,lernten sie Worte wie „Spritzen, Infusionen“ und hingen an Schläuchen.Durch diese floss täglich das unaussprechliche Gift,das wohl dosiert offenbar Heilung verspricht.Dann kam das Erbrechen und es schwand die Kraft.Das kranke Kind forderte tagelang diesen bestimmten, leckeren Saft.Und so wurde zwischen Chemos der größte Antrieb,dass jeder noch so kleine Bissen im Körper des Kindes verblieb.Schnell fielen die Haare aus und man dachte sich nur:„Wer braucht im Krankenhaus schon eine schöne Frisur?“Also zogen bunte Mützen und auch Broviak-Beutel ein.Das „gebeutelte“ Kind erstrahlte fortan in diesem ganz besonderen Schein.Doch statt fröhlich auf einer Schaukel zu schwingen,kamen Klinik-Clowns, um gegen den Krebs anzusingen.Man sah mehr Blut, als bei einem zerschürften Knieund fragte sich teilweise: „Enden diesen Blutkontrollen eigentlich nie?“Diese Familien lebten eine Normalität, die keine sein sollte,denn sie entsprach nicht im geringsten dem, was man für sein Kind so wollte.Ein krebskrankes Kind zu begleiten, empfindet mancher Mensch als „Hölle auf Erden“.Und niemand findet Antworten auf die Frage: „Wie soll das Leben mit Krebs nur werden?“Man hofft und bangt zwischen den Kontrollen,dass die Therapien bitte wirklich anschlagen sollen.Das Kind möge sehnlichst von diesem Krebs genesen,sonst wäre das ganze Leid am Ende umsonst gewesen.Doch auch wenn das Kind den Krebs nicht überlebt,wird diese Erfahrung tief in die eigene Erinnerung gewebt.Dann genügt der Geruch von Desinfektion,und man sieht sich und das Kind wieder auf dieser Station.Für einen Moment wird einem nochmal klar,wie unwahrscheinlich schwer diese Zeit dort war.Und auch wenn es Momente der Freude gab,war es schließlich das eigene Kind, das am Krebs verstarb.Umso mehr freut man sich mit den anderen Eltern,die ihr Kind nach überstandener Krankheit weiter begleiten.Das „Danach“ ist nicht weniger schwer,denn man sehnt jeden erfreulichen Befund bei den Kontrollen her.Doch die Hoffnung auf Leben bleibt der stete Begleiter,und das Leben nach dem Krebs geht irgendwie weiter.Dann erwischt man sich voll Ehrfurcht mit Blick auf das Kind,wie wahnsinnig stark diesen kleinen Menschen schon sind.

© Bianka mit k


01. September 2026

Umfahren und umfahren

An die Dame, die heute morgen scheinbar die Welt retten musste:

Eventuell warst du gestresst. Unter Zeitdruck. Bist vielleicht ein bisschen zu spät aus dem Haus gekommen und wolltest dennoch versuchen, pünktlich bei deiner Arbeitsstelle anzukommen. Das ist löblich.

Und während so dein Cortisolspiegel auf Anschlag war, signalisierte dir ein kleiner Teil deines Nervensystems: Gefahr! Flucht! Oder doch "auf in den Kampf"? Jedenfalls hatte ich diesen Eindruck, als du mit deinem großen Geländewagen um dein tüchtiges Leben gefahren bist.

Eventuell hast du das irgendwann mal gehört: Im Straßenverkehr sollte man vorausschauend fahren. Das hast du getan. Auf deine Weise. Denn die Schlange an der roten Ampel vor dir war offenbar zu lang und du hattest in deiner Notlage einen grandiosen Einfall, für den dich dein System mit einem ordentlichen Dopaminausstoß belohnte: Reaktionsfreudig, wie du an diesem Morgen warst, bogst du flott auf den daneben liegenden Supermarkt-Parkplatz ab. Entgegen der Hinweise, sich auf dem Parkplatz an entsprechende Geschwindigkeiten und Regeln zu halten, fuhrst du mindestens drei Mal so schnell an parkenden Autos und den glücklicherweise wenigen Passanten vorbei. Zu diesen zählte auch ich. Und mein Kind.

Ich sah dich mit deinem riesigen, modernen, benzin-assimilierenden Kraftfahrzeug L-förmig über den Parkplatz heizen, von dem du schließlich mit Vollgas und quietschenden Reifen links abgebogen bist, um noch schnell die Grünphase für die Rechtsabbieger zu erwischen. Du hattest es geschafft. Du hattest diese lange Schlange an der roten Ampel clever umfahren und bist vor ihnen auf der Straße angekommen, die du mit rund dreißig Sekunden Wartezeit noch befahren hättest.

Ich stand an meinem knapp dreißig Jahre alten Auto und schwankte zwischen Faszination und Fassungslosigkeit. Denn während ich an einem kleinen Punkt wirklich erstaunt darüber war, wie schnell dein Reptiliengehirn an diesem Morgen schaltete, um sich diesen Zeitvorteil zu verschaffen - da war ich gleichzeitig über deine Dreistigkeit, über deine Rücksichtslosigkeit und deinen Egoismus schockiert. Alles in ähnlichen Bruchteilen von Sekunden, wie auch du diese Entscheidung zu deinen Gunsten getroffen hattest.

Und weißt du: Es ist nicht die erste Situation auf einem Parkplatz, die mich dazu anhielt, mein Kind daran zu erinnern, am Auto zu warten. Für mein Kind übernehme ich gerne Verantwortung - denn ich möchte sein Leben schützen. Ich weiß, dass mein Kind in seinem Alter noch nicht den Rundumblick für den Straßenverkehr entwickelt hat. Dass seine Körpergröße ein Risiko ist - denn nicht nur er kann damit nicht alles überblicken, sondern auch Autofahrer können ihn noch übersehen. Aber weißt du, zu was ich gezwungen bin wegen Menschen, die so rücksichtslos und riskant durch den Straßenverkehr fahren?

Richtig: Ich übernehme automatisch Verantwortung für ihre Dummheit. Während Menschen, wie du, unbedingt mit mehr Drehzahl durch die Straßen heizen wollen, bin ich dazu angehalten, die Mehr-Umdrehungen in meinem Kopf zu fahren - den ich muss damit rechnen, dass ihr so verantwortungslos umher fahrt.

Würde ich dich damit zur Rede stellen, käme sicher nur lapidar: Ist doch nichts passiert.

Dann würde ich dich liebevoll korrigieren und sagen: Es ist noch nichts passiert. Ich frage mich, ob du dein Fahrverhalten erst änderst, wenn du wirklich mal einen Menschen überfahren hast - denn mit deinem riesigen Fahrzeug wäre das keine Schwierigkeit.

Heute Morgen wurde wieder mal deutlich, dass man das Wörtchen "umfahren" auf zwei Arten verstehen kann: Während du dachtest, es ist total clever mit deiner geschickten Fahrweise eine Wartezeit an der Ampel zu umfahren - kannst du mit deiner Fahrweise wirklich jemanden oder etwas umfahren. Aber das sind ja nur Kleinigkeiten. Und an denen hältst du dich sicher nicht so lange auf, wie ich. Ebenso wenig, wie dich ein Bußgeldbescheid für die Überschreitung der Geschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften interessiert, der hoffentlich nach diesem morgendlichen Fluchtversuch als Andenken in deinem Briefkasten landet, weil rund 100 Meter nach der Rechtsabbiegerspur eine Radar-Anlage aufgestellt war. Die paar Euro, wirst du dir in deinem überteuerten Benzinschlucker denken. Was kostet schon die Welt? Ich kann's mir leisten. Dann hoffe ich für dich, dass du dir niemals das Schmerzensgeld für ein angefahrenes Kind leisten musst. Oder aber für die überfahrene, ältere Dame, die es nicht mehr rechtzeitig über die Straße schaffte, als du es mal wieder eilig zu deiner Arbeit hattest.

Ich übertreibe? Vielleicht. Aber ich gefährde mit meinen Theorien keine Menschen. Du hingegen, mit deinem praktischen Fahrstil, schon. Für dich ist es "ein Kick für den Augenblick". Für jemanden anders wird es irgendwann zum letzten Augenblick, bevor er aus dem Leben gekickt wird.

© Bianka mit k


30. August 2026

Schlechter Mensch?

So langsam fühlt es sich wie das allmähliche Ende des Sommers an. Der Übergang zum Herbst drückt mit starkem Wind und Regengüssen gegen die Fenster. Mein persönlicher, zyklischer Winter kehrt ebenfalls langsam ein und zwingt mich in die Knie. Oder besser: Auf's Sofa. Von dort lässt sich das Tanzen der Äste und Zweige im tosenden Wind wunderbar betrachten - und irgendwie hat es etwas beruhigendes.

Mit Körper und Geist im PMS-Modus kratze ich die wenigen Energiereserven und Konzentrationsfäden zusammen, um den Alltag weitestgehend aufrechtzuerhalten. Aber ich bin ehrlich: Wenn ich könnte, würde ich die meiste Zeit des Tages gerne schlafen. Jeder kleinste Handgriff, jede Interaktion mit meinen beiden Herzmenschen ist mal wieder zu viel für mich (alles darüber hinaus sowieso). Ich reiße mich zusammen, wo es geht. Und muss feststellen, dass ich manchmal große Schwierigkeiten habe, diesen Zustand von bleiernder Müdigkeit und fehlender Leistungsfähigkeit zu akzeptieren. Doch weiter über meine Kapazitäten zu gehen, schadet mir am Ende nur noch mehr.

Heute kamen mir einige Verbindungen in den Sinn, die ich in diesem Jahr vermutlich stark strapaziert habe. Für die ich sicher eine Enttäuschung war. Und wo ich mich unweigerlich frage, ob ich ein schlechter Mensch bin, weil ich keinen zufriedenstellenden Beitrag mehr zum Miteinander leisten konnte. Denn ich habe ehrlich gesprochen, um meine Sicht klarzustellen - aber mit der Haltung, dass unterschiedliche Meinungen gut nebeneinander stehen bleiben können. Nicht immer gelingt das gut - von meiner oder der anderen Seite her. Dann habe ich das Gefühl, ich solle trotzdem alles genau so sehen und fühlen, wie der andere. Manchmal darf man sich einig sein, dass man sich uneinig ist. Doch wie gut kann man dann noch nebeneinander miteinander sein? Manchmal sind die Differenzen zu groß, scheinbar. Dann herrscht vielleicht Funkstille oder es brechen auch mal Kontakte ab.

Nicht nur mit mir wurde Kontakt abgebrochen. Auch ich musste mir eingestehen, dass ich zum einen keine Kapazitäten mehr habe, um mit vielen Menschen gleichzeitig und oft in aktivem Austausch zu stehen - und meine eigene Initiative, halbregelmäßig bei sämtlichen Menschen einzuchecken, gen Null wandert. Und dann durfte ich auch spüren, dass mir manche Verbindungen selbst nicht mehr gut tun. Dass ich mir erlauben darf, auf mein Gefühl zu hören - und es nicht ständig mit Verstand und Gewissen überreden werde. Ja, vielleicht hab auch ich an der einen oder anderen Stelle dieses Ghosting benutzt - weil ich keine Ahnung mehr hatte, was ich noch sagen sollte und spürte, dass einfach irgendetwas nicht passte. Und nicht alles lässt sich begradigen, denke ich. Ich habe mich an einigen Stellen falsch verhalten und hätte es schöner lösen können. Vielleicht erlaube ich mir gerade, das nicht alles ordentlich zu lösen. Weil meine Ressourcen begrenzt sind.

Ja, vielleicht bin ich in der Geschichte der anderen dann ein schlechter Mensch, weil ich mich nicht (mehr) nach Wünschen und Erwartungen verhalten habe. Weil ich nicht mehr ständig nur die Faust in der Tasche geballt habe, um irgendwie einen faulen Frieden aufrecht zu erhalten. Dennoch kann ich im Mitgefühl für die anderen bleiben - auch wenn es nicht überall passt. Doch wie sagt Herzmensch oft so schön:

Du darfst auch für dich selbst im Mitgefühl sein.

29. August 2026

Erinnerungsgedicht

Kleine Jacke. Ziertest einst diesen kleinen Körper.Dessen Verweilen nur von kurzer Dauer war.Halte ich dich heute in der Hand, wird mir erneut schmerzlich klar,wie klein diese Hände waren, als ich sie loslassen musste.Nur kurze Zeit durfte ich sie halten, denn ich wusste,dass dieses Leben alsbald aus dem kleinen Körper wich.Und fortwährend spürte ich diesen schmerzhaften Stich.Tief in meinem Herzen, hinter meiner Brust.Dort verweilend auf Ewigkeit dieses kleine Loch,mit nichts zu füllen, aber wissend doch,darum, dass dahinter sich Erinnerung verbirgt,die erst mit meinem eigenen Tode stirbt.

© Bianka mit k


18. August 2026

Himmelsgedicht

Der Himmel am Morgen leuchtet orange und violettund ich finde diese Vorstellung so nettwie Du da oben auf den Wolken sitztund, wie früher, konzentriert Deine kleinen Lippen spitztwährend Du die Pinsel in die Farbtöpfe tauchstund schließlich den Himmel um Dich herum in Deine Lieblingsfarben hauchstweil Du weißt, wenn ich dann in den Himmel blickevor lauter Dankbarkeit und Rührung darüber entzücke.

© Bianka mit k


15. August 2026

Schöner Morgen

Der Tag begann früh für Herzenskind und mich. Nach unserer Übernachtungsparty im Wohnzimmer konnten wir der Sonne beim Aufgehen zusehen. An diesem Samstagmorgen bin ich über das frühe Aufstehen sehr froh - denn ein Einkauf auf dem Markt war geplant. Und hier gilt die Devise: Je früher, desto besser.

Nicht immer ist Herzenskind für einen gemeinsamen Einkauf in der Lage. Ich auch nicht. Doch heute lag irgendwie Leichtigkeit in der Luft. Heute morgen spürte ich die Bereitschaft des kleinen Menschen - ohne große innere Widerstände. Und so radelten wir mit dem Lastenrad in der Früh in die Stadt. Wir vereinbarten ein kleines Picknick im Park, sobald wir alle Einkäufe erledigt hatten. Auf dem Wochenmarkt besuchten wir einige Stände, an denen wir - aber vor allem Herzenskind - freudig begrüßt wurden. Nach einigen Jahren Stammkundschaft dort, freuen sich alle bekannten Gesichter umso mehr, wenn auch Herzenskind dabei ist.

Es lag an diesem Morgen wirklich etwas Leichtes in der Luft. Auch die kühlen Temperaturen im Vergleich zum Vortag trugen sicher dazu bei. Herzenskind winkte allen freundlich zu, erzählte sogar ein bisschen. Da entstanden Gespräche mit den Erwachsenen, die er mittlerweile auch schon als vertraute Gesichter zuordnen kann. Selbst das unumgängliche Warten an manchen Ständen bereitete ihm heute Morgen kaum Schwierigkeiten. Er wusste sich zu helfen. Als schließlich auch die eine nette Frau am Fischwagen die Rückmeldung gab, wie gut er heute drauf sei und es schön zu sehen ist, dass der Einkauf für ihn heute möglich ist - da hüpfte mein Herz gänzlich große Freudensprünge. Sie versteht es auf ihre eigene Weise, dass solch ein Moment unwahrscheinlich kostbar ist.

Wir belohnten uns mit einem kleinen Frühstückspicknick auf der Bank im Park. Begrüßten die Enten und ließen die Morgensonne unsere Gemüter weiter erhellen. Ich bedankte mich bei Herzenskind, wie gut nicht nur dieser Einkauf klappte, sondern generell der ganze Morgen - und das darf er immer als Stärkung für seinen Selbstwert erfahren. Es ist nicht selbstverständlich für mich, dass es so reibungslos lief.

Als der (gar nicht mehr ganz so) kleine Mensch da im Licht der Morgensonne auf der Bank genüsslich sein Franzbrötchen verspeiste, hielt ich einen Moment inne und beobachtete ihn. Pure Dankbarkeit kitzelte in meiner Herzgegend. Dafür, dass dieser Morgen so war, wie er war. Dafür, dass ich mein Kind begleiten und so viel lernen darf. Und im Grunde bin ich dankbar für das Leben, das ich gerade leben darf.


14. August 2026

11 Jahre nach deinem Tod

Ich schaue Fotos durch. Von damals. Als du noch da warst - doch irgendwie schon zwischen den Welten verweiltest. Denn ich sah, wie sich das Leben aus deinem Körper verabschiedete und es sich in den letzten Tagen deines Lebens nicht mehr wie Leben anfühlte.

Ich erinnere mich an deine zarte Stimme, die zwischendurch noch einmal erklang, wenn du nach mir gerufen hattest. Meistens dann, wenn ich für einen kurzen Moment den Raum verlassen musste. Du wolltest nicht alleine sein auf diesem Weg, dessen Ende bereits in Sicht war. Deine letzten Kräfte reichten noch dafür, mit deinen kleinen Fingern in meinen Haaren zu spielen. Mein feines Haar gab dir Halt - es war doch für etwas gut.

Ich sehe diese letzten Bilder von uns beiden. Du lagst daheim in der Mitte des großen Bettes, eingehüllt in Kissen und Decken, umrandet von deinen Lieblingsplüschtieren. Zu deiner rechten Seite lag ich. Quetschte mich irgendwie auf die freien Zentimeter der Matratze. Dein Vater schoss das Foto von der Tür aus. In den letzten Tagen wolltest du keine direkten Fotos und Videos mehr von dir - wir machten es verdeckt oder wenn du schliefst. Irgendwie wollten wir doch Erinnerungen festhalten - jeden klitzekleinen Moment aus deinem viel zu kurzen Leben.

Elf Jahre später packt es mich weiterhin. Die Fassungslosigkeit darüber, dass du wirklich gestorben bist. Dass dir dieser Krebs das Leben nahm. Und auf eine gewisse Weise bin ich wütend auf mich, wenn ich sehe, wie ich mit meinem Rätselheft neben dir lag. Ich klammerte mich an Zahlen, um in irgendetwas Halt zu finden - denn vermutlich hätte ich sonst Tag und Nacht um dich geweint. Es war eine Momentaufnahme von vielen Augenblicken, in denen ich im Grunde nichts von dir verpassen und gleichzeitig nicht komplett den Verstand verlieren wollte. Ein Teil in mir wäre am liebsten mitgegangen. Mitgestorben. „Warum sollte ich noch weiter am Leben bleiben“, fragte ich mich damals.

Als du stiller wurdest und alles um dich herum, erreichte auch mich diese Stille. Und sie machte Platz für die unausweichlichen Tatsachen, vor denen ich stand: Mit dem Ende deines Lebens endete auch meine Aufgabe. Dich zu pflegen, zu behüten. Dich zu begleiten und für dich einzustehen. Ach mein Kind, wie gerne ich deine Mutter war - und eigentlich bin ich es ja noch. Alles, was noch blieb, war die Liebe zu dir. Und die Erinnerungen.

Du weißt: Ich komme klar. Mit der Trauer um dich. Sie reißt mich nicht mehr in ihre Fluten. Mein Verstand grätscht mir manchmal rein, weil ich mich frage, wie sehr dein Tod im Jetzt noch in mir wirken darf. Ob es mich noch so aus der Fassung bringen darf. Es bringt mich zwar nicht mehr aus dem Gleichgewicht, doch spüre ich die Auswirkungen davon wie einen kleinen Stein im Schuh. Es ist dieses nie enden wollende Aber. Immer irgendwie trotzdem weiterleben.

Elf Jahre leben mit deinem Tod. Elf Jahre lang das Leben in mir wiederfinden, das sich anfangs kaum mehr lebenswert anfühlte - weil ich es so ungerecht fand, dass ausgerechnet du vorausgehen musstest. Warum nicht ich? Manchmal frage ich mich das heute noch. Mit manch unbeantworteten Fragen lebe ich weiter und übe mich in der Akzeptanz des Unbegreiflichen. Doch es gelingt mir ganz gut, denke ich. Neben dem nie enden wollenden Vermissen, mein liebes Kind. Du wirst immer fehlen.


12. August 2026

Mein Tempo, mein Leben

Als ich vor einigen Tagen mit Herzenskind einen Ausflug machte, fielen mir am Fahrbahnrand Schilder auf, die eine Botschaft für sämtliche Verkehrsteilnehmer vermittelten:

Mein Tempo.. Mein Leben!

Ich halte mich an Geschwindigkeitsbegrenzungen - fahre sogar manchmal lieber etwas langsamer und dennoch angepasst, wenn ich Strecken nicht kenne oder mir die empfohlene Geschwindigkeit persönlich zu schnell vorkommt. Manche Straßen sind so kurvig, eng und unübersichtlich, dass ich lieber einmal mehr vom Gas gehe, um in Ernstfall schnell reagieren zu können.

Ich weiß. Für viele Autofahrer gibt es scheinbar nur Vollgas oder Bremse. Abstandhalten ist eh nur ein Serviervorschlag, genauso wie die vielen Verkehrsschilder, die einen geordneten Straßenverkehr gewährleisten sollen. Ich fahre nicht übervorsichtig, halte mich jedoch an die erlaubten Geschwindigkeiten - und selbst damit scheine ich viele Autofahrer zur Weißglut zu bringen. Mittlerweile nehme ich es gelassen, wenn mir jemand dicht auffährt, obwohl ich den Verkehr mit meiner Fahrweise keinesfalls gefährde oder aufhalte. Bei der nächsten Gelegenheit fahre ich rechts ran und lass den ungeduldigen Menschen vorbeifahren - denn er scheint seine Gründe zu haben, schnell ans Ziel kommen zu wollen. Zumindest rede ich mir das schön. Ich möchte mich einfach nicht mehr darüber ärgern - sondern lieber Abstand von jenen halten, die mit ihrer provokanten, aufdringlichen Fahrweise viel eher Unfälle hervorrufen.

Während meiner Führerschein-Zeit blieb mir vor allem ein Begriff im Gedächtnis: Defensive Fahrweise. Ich muss mit dem Fehlverhalten anderer rechnen und vorausschauend fahren. Ich gehe davon aus, dass nicht nur ich das mal gelernt habe - doch erstaunlicherweise erlebe ich die meisten Autofahrer eher als offensiv in ihrem Fahrverhalten. Wo sich in Pandemie-Zeiten penibelst an Abstand erinnert wurde, habe ich immer häufiger das Gefühl, die Fahrer hinter mir sind scheinbar auf Kuschelkurs getrimmt. Und wenn ich dann noch darüber nachdenke, wie vielleicht genau diese Fahrer den kleinen Menschen unter uns ständig sagen, sie sollen warten und geduldig sein - dann möchte ich manchmal meinen Kopf mit der nächsten Wand bekannt machen.

Als ich die Schilder am Straßenrand sah, dachte ich nicht nur über meine Fahrweise im Straßenverkehr nach. Die Worte erreichten mich auch auf anderen Ebenen. Wie oft schreibe ich seit einigen Jahren nun in meinem Blog davon, dass wir mit unserem Kind ein ganz eigenes Tempo leben. Und während dieser Spruch für den Straßenverkehr natürlich darauf aufmerksam machen soll, dass erhöhtes Tempo mitunter das Ende eines oder mehrerer Leben bedeuten könnte - empfinde ich es dennoch als übertragbar auf das ganze Leben.

Als ich heute wieder mit Herzenskind im Auto unterwegs war, fuhren wir über eine Autobahn, die erstaunlich voll war. Der letzte Ferientag in unserem Bundesland. Außerdem waren unwahrscheinlich viele LKW unterwegs. An manchen Tagen ist besonders viel los. So entschied ich mich auf der Rückfahrt dafür, früher von der Autobahn zu fahren und lieber entspannt über die Landstraße den Heimweg zurückzulegen. Fernab von der Überholspur, die sich komischerweise wieder so staute, obwohl die rechte Spur komplett frei war. Und so genoss ich es, mit Herzenskind unter Bäumen herzufahren und zwischendurch mal wieder anhalten zu können, um den Blick über die Landschaft schweifen zu lassen. Diese Fahrt über die Landstraßen hat mich weniger Energie und Aufmerksamkeit gekostet, als auf der schnelllebigen Autobahn voller gestresster Autofahrer, die sich gegenseitig kaum Platz schenken. Wir kamen vielleicht ein paar Minuten später daheim an, aber dafür war ich von der Fahrt weniger erschöpft. Und wir haben sogar mal bewusst und achtsam den Blick auf die schönen Seiten neben der Straße gerichtet.

Mein Tempo. Mein Leben. Vielleicht bleibt in der Schnelligkeit viel mehr auf der Strecke, als in einem langsameren Tempo. Ein Leben auf der Überholspur ist für mich jedenfalls nicht erstrebenswert.


11. August 2026

Wie hält man das bloß aus?

Vor fünf Jahren beschäftigten mich ähnliche Gedanken, wie heute. Vielleicht ein bisschen anders. Wir sind älter geworden. Haben noch mehr Erfahrungen gesammelt. Als ich diesen Beitrag vor fünf Jahren schrieb, standen wir davor, mit Herzenskind bei einer Tagesmutter das Kennenlernen zu beginnen. Es zeichnete sich schnell ab, dass er noch nicht soweit war. Heute steht der nächste Lebensabschnitt in den Startlöchern: Herzenskind lernt bald neue Kinder in seiner Klasse kennen. Bekanntes und Unbekanntes reiht sich aneinander. In mir weiterhin die Zuversicht, dass er daran wachsen wird - wenn auch die Sorge anwesend bleibt, welche Herausforderungen sich zeigen werden.

Im Hinterkopf zu dieser Zeit immer mein Himmelskind und die Erinnerungen aus den letzten Tagen mit ihm. Wie ein Hintergrundrauschen.

Ich wüsste nicht, ob ich das schaffen würde. Wäre mein Kind gestorben, wäre ich wohl auch nicht mehr da. Wie schaffst Du das nur? … So oft habe ich solche oder ähnliche Aussagen und Fragen gehört, seitdem mein Sohn vor sechs Jahren starb. Besonders Menschen, die auch noch kleine Kinder haben, versuchen sich irgendwie direkt …

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