Es ist nachts. Mitternacht in etwa. Die Nacht zum 31.05.2019 ist angebrochen. Und ich spüre die ersten Wehen.
Mein Herzmensch liegt im Bett und schläft selig. Ich wandere ins Wohnzimmer und komme vorerst nicht mehr in den Schlaf.
In den letzten Wochen hatte ich bereits immer wieder Übungswehen veratmet, sogar recht regelmäßige, die auch auch meine Gynäkologin erstaunten. Nach meiner ersten Schwangerschaft wusste ich: Das sind noch keine richtigen Wehen. Doch in dieser Nacht spüre ich, dass Du Dich auf den Weg machst. Ganz langsam. Stück für Stück.
Ich wandere in den nächsten Stunden zwischen Wohnzimmer, Bad und Küche hin und her. Mache mir etwas zu essen, da ich mit den regelmäßigen Wehen immer wieder hungrig werde. Auf dem Gymnastikball kreisend schaue ich im dunklen Wohnzimmer etwas fern. Medical Detectives läuft die ganze Zeit – richtig gut. In kurzen Abständen kommen die Wehen, weit unter 5 Minuten, meistens alle 2-3 Minuten.
Ich versuche zwischendurch ein wenig die Augen zu schließen und mich auszuruhen – die Kräfte kann ich ja noch gebrauchen. Es gelingt nicht so ganz.
Gegen halb sechs wecke in Deinen Papa. Dort wurden die Wehen langsam schmerzhafter und ich spürte, dass ich allmählich unruhiger wurde. Mit einem Kaffee kam ich zu ihm und sagte: „Ich habe seit einigen Stunden regelmäßig Wehen. Steh gerne langsam auf, dann können wir noch in Ruhe duschen und etwas frühstücken, bis wir uns langsam zur Klinik aufmachen.“ Dein Papa ist tatsächlich sofort wach und auch ein wenig aufgeregt.
Ich bereitete uns noch etwas Frühstück zu und rief im Kreißsaal an, als Dein Vater duschen ging. Wir durften uns auf den Weg machen. Eine halbe Stunde Fahrt benötigen wir in etwa zur ausgewählten Klinik.
Die letzte Autofahrt zu zweit. Die letzte Autofahrt als Paar – denke ich. Während wir unsere Lieblingsmusik hören und ich immer wieder Wehen veratme, fährt Dein Papa doch etwas schneller durch den morgendlichen Verkehr. „Keine Sorge, wir haben noch Zeit. Du kannst entspannt fahren“, sage ich zu ihm.
Heute werden wir also Eltern. Das hatte ich im Gefühl. Meine Sorgen der letzten Wochen, dass Du eventuell auch per Kaiserschnitt auf die Welt kommen könntest, waren plötzlich wie weggeblasen. Ich habe losgelassen, die Geburt nicht als Endgegner gesehen, wie meine Hebamme so schön sagte. Ich wusste, Du würdest auf die Welt kommen – egal wie, Hauptsache gesund. Das war für mich wirklich das allerwichtigste.
Auf dem Weg zum Kreißsaal veratmete ich viele Wehen. Das Klinikpersonal kam nach und nach zum Dienstbeginn und viele Menschen liefen an mir vorbei. Deine Eltern hatte irgendwie wieder den Weg zum Kreißsaal vergessen und eine nette holländische Medizinstudentin begleitete uns mit guten Wünschen für die Geburt zur Kreißsaaltür.
In den nächsten Stunden wurden die Wehen immer stärker, immer regelmäßiger. Immer lauter tönte ich durch unser Zimmer. Ein kurzer Ausflug vor die Tür förderte nicht mein Wohlbefinden – die vielen Menschen, das Treiben in der Klinik.. es war mir zu viel Eindruck. Ich war sehr damit beschäftigt, meinem Körper zu lauschen. Am Ende fühlte ich mich wohler auf unserem Kreißsaalzimmer.
Es war ein warmer, sonniger Tag. Wir hatten einen wunderbaren Ausblick auf ein großes Waldgebiet. Wir hatten unsere absolute Ruhe. Die Hebamme im Frühdienst kam immer mal wieder zu uns, erinnerte uns an das Essensangebot der Wöchnerinnenstation, dass wir -trotz vieler Snacks- gerne angenommen haben. Besonders Deinen Papa habe ich immer wieder daran erinnert, auch ausreichend zu essen und zu trinken – der war nämlich auch so mit dem Kümmern beschäftigt, dass er sich ab und an vergaß. Wir unterhielten uns nett mit ihr und sie kontrollierte immer mal wieder das CTG und meinen Muttermund.
Schichtwechsel. Schade, doch keine Geburt bei dieser netten Hebamme, dachte ich. Doch auch die Hebamme des Spätdienstes war ausgesprochen lieb, blieb viel im Hintergrund und drängte sich nicht auf. Mein Muttermund war gerade einmal bei 5-6cm und ich dachte so bei mir: Du lässt Dir Zeit, bahnst Dir langsam Deinen Weg. Das ist okay, auch wenn es anstrengend ist. Jede Wehe bringt Dich uns näher.
Ein wenig missmutig war ich schon, da die Schmerzen recht stark wurden. Auch die Hebamme sagte, dass ich ganz schöne Schweinewehen zu veratmen hätte. Ohne Schmerzmittel. Ich bekam homöopathische Helferlein zum Entspannen. Kurzzeitig dachte ich, wir würden Dich nicht mehr vor der Nachtschicht in den Armen halten. Doch Dein Papa war zuversichtlich: Der kommt noch vor 18 Uhr.
Es kam der Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. So sagte ich das auch. Die Hebamme war da anderer Meinung – und ob Sie noch können, das glauben Sie nur jetzt nicht. Und sie hatte Recht. Denn dann ging es plötzlich schnell.
Ein letzter Gang zur Toilette, ich tönte unter sehr starken Wehen. Die Fruchtblase platzte. Was für eine Erleichterung. Und sofort kam der Pressdrang. Die arme Auszubildende, die mir noch eine Infusion anhängen sollte, war etwas überfordert und holte schnell die Hebamme. Eine kurze Untersuchung und die Gewissheit – jetzt darf ich Dir auf die Welt helfen. Wir beide schaffen das!
Mein Kind. Diese Urgewalt, die da wirkte, haut mich noch heute um. Ich habe Kräfte mobilisiert, die ich kaum noch glaubte entwicklen zu können. Ich war ganz bei mir, ganz dabei, Dir diesen Weg frei zu machen. Alles drumherum verschwamm. Dein Papa an meiner Seite, ganz gerührt und aufgeregt. Auch ihn bewegte es so sehr, was dort gerade passierte. Er kümmerte sich liebevoll um mich. Die Hebamme und zuständige Ärztin gaben mir gute Anweisungen, bestärkten mich. Und dann plötzlich warst Du da. Direkt fingst Du an zu schreien – eine Erleichterung. Was für ein großer Junge, hörte ich sie sagen.
Sie legten Dich auf meinen Bauch und wir bestaunten Dich. Du hast geweint, doch hast Dich schnell beruhigt – das war magisch. Wie gut Du gerochen hast. Du hast uns so schnell nach Deiner Ankunft mit Deinen kleinen wachen Augen angeschaut. Was drumherum passierte, ging völlig an mir vorbei. Dann ließen sie uns erst einmal mit Dir allein. Du hast nach der Brust gesucht und tatsächlich den Weg allein dort hingefunden. Auf beiden Seiten konntest du das flüssige Gold zu Dir nehmen – was für ein tolles Gefühl. So, wie wir es uns für Dich wünschten.. es war der Start für eine ganz besondere Zeit.
Übrigens behielt Dein Papa Recht: Du hast um 17:46 Uhr das Licht der Welt erblickt. Dein Papa hat schon vor Deiner Geburt seinen Instinkt bewiesen.
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Die ersten Tage als Familie auf der Station waren schon eine kleine Prüfung für uns. Ich musste noch bleiben, da sie mich nach hohem Blutverlust im Auge behalten wollten. Wäre das nicht gewesen – glaub mir mein Kind – wir wären direkt am Tag nach der Geburt mit Dir nach Hause gefahren. Auch wenn wir ein Zimmer für uns allein hatten.. die Hitze an diesem Wochenende, die fehlende Privatsphäre, die vielen Geräusche. Es war eine Herausforderung für uns drei. Du hast uns bereits dort deutlich gezeigt, dass Du lautstark und vehement für deine Bedürfnisse einstehst – gut so. Schlussendlich ging ich mit Verunsicherung und nachgeburtlichem Hormoncocktail vier Tage später aus dieser dennoch wundervollen Klinik. Es war toll, Dich dort zur Welt bringen zu können. Doch gab es hier und da Dinge, die in der so empfindlichen Phase nicht förderlich für das seelische Wohlbefinden waren. Drum freuten wir uns, endlich mit Dir in unsere Höhle daheim fahren zu können.
Ab dann ging es aufwärts. Unsere liebe Hebamme bestärkte uns so wunderbar und gab uns hilfreiche Worte an die Hand. Nach einer Woche waren wir beide ein tolles Stillteam und es war der Beginn für eine noch bis heute anhaltende Stillbeziehung. Mein Kind, es ist ein unfassbares Gefühl, Dich mit meinem Körper ernähren zu können, Dir beim Wachsen zuzusehen. Ich habe es mir so für uns gewünscht und ich bin sehr dankbar, dass es so wunderbar läuft. Ich bin durch unsere Stillbeziehung selbstsicherer geworden, da ich Vertrauen in Dich und meinen Körper finden durfte. Dir vertrauen zu können, dass Du Dir genau das holst, was Du brauchst. Und zu wissen, dass mein Körper Dir genau dies zur Verfügung stellt. Ein Wunderwerk der Natur. Das Beste für uns beide.
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Durch Dich habe ich wieder viel über mich lernen dürfen. Du bist mein kleiner Lehrer, mein Zen-Meister. Im Hier und Jetzt ankommen, mich viel mehr auf den Moment einlassen und daraus noch mehr schöpfen zu können – Dein kindliches Bewusstsein wirkt auf mich höchst therapeutisch. Eine Dusche, eine Tasse Kaffee, der Blick ins Grüne während wir Stillen, Dich zu beobachten.. all das und noch viel mehr, diese kurzen Momente der Glückseligkeit. Ich erkenne sie und genieße sie immer mehr. Ich versuche daraus die Kraft zu schöpfen, die ich für den Alltag mit Dir brauche. Denn Du brauchst mich noch sehr und das ist absolut richtig und in Ordnung so. Seit einigen Monaten spielt auch Dein Papa eine immer wichtigere Rolle für Dich, worüber ich sehr dankbar und glücklich bin. Was hast Du aber auch für einen tollen Vater! Wie stolz er auf Dich ist. Wie er Dich liebt. Wie er sich um Dich kümmert. Wie sehr habe ich mir das für Dich gewünscht und wie reich sind wir beide beschenkt, dass es genau so eingetreten ist. Es ist wundervoll euch beide so miteinander spielen, rumalbern und toben zu sehen. Auch wenn Du Kummer hast, ist er für Dich da. Auch er durfte bereits vieles durch Dich lernen und in einem neuen Blickwinkel betrachten. Er ist bereits jetzt schon sehr über sich hinausgewachsen. Du kleiner Mensch bewegst so viel. Unglaublich.
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Oh Boy, Du bist ein Geschenk. Ein kleines großes Wunder. Dass Du da so in meinem Bauch heranwachsen durftest.. so komplett, so schön. Dass Du schon mit nicht mal einem Jahr so viel Persönlichkeit hast. Sensibel, neugierig, aufmerksam, witzig. Ein kleiner Schelm bist Du schon. Du hast von Beginn an Dein eigenes Tempo bewiesen. Wir durften Dir vertrauen, dass Du selbst wusstest, welcher Entwicklungsschritt da nun für Dich wichtig und machbar ist. Und Schritte hast Du schon früh machen wollen. Mit sieben Monaten liefst Du an der Hand, seit Du 11 Monate alt bist läufst Du allein. Wir können nur staunen, wie toll Du Dich entwickelst. Täglich passieren hier Wunder, wenn wir Dir zusehen dürfen, was Du wieder neues dazulernst.
Wir lachen. Wir weinen. Wir freuen uns. Miteinander. Wir sind als Familie zusammengewachsen. Wir wachsen über uns hinaus. Wir setzen Prioritäten anders. Wegen Dir. Denn ohne Dich wären wir keine Familie. Du bist unser Mittelpunkt, den wir behüten, pflegen und lieben. Wir begleiten Dich auf Deinem Weg und tragen täglich ein schwereres Herz mit uns herum – weil wir so erfüllt sind vor lauter Liebe für Dich.
Mach weiter so, mein kleines großes Menschlein. Du bist ne Wucht! Heute feiern wir Dich noch einmal mehr, als wir es eh schon täglich tun. :-)
