
Manchmal, da wächst mir alles über den Kopf. Manchmal häuft sich viel vor mir an. Da kann ich kaum über den großen Berg schauen, der sich vor mit aufgetürmt hat. Einen klaren Kopf bewahren fällt mir nicht immer leicht. Fühle ich oft einfach erstmal nur. Die Anstrengung. Der Druck, der auf mir lastet, dies nun irgendwie alles bewältigen zu müssen. Muss ich? Ich muss gar nichts. Doch vieles davon möchte ich schaffen. Vieles davon bereitet mir ein gutes Gefühl. Körperlich und seelisch.
Der klare Kopf ist ja nun seit einiger Zeit viel mehr unklarer Erscheinung. Das tägliche Pensum mit unserem sensiblen Menschenkind zu erfüllen, ist tatsächlich schon genug – nach den vielen vielen unruhigen Nächten in den letzten 1,5 Jahren.
Auch meine Baustellen wollen immer weiter bearbeitet werden: Die Arbeit an mir selbst – einige gewohnte Strukturen und Glaubenssätze zu durchdringen und hinter mir zu lassen.. weil sie mir einfach nicht gut tun. Weil sie mich an einem glücklichen und leichten Leben hindern. Jeden Tag diese Arbeit an mir selbst. Viele Momente am Tag, in denen ich innehalte und mich bewusst für einen anderen Weg entscheide, als ich ihn selbst erfahren und gelernt habe. Man sieht es nicht von außen – doch es arbeitet unaufhörlich in mir. Und es erfordert so viel Energie.
Meine Grenzen im Rahmen meiner Hochsensibilität nicht aus den Augen zu verlieren, ist darüber hinaus täglich eine weitere Aufgabe für mich. Vor allem, weil meine Grenzen leider doch immer wieder überschritten werden – denn es ist zur Zeit nur schwer möglich, mir genügend Ruhezeiten einzuräumen. Die Lautstärke, die Unordnung, die vielen Emotionen.. so vieles, das auf mich einströmt, ungefiltert, durch meine dünne Haut. Mein Cortisolspiegel würde mich tatsächlich mal interessieren.
Neben meinen Baustellen, sehe ich natürlich noch die meiner beiden Herzmenschen. Als Paar bringt jeder seine Geschichte mit in eine Beziehung und manchmal da kollidieren dann die Geister der Erinnerung aufeinander. Prüfen uns. In unserer Beziehung. Als Eltern. Wir sehen täglich, wie sich unser Mini-Mensch weiter entwickelt. Wie er die Welt und sich selbst entdeckt, begreift und verstehen lernt. Veränderung, unaufhörlich. Und wir mittendrin. Wachsen immer weiter mit und merken, dass das Konstrukt einer Familie noch mehr Flexibilität und Kompromisse erfordert, als in der Paarbeziehung.
Uff.
..

Gerade sehe ich mich als ein Haus. Das mit besten Wissen und Gewissen von meinen Eltern geschaffen wurde. In der Hoffnung, dass es stabil gebaut ist, dass es einiges aushalten wird und ein langes erfülltes Leben haben wird. Im Laufe meines bisherigen Lebens habe ich, dieses Haus, einige Stürme aushalten müssen. Die Fassade bröckelte immer mehr ab und legte, besonders nach dem großen Erdbeben – der Tod meines Sohnes – einiges in den Grundmauern frei. Und je mehr freigelegt wurde, desto mehr kam für mich zum Vorschein, dass mein Grundgerüst doch nicht so stabil und belastungsfähig gebaut wurde. Ja, an manchen Tagen fühlt es sich an, als würde alles drohen einzustürzen, weil das Fundament ziemlich bröckelig erscheint. Ich sehe die vielen Baustellen an meinem Haus, die besonders an dunklen Tagen in der Summe aussehen, wie eine Grundsanierung. Dann sehe ich nur die Makel und finde kaum noch etwas, das mir Hoffnung gibt, dieses Haus zu erhalten. Doch ich bin in der Sanierung und Renovierung eher Laie. Ich brauche dazu professionelle Unterstützung. Menschen, die ein wenig Ahnung haben und vor allem nicht in diesem Haus gelebt haben. Die von außen drauf blicken und mir gute Tipps geben können, vielleicht sogar tatkräftig mit anpacken. Ich habe glücklicherweise solche Menschen in meinem Leben. Vor allem einen Profi, die mittlerweile ganz gute Ahnung hat, wie es in meinem Häuschen aussieht. Die zwar die abgebröckelte Fassade sieht, die freigelegten Grundmauern und meine wackeligen Stützpfeiler. Die aber eben dennoch auch sieht, wieviel Potenzial darin steckt. Wie gut erhalten die Grundmauern sind und dass dort vielleicht nur nochmal etwas Mörtel und ein paar stabilere Stützpfeiler eingebaut werden müssen, damit das Haus wieder stabil steht. Damit es die kommenden Stürme im Leben gut aushalten kann.

Manchmal ist es gut, wenn die Fassade bröckelt. Wenn der Blick ins Innere möglich wird und von Grund auf einiges beseitigt, erneuert und fest integriert werden kann. Denn selbst die schönste Fassade kann ein wackeliges und instabiles Haus irgendwann nicht mehr halten. Gut, dass es diese Stürme in meinem Leben gab, die immer wieder ein Stück meiner Fassade abgetragen haben. Denn darunter liegt mein wahres Ich verborgen. Und darauf zu blicken ist wahrlich nicht immer einfach, aber heilsam.
