Fehler

Ein stürmischer Tag nach den Weihnachtsfeiertagen. Wie immer läuft mein Vieldenker-Kopf auf Hochtouren und ich spüre wie es mich ermüdet. Erschöpft. Denn mein innerer Kritiker ist wieder besonders laut in diesen Tagen.

Unser Weihnachtsfest war nun ein sehr ruhiges. Nur wir drei. Mein Herzmensch pflichtbewusst arbeitend. Mein Mini-Menschlein steckt offenbar wieder in einem Entwicklungsschub – der letzte ist gerade mal einen Monat her. Ja, so ein kleiner Mensch muss schon enorm viel lernen und jedes Mal wird seine kleine Welt wieder ordentlich aufgerüttelt. Generell benötigt er seit seiner Geburt viel Zuwendung und Rückhalt. In den Schüben wird es dann nochmal ein Stück intensiver. Während er also sichtbare Fortschritte in seiner Entwicklung verzeichnet, macht er zeitgleich auch einen Sprung zurück – indem er viel stillt, viel getragen werden und nicht allein sein möchte. Dann vergewissert sich dieser kleine liebenswerte Mensch immer mal wieder mit seinem zarten Mama nach meiner Anwesenheit und folgt mir oft auf Schritt und Tritt. Doch er lebt auch seine Autonomie und entscheidet gerne mit; zeigt deutlich, wenn er etwas nicht möchte und möchte selbstwirksam handeln. Ich versuche ihm dies immer wieder, so gut es geht, zu ermöglichen – mein Herzmensch natürlich auch. In Zeiten von Entwicklungsschüben ist oftmals die Geduld vom kleinen Menschen nicht all zu groß – sei es mit uns oder mit sich selbst. Kurzum: Wenn etwas nicht funktioniert, fließen Tränen. Und das häufig und mehrmals am Tag. Nicht nur bei ihm – irgendwann auch bei mir.

Denn irgendwann entwickele ich leider doch das Gefühl, dass ich alles verkehrt mache – da mein kleiner Mensch nicht zufrieden zu sein scheint mit all meiner Zuwendung und Mühe. Auch wenn ich weiß, dass ich nicht dafür zuständig bin, mein Kind glücklich zu machen – das ist schlicht unmöglich.. nicht nur bei Kindern. Dass mich diese Mutterschaft noch einmal so aufrütteln und mir ständig den Spiegel meiner Kindheit vor Augen halten würde, hätte ich zuvor nicht erwartet. Denn in so vielen Momenten höre ich nicht nur mein Kind vor mir weinen – sondern auch das in mir drin.

In diesem Jahr sind so viele Erinnerungen für mich spürbar geworden. Die, die ich zuvor so nicht als schmerzhaft empfand. Die ich nie als Wunde angesehen habe – so klein sie auch sein mögen. Doch immer wieder flackern Bilder auf, die mir etwas zeigen wollen. Und am Ende ist es oft die Erkenntnis: Einiges möchte ich anders machen. Völlig normal – sagt meine Therapeutin. Denn alle Kinder wollen es irgendwann bei ihren Kindern anders machen, als ihre Eltern. Seit der Geburt des kleinen Herzkindes bricht diese Erkenntnis gefühlt lawinenartig über mich ein – immer weiter, Stück für Stück. Und so sitze ich da, reflektiere ständig mein eigenes Verhalten gegenüber meinem Kind und sortiere gleichzeitig meine eigene Kindheit im Hinterkopf.

Hinzu kommen immer wieder Erinnerungen aus meiner ersten Mutterschaft. Wenn mein Herzenskind auf meinem Schoß sitzt und seine feinen blonden Haare in meinem Gesicht kitzeln – dann wird vieles in mir wach. Sicherlich geht es allen Eltern so, die ein weiteres Kind in ihre Mitte bekommen – doch bei mir fühlen sich diese Momente oft schwer an. Denn es ist eben vorbei mit diesem ersten Kind. Keine neuen Erinnerungen. Keine Möglichkeit mehr, es nochmal besser zu machen, irgendwie gerade zu bügeln. Nein. Und schaue ich mir Videos aus der Zeit mit meinem ersten Sohn an, sehe ich eine andere Mutter. Eben ohne all die Erfahrungen und Erkenntnisse im Rucksack. Statt mir in erster Linie mit dem wohlwollenden Verständnis entgegen zu kommen, dass ich es eben noch nicht besser wusste zu dieser Zeit – sehe ich da nur meine Fehler. Direkt fallen mir noch weitere Situationen mit meinem ersten Sohn ein, in denen ich mich entgegen meiner eigentlichen Werte und Überzeugungen verhalten habe – und gehe hart mit mir ins Gericht.

Fehler.

Fehler.

Immer wieder in meinem Kopf.

Sie haben ihren Sinn im Leben. Lehrreiche Erfahrungen, die im besten Fall bewirken, es beim nächsten Mal anders zu machen. Meine Fehler lassen mich achtsam sein. Doch mein innerer Kritiker ist noch zu stark, nimmt noch zu sehr meine Gedanken und mein Fühlen ein. Und dann reißt ein einziger Fehler, der für andere vermutlich eine Winzigkeit darstellt, meine gesamte Welt herunter. Das Problem dabei liegt in meiner Wertung. Mein hochsensibles Gehirn hat über die Jahre leider eine völlig verquere Wertvorstellung von Fehlern abgespeichert.

Fehler? Gehen gar nicht. Die Welt geht unter! Wie konntest du nur? Was fällt dir ein? Du musst doch ALLES richtig machen! -mein Gehirn

Fahre ich erstmal auf diesem Zug aus Selbstkritik und grenzenlosen Fehlersuche, verfolgt es mich sogar in den Schlaf. Ja, die wenigen und kurzen Schlafsequenzen in der Nacht rauben mir dann noch mehr Energie – denn ständig tauchen Personen in meinen Träumen auf, mit denen ich fehlerhafte Erinnerungen verbinde. In völlig neuen Konstellationen und Situationen wird mir in meinem Träumen nochmal der erhobene Finger gezeigt. Oder eher: Mit dem Finger auf mich gezeigt. Es hagelt Vorwürfe, warum ich mich so und so verhalten habe. Ich spüre die tiefe Ablehnung der Personen so stark, dass ich es oft mit in den Tag trage.

In gewisser Weise spielt meine Hochsensibilität dabei eine Rolle. Denn das hochsensible Gehirn ist oft auf gnadenlosen Selbstanspruch getrimmt und hat einen ganz lauten und strengen Kritiker an der Seite. Diese kritische Erscheinung gilt es für mich Stück für Stück auszuschalten bzw.verstummen zu lassen. Denn er hilft mir in keinster Weise dabei, voranzukommen. Eher sitze ich da, wie ein hilfloses kleines Kind, das gerade lauthals ermahnt wird und sich seiner Fähigkeiten nicht mehr bewusst ist. Verliere meine Perspektiven aus den Augen – denn wie soll ich das bitte erreichen, wenn ich doch so unfähig bin? Obwohl ich mit meinem reinen Verstand dagegen argumentiere und weiß, dass das absoluter Humbuck ist – glaube ich den Mist immer noch. Dabei weiß ich auch: Ich würde nicht mit meinem Kind so sprechen. Oder mit meinem Herzmenschen. Oder einer guten Freundin. Oder oder. Wohlwollende Worte hören andere von mir, wenn ihnen etwas nicht gelungen ist oder schief gelaufen ist. Kann doch mal passieren. Beim nächsten Mal klappt es bestimmt. Wieso nur kann ich mir selbst nicht solche guten Worte schenken?

… noch nicht. Ich arbeite daran. Und übe mich in Mantren. Eines davon dürfen sogar schon die kleinsten Menschen lernen:

… und am Ende all meiner inneren Kämpfe kommt immer wieder die Erkenntnis:

It is easier to build strong children than to repair broken men. Frederick Douglass

Fotos:
(1) Quelle: https://learningfromexcellence.com/there-is-no-error/
(2) Quelle: hietnatz

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