Alte und neue Erfahrungen

Als ich meinen Herzmenschen kennenlernte, war ich Ende zwanzig und er Anfang dreißig. Im Vergleich zu Paaren, die beispielsweise seit ihrer Jugend zusammen sind oder mit Volljährigkeit zueinander fanden, haben wir in diesem Alter schon einiges mehr an eigener Vergangenheit mit in die Beziehung gebracht. Beide standen wir mitten im Leben, sorgten für uns selbst und hatten einiges an Erfahrungen gesammelt. Jugendlieben dagegen sind gemeinsam erwachsen geworden, haben sich mit einer ganz anderen Lebenserfahrung im Gepäck kennengelernt.

Wenn man so mitten im Leben die Liebe des Lebens kennenlernt, bringt man die Bereitschaft mit, die Vergangenheit des anderen mit anzunehmen. Immerhin hat diese dazu beigetragen, dass daraus der Mensch entstanden ist, in den man sich verliebt hat.

Wenn sich eines sehr schnell für mich zeigte: Mein Herzmensch ist -oh Wunder!- bereit, Gespräche zu führen. Dinge von sich preiszugeben, um mir somit zu ermöglichen, ihn gut zu verstehen und einschätzen zu können. Durch seine Erfahrungen weiß er in erster Linie, was er nicht mehr möchte. Und nach und nach formt sich eine Vorstellung von dem, was er will vom Leben. So ging es mir auch, als wir uns kennenlernten. Da wir beide sehr ähnliche Vorstellungen und Wünsche hatten, hat es eben so gut harmoniert. Und tut es immer noch.

Eine Beziehung ist so vielen Veränderungen ausgesetzt, an denen sie stetig wachsen darf. Im besten Fall schweißt es immer weiter zusammen, festigt die Liebe und lässt das Vertrauen tiefe Wurzeln schlagen. Manchmal verändern sich beide Partner nach Jahren jedoch so sehr, dass es auch nicht mehr passen kann. Ich, als Scheidungskind, hatte dahingehend letzteres erfahren. Eine Scheidung betrifft eben auch die Kinder – egal, in welchem Alter sie erfolgt. Ich war damals 16, steckte noch in meiner erster Beziehung und so vieles um die Trennung meiner Eltern herum, prägte mich für mein weiteres Leben. Das weiß ich heute – dank meiner Therapie. Das begreife ich nun noch mehr, weil mein Herzmensch eben ganz andere Erfahrungen sammeln durfte. Und ich sehe, wie ihn das geprägt hat. Sein tiefes Vertrauen in unsere Beziehung und seine bedingungslose Liebe fangen mich immer wieder auf, wenn ich in herausfordernden Zeiten von meiner Angst und Unsicherheit eingeholt werde – weil ich glaube, mich würde dasselbe ereilen, wie meine Eltern. Doch mein Herzmensch, mein Geschenk des Himmels, ist eben genau der Anker, der mich festhält, wenn ich mich in meinem Meer aus Erinnerungen verliere. Mein Fels in der Brandung.

Ebenso verhält es sich im Konstrukt unserer Familie: Mein Herzmensch hatte bis dato keine eigenen Kinder. Die Vaterrolle und das Familienleben sind neu für ihn. Ich habe dagegen bereits meine Erfahrungen mit in die Beziehung gebracht. Und die waren natürlich wahrlich nicht leicht. Ein schwer krankes Kind zu haben und es am Ende beim Sterben zu begleiten – ja, das prägt. Sehr sogar. Mein Verstand weiß, dass diese Erfahrungen so ganz außergewöhnlich und nicht normal waren. Das eigene Kind nur bis zum dritten Lebensjahr begleiten zu dürfen, ist so von der Natur nicht vorgesehen. Doch in meinem Kopf, in meinem Gefühl von Mutterschaft, hat sich irgendwie ein Timer eingebaut. Und der ist offenbar bis zum dritten Geburtstag eingestellt. Da ist die große Angst, dass die neue Erfahrung mit unserem Herzenskind, auch zu dieser Zeit enden könnte. Da ist das Gefühl, jetzt bloß nichts verpassen zu wollen – denn es könnte ja jeden Moment wieder vorbei sein. Und so befinde ich mich derzeit in einem Hamsterrad. Ich erkenne das alles. Ich weiß, warum ich so unruhig bin und ängstlich – und ich komme nicht so ganz heraus. Da sind sie also – die Spuren meiner Vergangenheit. Die Erfahrungen aus der Zeit mit meinem ersten Sohn haben mich sehr nachhaltig geprägt. Die Ausläufer dessen spüre ich jetzt, mit meinem zweiten Kind.

Ich weiß, dass dies ein neues Kapitel ist. Ein ganz eigener Abschnitt, der neue Erfahrungen und Erinnerungen mit sich bringt. Doch hängen eben noch die Fäden aus dem anderen Kapitel an mir. Ob ich sie durchtrennen soll? Oder einfach nur schauen muss, wo ich die Spannung herausnehmen kann? Ich weiß es gerade nicht. Jetzt ist es so. Und ich darf nun für mich sorgen -mit Unterstützung. Denn alleine schaffe ich das nicht. Auch so eine neue Erfahrung.

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