Ach Leben. Es wird einfach nicht langweilig mit Dir. Stets hältst Du neue Aufgaben für mich bereit, wodurch ich wieder enorm viel lernen darf. Vor allem über mich selbst. Und immer wieder stehe ich zwischendurch da und frage mich: Wer bin ich eigentlich? Was ist mir wichtig und was ist gut für mich?

Ich durchlaufe offenbar seit dem Tod meines Sohnes einen Aufwachprozess, der mit der Geburt meines zweiten Sohnes beschleunigt wurde. Jetzt wird mir so vieles immer mehr bewusst. Und das erschreckt mich. Es stellt meine bisherigen Ansichten und Herangehensweisen ziemlich auf den Kopf. Manches davon tut enorm weh, vor allem dann, wenn die Erkenntnis Einzug hält: Hätte ich es doch schon eher so gesehen. Doch diese Gedankenspirale von Hätte-Wenn-Und-Aber bringt mich nicht weiter.
Wie immer zählt das Jetzt.
Sicher. Ich kann aus meinen Erfahrungen Rückschlüsse ziehen. Meine früheren Erfahrungen beeinflussen mich ganz sicher in meinem jetzigen Handeln und Denken. Doch eine Vorausschau ist nicht möglich. Es ist reine Spekulation. Gepaart mit Hoffnung oder auch Zweifel. Ich habe nur jetzt die Möglichkeit, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Und damit schließt sich etwas in der Zukunft an. Doch wie die Zukunft sein wird, kann mir niemand voraussagen.
Rückblickend und in meiner aktuellen Situation scheint das Thema Loslassen immer wieder eine große Rolle zu spielen. Loslassen bedeutet für mich ein Stück weit Kontrolle abzugeben. Ins Vertrauen zu gehen. Für mich, als Mensch mit vielerlei Ängsten und Unsicherheiten, ist dieses Vertrauenfinden eine ganz schön heikle Angelegenheit. In meiner Therapie habe ich schon recht gut herausfinden können, woher all diese Ängste kommen könnten. Natürlich haben sich im Laufe meines jungen Lebens Ereignisse ergeben, die meine Ängste noch mehr gefüttert haben. Beispielsweise schwingt als Scheidungskind immer mal die Angst und Unsicherheit mit, mir könnte Ähnliches widerfahren – und tatsächlich liegt bereits eine Scheidung hinter mir. Und natürlich ist der Verlust meines ersten Sohnes nicht ohne Spuren geblieben. Die Angst, es könnte mir noch einmal passieren – sei es, ein schwer krankes Kind zu haben und dieses beim Sterben zu begleiten – sie ist eben da. Sicherlich haben alle Eltern Angst davor, ihre Kinder zu verlieren. Es ist wohl ein ganz natürlicher Instinkt, seinen Nachwuchs schützen zu wollen.
Doch der Schutz, den wir unseren Kindern bieten wollen, paart sich mit der Freiheit, die wir ihnen geben sollten. Ein behütetes und einfühlsames Zuhause mit offenen Türen und einer Portion Mut und Vertrauen. So möchte ich es meinem Herzenskind ermöglichen. Und bisher gelingt es mir auch recht gut, denke ich.
Die vergangenen Wochen haben mich nochmal intensiv mit dem Thema Loslassen konfrontiert. Mein Herzenskind jemandem anzuvertrauen, den ich nicht kenne. Beobachten. Abwarten. Dasein. Aushalten. Ich habe mein Kind begleitet und dabei versucht meine Unsicherheiten zu überwinden. Ich habe versucht loszulassen, wie es immer so schön heißt. Doch habe ich festgestellt, dass ich es nicht kann. Und mein Kind ebenfalls nicht. Oder noch nicht? Ist Loslassen eigentlich der richtige Begriff dafür, wenn wir unsere Kinder die Welt entdecken lassen? Denn für mich fühlt sich Loslassen endgültig an.
Und das habe ich bereits einmal durch. Dieses Loslassen von meinem ersten Sohn. Auch in der akuten Trauerzeit hörte ich immer mal wieder den gut gemeinten Satz ‚Du musst ihn irgendwann mal loslassen‘. Für mich fühlte es sich bereits da nicht richtig an. Ich habe seine körperliche Hülle losgelassen, gehen lassen. Doch all die Erinnerungen an ihn, die ganzen Gefühle.. muss ich das wirklich loslassen? Es ist das einzige, was mir von ihm bleibt. Die leichten und schweren Gefühle, die in mir ausgelöst werden – sie gehören alle dazu. Sie haben alle ihre Berechtigung. Die Annahme, sie stünden mir ein Stück weit im Weg, ist für mich nicht stimmig. Meine Therapeutin hat mich in den letzten Jahren darin bestärkt, diesen Loslass-Gedanken zu relativieren. Ich darf ein Stück von meinem Sohn festhalten. Behalten. Letztlich halte ich ihn in meinem Herzen, in meinen Gedanken fest. Das einzige, was bleibt.
Losgelassen habe ich von ihm viele materielle Gegenstände, die mich an ihn erinnerten. Dass ich Spielzeuge und Kleidung von ihm abgegeben habe, war ein Prozess. Diesen konnte ich nicht mit Verstand beschleunigen. Meine Gefühle zeigten mir dabei den Weg – denn es kam immer von ganz allein. Ich durfte mir vertrauen, dass ich schon genau herausfinden würde, wann der richtige Zeitpunkt dafür käme. Mein Gefühlsleben ist also immer mehr zu meiner Richtschnur auf dem Weg zu mir selbst geworden. Denn ich kann noch so sehr versuchen mit Verstand zu argumentieren – wenn es sich nicht stimmig für mich anfühlt, dann passt es nicht für mich.

Ich kann also sagen, dass die vergangenen Wochen das Loslassen für mich neu definiert haben. Ich werde mein Herzenskind wohl nie ganz loslassen, denn wir werden hoffentlich immer eine Verbindung zueinander haben. Die Grundlage dafür legen wir jetzt, indem ich versuche ihn zu verstehen und gut auf ihn und seine Bedürfnisse einzugehen. Ich würde also eher sagen, dass ich meinem Kind Raum gebe, sich zu entfalten und seiner natürlichen Entwicklung nachzugehen. Jetzt scheint er noch sehr eng jemanden an seiner Seite zu brauchen, der sich gut auf ihn einstellen kann. Diesen Rahmen konnte das Vorhaben der letzten Wochen nicht bieten. Nun denn. Wir haben es versucht, trotz einiger Unsicherheiten.
Was ich also loslasse sind vermeintliche Anforderungen an mich selbst. An mein Kind. Das jetzt schon können zu müssen. Wir sind noch nicht soweit. Punkt. Den Vergleich zu anderen Familien, die Annahmen der Gesellschaft, was gut und richtig für Kinder ist – das lasse ich los. Denn das bringt nur Unruhe, noch mehr Unsicherheiten und Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit. Was für uns richtig ist, können nur wir selbst herausfinden und wissen – wenn wir hineinspüren. Die Natur hat uns da so tolle Werkzeuge mitgegeben, also nutzen wir sie doch!
Meinem Herzenskind zeige ich jetzt, wie er seine Gefühle als Werkzeuge nutzen kann – und ich lerne es somit auch nochmal neu.
