Momentaufnahme

„Siehst du. Das passiert, weil du nicht auf mich hörst.“

An einem sonnigen und kühlen Spätsommermorgen gehe ich mit meinem Herzenskind spazieren. Aufgrund von Bauarbeiten an den Bahngleisen in den vergangenen Wochen haben sich Züge zum derzeitigen Favoriten entwickelt. Wir beschließen gemeinsam, noch einmal zum Bahnübergang zu gehen und vorbeifahrende Züge zu beobachten.

An diesem Morgen hat auch eine andere Mutter die Idee, mit ihrem in etwa gleichaltrigen Sohn die Züge anzuschauen. Als sie uns entgegen kommen, schwingt in ihrer Begrüßung bereits nicht viel Positives mit. Vielleicht hat sie keinen guten Morgen heute, denke ich bei mir.

Der kleine Mensch hat unweit der Bahngleise einen sehr großen Radlader entdeckt, den er lieber ansehen möchte. Seine Mutter erinnert ihn noch einmal eindringlichst, dass sie doch Züge schauen wollten. Doch er hat andere Pläne. Eingekleidet in Matschanzug und Regenstiefel läuft er los und entdeckt auf dem Weg zum Radlader eine Pfütze. Seine Mutter ermahnt ihn direkt in einem herrischen Ton, er solle doch nicht auf die Idee kommen, dort hineinzuspringen. Sie läuft hinter ihm her und zieht ihn an der Hand zurück, denn sein fahrbarer Untersatz steht nun unbeaufsichtigt zu weit von ihnen entfernt. „Ich kann doch hier nicht einfach dein Rad so stehen lassen. Du musst darauf aufpassen. Guck mal, der Junge lacht dich auch gleich aus“, höre ich sie sagen. Ich murmele ein „Wird er nicht“ zu ihr zurück, denn mein Herzenskind wird ihn sicher nicht deswegen auslachen.

Der kleine Mensch, sichtlich unbeeindruckt, läuft wieder los zur Pfütze. Mein Herzenskind verfolgt ihn mit interessierten Blicken und möchte nun auch zur Pfütze und zum Radlader. Kurzerhand greife ich zu den Regenstiefeln in unserem fahrbaren Untersatz und runde sein Matschoutfit ab. Jetzt kann sich mein Kind nach Herzenslust in die Pfütze stürzen.

Nicht so der andere Junge. In den rund 10 Minuten, die er und seine Mutter in unserer Nähe waren, erlebte ich kaum eine positive Begegnung der beiden. Vielleicht hat sie heute einfach keinen guten Morgen, sage ich mir immer wieder, um das leider nicht überhörbare Gespräch der beiden für mich zu relativieren. Immer wieder ertönt sein Name in einem mahnenden Ton. Als er überlegt, mit seinen Händen in der Pfütze zu spielen, höre ich „Wag es ja nicht“ und senke den Blick zu meinem Herzenskind, der gerade in der anderen Pfütze hockend ausgiebig mit den Händen im Matsch wühlt. Ich frage mein Kind, wie es sich anfühlt und er entgegnet mir zufrieden „Kalt“ und „Matsch“. Ich ermutige ihn noch einmal, große Steine in die Pfütze zu werfen – so, wie er es zwei Tage zuvor auf unserem Spaziergang in einer anderen Pfütze ausprobiert hat. Ich bin mit ihm gespannt, wie hoch und weit das Wasser wohl spritzen wird, wenn der Stein in die Pfütze fällt.

Währenddessen ist es für mich schwer, der Situation zwischen der Mutter und ihrem Kind nicht zu folgen. „Guck dich mal an, wie du aussiehst“, höre ich sie sagen, während sie ihren Sohn am Arm zum Rad zerrt, um seine Hände mit Feuchttüchern zu reinigen. „Du sollst dich nicht so dreckig machen, das ist eklig“, spricht sie zu ihm, als sie ihm die Hände grob säubert. Kurz darauf läuft er wieder zur Pfütze. Unbeeindruckt von den Worten seiner Mutter. Auf dem steinigen Untergrund gerät er plötzlich ins Stolpern und fällt hin. Er beginnt zu Weinen und nun schaut auch mein Herzenskind zu ihm hinüber. Mein Kind verzieht das Gesicht und sagt „Kind, aua“ und hat offenbar verstanden, dass sich der Junge gerade wehgetan hat. Seine Mutter geht mit wütender Haltung auf ihn zu, zerrt ihn am Arm hoch und schreit „Siehst du, das passiert, wenn du nicht auf mich hörst“. Keine tröstenden Worte für ihr weinendes Kind. Keine einfühlsame Haltung. Immer wieder stolpert er, fällt hin und beginnt zu weinen. Es ist auch wirklich ein schwieriger Untergrund für so kleine Füße. Die Mutter beschließt kurzerhand, den Aufenthalt in dieser Umgebung zu beenden und sagt zu ihrem Sohn, dass sie nun geht. Sie entfernt sich von ihm, lässt ihn zurück, ruft noch von Weitem „Komm jetzt“. Der kleine Junge springt noch einmal ausgiebig in der Pfütze, scheint unbeeindruckt.

Inzwischen hat mein Herzenskind vollgematschte Hände und so einiges davon an seiner Matschkleidung. Er wühlt zufrieden und voll konzentriert in der Pfütze herum.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich die Mutter immer weiter entfernt und plötzlich läuft der Junge weinend hinterher, weil er seine Mutter nicht mehr sieht. Er fällt ein weiteres Mal dabei hin, da er schneller laufen wollte, als seine Stiefel ihn ließen. Er weint und weint – so viele Gefühle scheinen ihn zu übermannen. Die Mutter steht vor ihrem Sohn, wie er da so auf dem Boden sitzt. Und schreit ihn lauthals an. Meckert und wütet, spricht zornig mit ihm in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Kein Trost, keine Umarmung. Ich fühle mich beim Anblick dieser Situation nicht wohl. Wende den Blick ab und sehe zu meinem Herzenskind, dass so glückselig in der Pfütze seine Sinneseindrücke trainiert. Ich frage mich, wie wohl die Kindheit dieser Mutter war. Wieviel Zorn, wieviel Härte, wieviel Befehle und fehlende Empathie ihr wohl begegnet sein muss. Eine strenge Hand. Bevor sie endgültig aus unserer unmittelbaren Nähe verschwinden, sehe ich, wie der kleine Junge grob in seinen fahrbaren Untersatz gesteckt wird. Er ist still. Sagt keinen Ton mehr. Die Tränen trocknen im Fahrtwind, denke ich.

Eine Momentaufnahme. Wie so oft. Ich habe nur einen kleinen Ausschnitt eines Tages von anderen Menschen gesehen. Ich kann und möchte mir kein Urteil erlauben. Ich weiß nicht, was diese Menschen in ihrem Leben für Sorgen, für Probleme, für Ängste oder Nöte haben. Ich weiß nicht, wie ihr Privatleben strukturiert ist. Ich will es auch nicht wissen. Doch wenn eines fehlte in dieser Momentaufnahme, dann war es Liebe.

Fakt ist: Diese Momentaufnahmen sehe ich oft. Ich sehe oft, wie mit Kindern umgegangen wird und versuche in dem Moment kurz zu verstehen, warum sich Eltern so verhalten. Warum es in den Köpfen immer noch so verankert ist, dass wir Kinder im Griff haben müssen. Warum es so wichtig ist, dass sie auf Eltern hören – oder eher gehorchen. Warum nur saubere und ordentliche Kinder (und Haushalte, Gärten, Autos…) ein Indiz dafür sein sollen, dass wir gute Eltern sind. Warum so viel von diesen kleinen Menschen erwartet wird, statt sie einfach nur sein zu lassen.

Es geht mir nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich will mich nicht in ein besseres Licht rücken, weil ich vieles anders mache mit meinem Kind. Ich will sensibilisieren. Ich weiß, unter welchem Druck die Menschen heutzutage und ganz besonders momentan stehen. Ich weiß, dass wir alle mal schlechte Tage haben. Aber Fakt ist: Dafür tragen wir selbst die Verantwortung und nicht die Kinder. Wenn es mir als Erwachsener nicht gut geht, ich unausgeglichen und unzufrieden bin – dann stehe ich in der Verantwortung, mich darum zu kümmern. Nicht mein Kind. Und auch sonst niemand. Wenn ich einen schlechten Tag oder auch nur einen schlechten Moment habe, sollte ich den Menschen in meinem Umfeld erklären, was mit mir los ist. Damit sie wissen, dass nicht sie dafür verantwortlich sind. Denn das ist leider immer wieder das große Problem und birgt so enormes Konfliktpotential.

Kinder lernen selbst erst ihre ganzen Gefühle kennen. Als Eltern hat man die wichtige Aufgabe, ihnen dabei zu helfen, diese Gefühle zu benennen und -im besten Fall- einfach mit auszuhalten, zu begleiten. Vielen ist diese Erfahrung oft in ihrer eigenen Kindheit verwehrt geblieben – sie konnten es vielleicht erst später erfahren, was ein einfühlsamer und rücksichtsvoller Umgang ist. Und manch einem Menschen wird die schöne Erfahrung, dass jemand auf ihn Rücksicht nimmt und ihn wirklich verstehen möchte, sein Leben lang nicht zuteil. Mir tun die Menschen Leid, denen so lieblos begegnet wurde. Die keine Vorbilder hatten und überall einfach nur durch mussten – mit strengem Ton, mit wenig Feingefühl. Die sich ihr Leben lang nicht so anstellen sollten.

Denn meines Erachtens sehen wir deutlich, wo das die Gesellschaft, die Menschheit, hingeführt hat. Ich finde das beängstigend und traurig. Doch ich habe Hoffnung. In die Eltern, die sich nun immer mehr trauen, einen anderen Weg zu gehen – nämlich auf ihre Kinder behutsam und feinfühlig eingehen zu wollen. Sie so lassen können, wie sie sind und sie genau dafür zu lieben. Dass genau diese Kinder mit so viel Empathie und Rücksicht, mit einem tiefen Vertrauen in sich selbst, die Welt ein Stück verändern werden. Denn was sie am Vorbild lernen und am eigenen Leib erfahren, geben sie weiter – ob gut oder schlecht. Wir haben die Möglichkeit, ihnen so viel Gutes mitzugeben – doch müssen wir uns unserer selbst noch mehr bewusst werden.

Ich denke, viele Menschen haben die Verbindung zu sich und ihren Bedürfnissen verloren, weil es ihnen oft leider von Beginn ihres Lebens an abgesprochen wurde. Heute wissen wir wesentlich mehr über kindliche Entwicklung als noch vor 30 oder 40 Jahren. Kinder sind unwahrscheinlich kompetent und clever, von Anfang an. Sie sichern sich ihr Überleben, sie streben nach Autonomie und lieben ihre Eltern bedingungslos. So, wie die Kinder uns vertrauen – dass wir für ihr Überleben und ihr Wohlbefinden sorgen, so sollten wir auch ihnen vertrauen. Dass sie genau wissen, was für ihre Entwicklung gut und richtig ist. Dass wir sie in ihrem ganz eigenen Tempo unterstützen und begleiten – und nicht irgendwo dran ziehen und etwas beschleunigen sollten, nur weil die Gesellschaft oder Hanswurst sagt, Kinder müssen.

Pustekuchen. Kinder müssen glücklich sein und geliebt werden. So, wie sie sind. Kinder sollten Kinder sein dürfen – so lange, wie möglich. Kinder brauchen Vorbild und Liebe, sonst nichts, sagte Jesper Juul einst. Und damit hatte er so Recht. Liebe ist die Antwort – auf alles.

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