Schwere

Manchmal umgibt und durchdringt mich eine Schwere. Meine Stimmung ist niedergeschlagen und gedrückt – und ich weiß manchmal nicht warum. Es fällt mir schwer zu lachen. Es fällt mir schwer Antrieb zu finden. Es fällt mir schwer, positiv zu denken und irgendetwas Gutes an mir oder dem Leben zu finden. Es sind Momente. Oder auch ein kompletter Tag.

Ich kenne dieses Gefühl ganz besonders aus meiner akuten und frischen Trauerzeit. Das Jahr nach dem Tod meines Sohnes war zäh wie Kaugummi und ich wünschte mir sehnlichst Leichtigkeit zurück. Das Leben sah ich durch einen Schleier, der anfangs dicht und beinah undurchlässig war. Mit der Zeit wurde er transparenter und ließ wieder immer mehr hindurch. Ich fand meinen Weg durch die Trauer und kam Stück für Stück ins Leben zurück. Ich weiß, dass die Trauer um meinen Sohn nie ganz verschwinden wird. Phasenweise ist sie wieder mehr im Vordergrund und oft sind es nur noch Momente, in denen mich Wehmut und Sehnsucht nach meinem Kind einholen. Durch mein Herzenskind hat sich die Trauer verändert und ich habe keinen Raum mehr dafür, sie so zu leben, wie vor seiner Geburt. Das ist in Ordnung und ein Stück weit bin ich froh, dass es mir nicht mehr so sehr den Boden unter den Füßen wegreißt. Doch da ist auch Ambivalenz: Einerseits die Dankbarkeit für einen neuen Weg der Mutterschaft mit meinem Herzenskind. Andererseits das Gefühl meinem verstorbenen Sohn zu wenig Raum zu geben. Aber er ist nicht mehr hier, benötigt nicht die Fürsorge und Betreuung wie sein kleiner Bruder. Ich fühle mich manchmal zerrissen und frage mich, ob ich überhaupt so denken darf.

Ich fühle mich an manchen Tagen wie in einer dunklen Wolke gefangen. Mein Gesicht ist schwer und ich habe das Gefühl, meine Augen und meinen Mund kaum öffnen zu können. Jedes Wort zu sprechen fällt mir schwer. Ich möchte am liebsten in dieser Wolke bleiben und den Tag nur an mir vorbeiziehen lassen. Doch da ist mein Herzenskind. Da ist mein Alltag, den ich schaffen muss. Für meine Herzmenschen. Für mich. Lass Dich nicht so hängen, geht es dann immerzu durch meinen Kopf. Reiß Dich zusammen. Doch so einfach ist es irgendwie nicht. Ich blicke auf meine kleine Familie und könnte nicht glücklicher sein. Das Leben hat mir Menschen geschenkt, mit denen ich einen gemeinsamen Weg gehen darf. Ich habe ein schönes Zuhause, Essen auf dem Tisch, Kleidung zum Anziehen. Ich habe theoretisch alles, was ich brauche. Und dennoch. Die Schwere ist einfach da und überwiegt an einigen Tagen. Ich fühle mich undankbar, wenn ich doch all diese Dinge in meinem Leben habe und mich trotzdem manchmal nicht freuen kann. Als würde ich es mir selbst nur schwer machen, mit meinen Gedanken und Ansichten. Doch ich spüre, dass es nicht nur die Schwere ist, die eventuell aus meinen Verlusten resultiert. Ich habe das Gefühl, dass ich die Schwere von anderen mittrage. Entweder aus meiner Hochsensibilität heraus, weil ich doch noch nicht ganz eine Grenze zu anderen ziehen kann. Oder weil mir etwas mitgegeben wurde. Von früher.

Dieses Thema verfolgt mich. Mein ganzes Leben. Immer wieder haben sich Freund- und Bekanntschaften aufgelöst. Ganz normal, klar. Menschen kommen und gehen. Nicht nur seit dem Tod meines Sohnes sind zwischenmenschliche Beziehungen auf die Probe gestellt worden – nein, auch schon davor. Und jedes Mal fielen mir diese Abschiede ein bisschen schwer. Manche mehr, manche weniger. Oft blieb das Gefühl in mir zurück, dass ich nicht richtig bin. Dass meine Ansichten und mein Denken zu anders ist und es deswegen nicht mehr passt. Aber Veränderung ist eben immer allgegenwärtig – bei allen Menschen. Und manchmal ist sie so tiefgreifend, dass es auf beiden Seiten nicht mehr passt. Manchmal halten wir noch an den Vorstellungen und Erwartungen fest und versuchen Beziehungen aufrecht zu erhalten. Doch wenn es wirklich nicht mehr passt, ist das Ende dieser Beziehung unausweichlich. Denn zwischen den Menschen passiert so viel mehr, als wir mit dem Verstand wahrnehmen können. Mit diesen Gedanken schaffe ich mir selbst Abhilfe und Linderung, wenn der Schmerz über das Ende einer zwischenmenschlichen Beziehung da ist.

Diese Schwere. Sie ist nicht nur für mich spürbar. Auch für mein Umfeld. Ich kann sie nicht hinter einer Maske verstecken, ich kann mich nicht verstellen, wenn sie da ist. Und ich habe dann das Gefühl, sie ist wie ein Sog und zieht alle mit rein, die sich nicht abgrenzen können. Ich bin dankbar über die Menschen, die trotzdem geblieben sind und bleiben. Das ist nicht selbstverständlich für mich. Sie haben eine Wahl. So wie jene, die diese Schwere nicht mit tragen können und wollen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und niemand muss die Bereitschaft mitbringen, auch noch das des anderen mitzutragen – wenn das eigene bereits schwer genug ist.

Ich wünsche mir mehr Leichtigkeit. Ich wünsche mir auch manch sorgenfreie und gelöste Zeiten zurück. Irgendwie hat mich das Leben schon früh mit schweren Themen und einer großen Verantwortung konfrontiert. Auf meiner hochsensiblen Seele scheint vieles haften geblieben zu sein. Ich fühle mich manchmal wie ein Magnet für Erinnerungen und Gefühle. So vieles von früher ist noch da und fühlt sich manchmal gegenwärtig an. Ich darf mich darum noch einmal genauer kümmern und vieles davon auflösen, was mich im Jetzt noch belastet. Einiges durfte ich während meiner Therapie in den letzten viereinhalb Jahren bereits erkennen und von mir abbröckeln. Schicht für Schicht trage ich das ab, was mir jetzt nicht mehr dienlich ist und weg darf. Dabei werden noch einige Menschen ein Stück des Weges mitgehen – und entweder bleiben oder sich wieder verabschieden. Ich habe erkennen dürfen, dass es eine große Stärke aber auch Schwäche von mir zu sein scheint, dass ich immer direkt mit Menschen in Verbindung gehen möchte. Ich darf noch lernen, wie viel ich dort hineingebe – um mich nicht gänzlich im anderen zu verlieren.

Ach Schwere. Irgendwie bist Du schon mein ganzes Leben mein treuer Begleiter. Du hüllst mich ein in diese Wolke, die mich ein Stück weit vom Leben abgrenzt. Manchmal ist das für mein hochsensibles Wesen gut, damit ich wieder zur Ruhe und Erdung finden kann. Aber meistens bremst es mich aus. Ich möchte mehr Leichtigkeit. Ich möchte die andere Seite von mir wieder mehr spüren und leben – das Lockere, das Lustige, das Kreative, das Gelöste. Danke, dass Du da bist. Doch nun müssen wir einen Weg finden, damit Du nicht ständig so viel Raum erfährst, in dem ich mich gefangen fühle.

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