Die gute Mischung

Ich will nicht rausgehen! Ganz klar und deutlich schmettert mein Herzenskind mir diese Worte entgegen, als ich vorschlage, das wundervolle Herbstwetter auszunutzen. Irgendetwas ist in diesem kleinen Menschen los. Nachdem er auch seine Erkältung überstanden hatte, blieb scheinbar etwas zurück. Ein großes Nähebedürfnis, ganz viel gemeinsames Spiel und Rückzug. Ich will nicht auf den Spielplatz. Ich will nicht mit anderen Kindern spielen. Das sitzt. Wenn dieser kleine Mensch so klar sagt, was er nicht will, kann ich kaum etwas dagegen sagen. Ich spreche mit ihm, versuche herauszufinden, warum er diese Dinge nicht möchte – um zu verstehen. Er erzählt mir, dass es ihm zu laut und zu hektisch ist. Die Autos, die Kinder. Er möchte nicht, dass die anderen mit seinen Sachen spielen – ganz anders noch, als im Sommer, wo er von sich aus gerne allem Kindern seine Spielzeuge Auch der Vorschlag, mit Kopfhörern rauszugehen und Kindern deutlich Grenzen aufzuzeigen, stimmt ihn nicht um. Er will nicht. Und ich akzeptiere das. Denn ich kann es verstehen. Ihm scheint die Welt gerade zu viel zu sein – und ich kenne das.

Ich blicke auf unseren Sommer zurück, in dem wir so viel unterwegs waren. Viel draußen, viele Treffen mit Kindern, wenig zuhause. Der Herbst kehrt nun nicht nur in der Natur ein – auch in meinem Herzenskind und mir. Drei Tage verbringen wir daheim und ich spüre täglich mehr Frust zwischen uns. Mein Herzenskind wird öfter wütend, ich auch. Und mein Herzmensch auch. Ich will raus. Ich muss an die frische Luft und brauche Bewegung. Oftmals gehe ich alleine raus, wenn mein Herzmensch da ist und unser Herzenskind keine Lust hast. Einfach eine Runde spazieren, dann geht es mir meistens wieder gut. Doch in diesen drei Tagen ist es nicht möglich, allein spazieren zu gehen. Am vierten Tag rollt bereits der erste Gefühlssturm bei uns beiden direkt nach dem Frühstück im gemeinsamen Spiel herbei. Und dann reicht es mir. Mein Gefühl sagt: Wir müssen an die frische Luft! Mein Herzenskind will nicht, er weint und bittet, dass wir daheim bleiben. Doch ich bewege uns beide langsam Richtung Haustür. Ich verstehe Dich und weiß, dass Du nicht raus möchtest. Ich habe Deine Kopfhörer dabei, wenn es Dir zu laut ist. Deine Sonnenbrille, wenn es Dir zu hell ist. Ich sehe mein Herzenskind in all seinen Bedürfnissen und Wünschen. Aber ich sehe auch mich. Und ich kann nicht mehr die Mutter sein, die ich gerne sein möchte, wenn bei mir etwas im Mangel ist. Zur Zeit kollidieren unsere Bedürfnisse immer wieder und es gibt viele Tränen bei meinem Kind. Es fordert enorm heraus – denn ich sehe meine Mitmenschen gerne glücklich und zufrieden. Aber mich auch. Und ich darf mich auch um mich kümmern, selbst wenn es auf der anderen Seite Frust und Tränen gibt. Lange dachte ich, dass andere mich doch auch in meinen Bedürfnissen sehen müssen – so wie ich sie eben immer bei anderen Menschen sehe. Damit lag ich völlig daneben und bin von einer Enttäuschung in die nächste gewandert. Denn meine Erfahrung war: Ich muss etwas leisten und geben – dann bekomme ich dafür etwas zurück. Doch ich bin selbst für mein Glück und meine Zufriedenheit verantwortlich – niemand anders. Und so finden wir hier immer mehr heraus, was jeder Einzelne von uns braucht – generell, jetzt oder heute. Wir unterscheiden uns da in einigen Punkten, auch wenn wir drei eine Gemeinsamkeit haben: Laut, viel und hektisch braucht es nicht (immer) zu sein. Zu viele Menschen zu oft um uns herum fordert uns heraus und es ist dann deutlich zu spüren, wieviel es uns abverlangt.

Mein Kindchen hat von Geburt an die Fähigkeit, super für sich und seine Bedürfnisse zu sorgen. Er hat damit sein Überleben gesichert. Und man könnte meinen, dass sich die Abhängigkeit von uns Eltern immer mehr legt, sobald er mehr alleine machen kann. Sicher, an vielen Stellen ist das auch so. Dennoch braucht unser Herzenskind weiterhin viel Zuwendung. Er verbringt gerne Zeit mit uns und liebt es gemeinsam zu spielen. Im Sommer hatten wir mehrere Spielkontakte und er hat sich wunderbar auf die anderen Mamas und Kinder eingelassen. Spielzeug zu teilen war gar kein Problem. Es war schön, das Spiel auch einmal von außen beobachten zu können, statt mitten drin zu sein. Dieser kleine Mensch war mit einmal kontaktfreudig und offen, wie wir ihn bisher noch nicht erlebt haben. Und nun ist der Herbst da. Während die Tiere da draußen ihre Wintervorräte anlegen und sich die Natur immer mehr in den Ruhezustand begeben möchte, kehrt auch bei meinem Herzenskind ein Rückzugsverhalten ein. Nicht mehr so oft rausgehen. Er betont schon vor dem Rausgehen, dass andere nicht mit seinen Sachen spielen sollen. Die Kinder sollen weg sein. Die Autos sollen weg sein. Alles zu viel. Ich sehe mein Kind und frage mich, wo die Offenheit des Sommers ist. Und irgendwann scheine ich zu begreifen, dass auch er im Herbst angekommen ist. Wie nah dieser kleine Mensch noch mit der Natur verbunden ist. Entgegen dem täglichen Hetzen und Treiben der Menschen in der Welt, will er sich lieber zurückziehen – und ich erwische mich dabei, dass auch ich in diesem Treiben drin stecke, bin ich doch so damit aufgewachsen. Wir müssen doch rausgehen, ab an die frische Luft, jeden Tag, höre ich mich denken. Sicher, ab in die Natur und an die frische Luft ist gesund und heilsam. Doch vielleicht braucht mein Kind das nach diesem aktiven Sommer nicht mehr jeden Tag. Vielleicht brauche ich das öfter, als meine beiden Herzmenschen, so sehr ich mir auch wünschen würde, dass sie dieses Bedürfnis nach Bewegung in der Natur mit mir teilen. Die Mischung macht’s. Und so verändern sich stets einige Bedürfnisse bei jedem von uns.

Wieder mal darf ich lernen. Durch mein Herzenskind. Von meinem Herzenskind. Ich hinterfrage Glaubenssätze und Ansichten, die mein Leben geprägt und geformt haben. Einige Dinge, von denen ich innerlich wirklich überzeugt bin und für die ich brenne, darf ich aber auch manchmal relativieren, wenn sie mir das Leben mal schwer machen. Gerne koche ich frisch und gesund für meine Familie, verfolge seit zweieinhalb eine gewisse Ernährungsform, die uns allen recht gut tut. Doch wenn meine Ressourcen erschöpft sind und mich der Schlafmangel zu sehr in die Knie zwingt – dann ist Gemüseschnippeln noch kräftezehrender. Dann darf ich es mir einfach machen – und es reicht auch. Es ist dennoch genug. Es gibt Zeiten, die besonders herausfordernd für mich sind und dann kann ich eine gewisse Linie nicht mehr aufrecht erhalten, von der ich sonst so überzeugt bin. Dann gibt es Kompromisse auf vielen Ebenen – Hauptsache wir sind alle zufrieden und fühlen uns gesehen in dem, was wir brauchen. Natürlich, wir brauchen gewisse Strukturen und Routinen, die uns Sicherheit geben. Und überall lese ich, wie wichtig das für Kinder ist. Dann sehe ich aber mein Herzenskind, das so oft einfach keine Lust auf Routinen hat. So sehr ich versuche, mein Kind von gewissen Strukturen zu überzeugen – manchmal will dieser kleine Mensch einfach nicht und hat seinen eigenen Kopf. Dann finde ich andere Wege, Kompromisse, verschiebe und strukturiere wieder um. Am Ende kommen wir oft doch ans Ziel. Oder auch mal nicht. Und das ist auch okay. Perfekt geht nicht und will ich auch nicht. Es ist eben die gute Mischung.

Und am Ende zählt doch, wie glücklich wir waren. Ich möchte ein harmonisches Familienleben, nicht ständig das Gefühl haben, Kämpfe auszutragen. Dafür braucht es eben viel Verständnis für jeden von uns. Und vielleicht darf ich meine feinen Antennen da wieder sinnvoll einsetzen.

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